Donnerstag • 19. Oktober
Fritz Peyer-Müller
08. Oktober 2017

„Immer wieder Neues entdecken“

Foto: idea/Rolf Höneisen
Foto: idea/Rolf Höneisen
Vor 24 Jahren trat Fritz Peyer-Müller ins damals noch junge Institut für Gemeindebau und Weltmission IGW ein. 15 Jahre war er Rektor. Der Aufbau von IGW hängt eng mit seiner Person zusammen. Nun tritt er ab. Wie fühlt er sich? Was ist gelungen, was nicht? Und was bringt uns die „missionale Theologie“?

Fritz Peyer, bei der Verabschiedung im Rahmen der Absolvierungsfeier in Zürich erhielten Sie stehende Ovationen. Wie war die Gefühlslage?

ANZEIGE

Es war schön. Noch mehr berührt als der Applaus haben mich die wertschätzenden Worte von Michael Girgis, meinem Nachfolger als IGW-Rektor. Mein Rücktritt ist seit langem geplant. Mit meinem Nachfolger arbeite ich seit Jahren zusammen. Es ist schön zu sehen, dass das IGW munter weiterlebt. Für mich ist es Zeit zu gehen. Natürlich lasse ich etwas los. Aber es ist gut so.

Was war so bewegend an der Rede von Michael Girgis?

Er hat die Entwicklungsschritte aufgezählt, die IGW in den vergangenen 26 Jahren gemacht hat. Davon habe ich 24 Jahre miterlebt und mitgeprägt. Dann hat er meinen Führungsstil beschrieben, den ich stets als dienend verstanden habe und der offenbar als lösungsorientiert, motivierend und freisetzend erlebt wurde. Mit mir verbunden ist auch eine Kultur der Offenheit für Neues und das Arbeiten im Team.

Sie haben auch eine Rede gehalten. Worum ging es?

Die Festansprache hielt ich über die Berufung von Jeremia. In Kapitel 1 steht in Vers 8: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir.“ Es ging mir um diese Zusage, um dann zu motivieren, aktiv dranzubleiben und mit Gott unterwegs zu sein. Der Gott, der uns beruft, ist mit uns unterwegs. Dazu beleuchtete ich Erlebnisse, die ich für die Studierenden als wichtig erachte. Dies im Rückblick auf meine 40 Jahre im geistlichen Dienst.

Blicken wir auch noch etwas zurück … was hat Sie in jungen Jahren nach Ungarn geführt?

Nachdem meine Frau Liselotte das TDS und ich das erste theologische Examen abgeschlossen hatten wollten wir ins Ausland. Über Kontakte der Aargauer Kirche fanden wir einen Studienplatz in Debrecen, im Länderdreieck Ungarn, Rumänien, Ukraine. Unter 600 Studenten waren wir zwei Schweizer zusammen mit einem Kenianer die absoluten Exoten. Wir wurden auch bespitzelt. Diese Zeit in den 1980er-Jahren war erlebnisreich und prägend.

24 Jahre bei IGW, davon 15 Jahre als Rektor, ist eine lange Zeit. Haben Sie Ihre Ziele erreicht?

Heinz Strupler hat IGW 1991 gestartet, ich kam zwei Jahre später dazu und baute das Studiencenter in Bern auf. In dieser Pionierphase galt es, gute Strukturen zu legen und den Aufbau voranzutreiben.

IGW gehört heute zu den grössten Ausbildungsstätten im deutschsprachigen Raum. Dieses Jahr haben sich 125 neue Studierende eingeschrieben. Die Einführung der missionalen Theologie ab 2008 hat geholfen, die Kirchenlandschaft mitzuprägen und im Blick auf die Gesellschaft herauszufordern.

Wo haben Sie sich die Fähigkeiten, ein Seminar aufzubauen, angeeignet – wohl kaum in der Berufslehre und auch nicht im Theologiestudium?

Die dazu nötige Vorstellungskraft betrachte ich als von Gott geschenkt. Ich sehe, wie etwas wird, ohne die konkrete Ausgestaltung schon zu kennen. Das war auch bei unseren Studienreformen so. In der Praxis viel gelernt habe ich durch meine Tätigkeit als Projektleiter für das HEKS.

Vieles läuft erfolgreich. Was ist nicht gelungen?

Das Programm Lebensgestaltung ab 55 kam nicht ins Rollen. Unsere Idee war es, Menschen auszubilden, die sich der Altersgruppe der über 55-Jährigen annehmen und sie für den neuen Lebensabschnitt motivieren. Unser Konzept war der Zeit voraus, darum hat es nicht gegriffen.

Was waren unvergessliche Höhepunkte?

Etwas Besonderes war, dass uns Gott immer die richtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur richtigen Zeit geschenkt hat. Sie haben uns jeweils die nächsten Entwicklungsschritte ermöglicht. Höhepunkte waren die Einführung des 1997 lancierten Nachdiplomstudiums, das sofort grossen Zuspruch fand, und dann auch die Einführung des Masterstudiums in Zusammenarbeit mit der UNISA. Und immer wieder grosse Freude bereitet es, wenn ehemalige IGW-Studierende ihren Weg weitergehen und die Theologie in der Praxis anwenden.

Warum hat es auf dem engen Markt der theologischen Seminare IGW gebraucht?

Zum einen, weil IGW Menschen hilft, ein Theologiestudium auf dem zweiten Bildungsweg zu absolvieren. Zum anderen, weil wir uns konsequent danach ausrichten, eine Dienstleistung für die Gemeinde zu erbringen und angehende Pastoren entsprechend auszubilden. Wir unterstützen die Gemeinden in der Ausübung der Mission Gottes. Die Nähe zur Gemeindepraxis steht bei uns im Vordergrund. Die bei uns gelebte Weite wird geschätzt.

Der Erfolg scheint Ihnen recht zu geben. Dennoch verlieren Glaube und Kirche an Relevanz. Wie reagiert eine theologische Ausbildungsstätte wie IGW darauf? Sorgen Sie sich?

Nein, es braucht in Zukunft noch viel mehr gut ausgebildete Christen, die in ihrem Umfeld in die Gesellschaft hineinwirken. Wir sehen anhand vieler Abschlussarbeiten, wie ihre Verfasserinnen und Verfasser Brücken in die Gesellschaft schlagen, damit die Kirche wieder gesellschaftsrelevant wird. Und etwas Zweites: Es ist nicht so, dass die Menschen ungläubiger geworden wären. Aber sie suchen ihre Antworten immer weniger bei der Institution Kirche. Offenbar lässt sich mit der universitären Theologie heute nicht mehr leben und sterben. Und die Freikirchen waren zu lange mit dem Bild von der „bösen Welt“ unterwegs und schafften es nicht, Brücken nach draussen zu schlagen. Es gilt, Schwellen abzubauen und neu das Wohl der Gesellschaft zu suchen. Gemeinsam mit unseren Studierenden wollen wir neue Formen und Wege erschliessen. Das braucht seine Zeit; wir sind in dieser Richtung unterwegs und wollen dabei eine Theologie formulieren, mit der der Mensch von heute leben und sterben kann.

Sie sind seit 40 Jahren im geistlichen Dienst. Was haben Christen in dieser Zeit gewonnen, was eher verloren?

Freikirchliche Gemeinschaften sind heute akzeptierter als in den 1970er-Jahren. Das hängt damit zusammen, dass die Institution Kirche nicht mehr eine so wichtige Rolle spielt. Was wir verloren haben, ist, dass wir die Sprache nicht mehr haben, um verständlich über unseren Glauben zu reden. Unsere evangelisch-freikirchliche Theologie ist auf der Frage Luthers – „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ – aufgebaut. Heute stehen ganz andere Fragen im Vordergrund, zum Beispiel die Frage nach Bestimmung und Sinn. Hier fehlen uns weitgehend verständlich formulierbare Antworten. Es ist unsere Herausforderung, die aktuellen Anknüpfungspunkte neu zu finden.

Vor 40 Jahren lebte man mit einer allgemeinen Frömmigkeit. Diese fehlt der Gesellschaft von heute. Sie scheint Gott weggelegt zu haben …

Das ist so. Was mich trotzdem optimistisch stimmt, ist die Beobachtung, dass heute vieles über Beziehungen läuft. Wir waren früher lehrmässig geprägt. Die Wahrheit stand im Fokus. Heute wird Jesus in einem Beziehungsrahmen gesehen. Glaube hat einen starken Beziehungscharakter. Weil Jesus eine Person ist und kein Lehrgebäude, wirkt Gottes Barmherzigkeit auch über Beziehung, nicht nur über Wahrheit.

Schwingt hier nicht das Risiko mit, elementare Glaubenssubstanz zu verlieren?

Den Glauben können Sie in einem normativen Glaubensgebäude und seinen Dogmen genauso verlieren. Leider gibt es dafür viele Beispiele. Barmherzigkeit führt zu Gott. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die junge Generation, die einen unverkrampfteren Zugang zur Gesellschaft hat, gute Wege findet, ein sichtbares und echtes Zeugnis in der Welt zu sein.

In unserem letzten Interview sagten Sie: „Missionale Theologie führt mich dazu, die Bibel neu zu lesen.“ Was meinten Sie damit?

Es geht um eine Grundeinstellung. Die Bibel erzählt in erster Linie, wie Gott ständig daran ist, mit Menschen in Beziehung zu treten – und nicht, Wahrheiten aufzulisten. Die missionale Theologie lehrt mich eine Offenheit gegenüber dem Text, um immer wieder Neues zu entdecken. Ein klassischer missionaler Text ist Lukas 4,18: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“ Jesus zitiert hier Jesaja 61,1 und 2. In meiner damaligen Ausbildung wurde diese Stelle als christologischer Beweis verstanden, dass Jesus der im Alten Testament verheissene Messias ist. Dies kann der Text bedeuten, was gut und heilsam für meinen persönlichen Glauben ist. Eine weitere Bedeutung ist nun die, dass diese Stelle das praktische Wirken von Jesus unter den Menschen beschreibt und darüber hinaus auch den Auftrag formuliert, den die Kirche hat. Diese Betrachtungsweise führt zu neuen Herausforderungen in Bezug auf die Gemeinde und das Leben in der Nachfolge von Jesus.

Ist die Angst berechtigt, dass die Kirche im Einsatz für Politik, Gesellschaft und Umwelt das Kreuz verliert und damit das Werk von Jesus, seine Errettung aus Gnade, an Strahlkraft verliert?

Nein, die Theologie muss uns zu Jesus und seiner Mission hinführen. Ich halte es für eine Einschränkung, das Evangelium auf die sogenannte Bekehrung zu reduzieren und alles Weitere auszublenden. Was wir als Bekehrungs­geschichte von Paulus verstehen, war nichts anderes als eine besonders dramatische Gottesbegegnung. Wir sollten den Text so lesen, wie er in der Bibel steht.

Wir brauchen Verkündigung und wir brauchen den Dienst in der Welt und sollten das nicht gegeneinander ausspielen. Denn Jesus hat einerseits gelehrt und anderseits den verletzten Samariter verbunden. Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung haben mit der christlichen Botschaft zu tun. Hier können wir von südamerikanischen evangelikalen Theologen lernen. Sie haben diese Themen aufgenommen und theologisch christologisch verarbeitet. Spricht man von der Erde als Werk des Schöpfers, dann gehört der sorgfältige Umgang mit ihr dazu.

Wie wird das Evangelium für die Gesellschaft wieder zur „Guten Nachricht“?

Dazu braucht es Kirchen, die als Gemeinschaft vorleben, dass sie eine Nachricht gehört haben, die Menschen versöhnt, Gegensätze verbindet, Zerbrochenes heilt. Und die getröstet mit schrecklichen Ereignissen umgehen und einander helfen. Sie werden einen guten Duft verbreiten.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

(Interview: Rolf Höneisen/ideaSpektrum)

 

Fritz Peyer-Müller; IGW

Dr. Fritz Peyer-Müller, Jg. 1952, verheiratet, ein Sohn, wohnt in Lützelflüh BE. Berufslehre, Missions- und Predigerseminar St. Chrischona (1973–1977). Pastor EGW in Luzern (1977–1979). Kirchliche Matur, Theologiestudium in Basel, Zürich, Bern und Debrecen/Ungarn. Staatsexamen Uni Basel (1988), Forschungsauf­enthalt in Ungarn und Promotion in Kirchengeschichte (1987–1992). Projektverantwortlicher für HEKS in Osteuropa (1990–1995). Seit 1993 beim IGW in verschiedenen Funktionen: Studienleiter STC Bern, Verantwortlicher für das Nachdiplomstudium (1997), seit 2002 Rektor IGW. Im Vorstand GBFE und Stiftungsratspräsident SBF. Mitglied BewegungPlus Burgdorf BE. Seine theologischen Schwerpunkte sind Praktische Theologie, Gemeindeaufbau, Erneuerung der Kirche, Berufsbild des Pastors, missionale Theologie. Jetzt tritt Fritz Peyer-Müller als Rektor von IGW International zurück.
IGW unterstützt durch verschiedene Studienangebote die Mission Gottes der Kirchen und Werke. Dazu betreut IGW in 7 Studiencentern (Burgdorf/Bern, Olten, Zürich, Frankfurt, Essen, Braunschweig, Berlin) sowie einer Kontaktperson in Österreich über 350 Studenten und Studentinnen. www.igw.edu

Diskutieren

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag ist geschlossen. Nach dem Erscheinen eines Artikels kann dieser fünf Tage kommentiert werden.