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Editorial
14. April 2018

Wie Chesterton das Christentum neu entdeckte

Gilbert Keith Chesterton (1874-1936) erzählte einst von einer neuen Romanidee: Die abenteuerliche Erzählung eines Seefahrers. Dieser lässt das alte England hinter sich, um neue Welten zu entdecken. Bei der Kursberechnung unterläuft ihm ein Fehler. Unbemerkt fährt das Schiff einen grossen Bogen. Als Land in Sicht kommt, jubelt er in der Meinung, er habe eine unbekannte Insel in der Südsee entdeckt. In Tat und Wahrheit war es seine Heimat, das alte England. Der Seefahrer eilt an Land. Im Freudentaumel pflanzt er die englische Flagge auf ein Gebäude, das er für eine heidnische Kultstätte hält. Dabei war es der indisch angehauchte königliche Pavillon in Brighton. Ganz unverhofft entdeckt Chestertons Romanheld die Schätze seiner Heimat. Zuvor hat er sie für bieder, langweilig, zum Davonlaufen gehalten. Chestertons Romanidee war die Geschichte eines Menschen, der voller Erwartung ist und deshalb die Welt mit neuen Augen betrachtet. Dabei entdeckt er, was er noch nie wirklich gesehen hat – seine Heimat! Er selber ist dieser Seefahrer, der England entdeckt. Chesterton schreibt: „Ich bin der Mann, der (…) entdeckte, was längst entdeckt war (…). Der Seefahrer (…) hielt sich für den Entdecker Englands; ich hielt mich für den Entdecker Europas. Ich strebte danach, eine Ketzerei zu finden, die mir passt, und kaum hatte ich ihr den letzten Schliff gegeben, musste ich feststellen, dass es die Orthodoxie war.“

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Chesterton hat das Christentum, seine geistige Heimat, neu entdeckt. Nach vielen Jahren der Umwege über Ideologien und Ersatzreligionen, über esoterische Pfade und theosophische Allgemeinplätze erkennt er die Strahlkraft des Evangeliums. Davon handelt sein Buch „Orthodoxie“. Leidenschaftlich, humorvoll, kämpferisch; mit Ironie und Zynismus entlarvt er die Denkweisen der Bibel-Kritiker und Christus-Skeptiker, deren Argumente er früher genauso lustvoll verbreitet hatte.

Was Chesterton vor 100 Jahren mit Blick auf das Christentum ­feststellte, ist in der heutigen Gesellschaft noch sehr viel mehr verbreitet: Desinteresse, Vorurteile, Unkenntnis, Halbwissen. Viele Menschen meinen, das Christentum sei eine Religion der Vergangenheit und lassen die Finger davon. Sie sind blind für den christlichen Ursprung vielfältiger geistiger, moralischer oder juristischer Werte unserer Kultur. Wann finden sie zurück? Wann gehen ihnen die Augen auf, die das Alte neu machen? Helfen wir ihnen, die Schönheit des Glaubens zu sehen!

Rolf Höneisen, Chefredaktor ideaSpektrum und ideaschweiz.ch.

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