Sonntag • 28. Februar
Ein Yogastudio will trotz Corona-Verbot offen bleiben.
09. Februar 2021

Yoga – Sport oder Religion?

Symbolfoto unsplash (Antonika Chanel)
Symbolfoto unsplash (Antonika Chanel)

Egliswil/Aarau (idea/dg) - Zum Angebot des Gesundheitszentrums im aargauischen Egliswil gehört das Yogaatelier von Mirjam und David Scherwey. Am 13. Januar fuhr die Kantonspolizei vor und liess eine Veranstaltung abbrechen. Kulturbetriebe, Sportanlagen und Freizeitbetriebe müssen mit den aktuell gültigen Corona-Verordnungen geschlossen bleiben. Das Eidgenössische Departement des Innern EDI zählte bereits im Dezember „Freizeitkursanbieter im Sportbereich wie Yoga- oder Tanzstudios“ dazu. Veranstaltungen sind grundsätzlich verboten, mit Ausnahme religiöser Veranstaltungen mit höchstens 50 Personen.

ANZEIGE

Wie soll der Staat Yoga einschätzen?

„Yoga und Meditation“ heisst das Angebot jeweils am Mittwochabend im Egliswiler Studio. Ist nun Yoga ein Sport oder eine Religion? „Es ist verfassungswidrig, wenn katholische oder reformierte Gottesdienste stattfinden können, aber spirituell orientiertes Yoga nicht“, wird David Scherwey in der NZZ zitiert. „Ich fühle mich dadurch in meiner Spiritualität herabgesetzt. Ich habe ebenso das Recht, meiner spirituellen Überzeugung Ausdruck zu verleihen.“ NZZ-Autor Simon Hehli meint dazu: „Die Frage ist letztlich hoch (religions-)politisch. Denn immer mehr Menschen wenden sich als Ausdruck der allgemeinen Individualisierung von den Kirchen ab und machen von anderen spirituellen Angeboten Gebrauch.“
Scherweys Anwalt sieht mit dem Verbot von Yoga-Veranstaltungen die religiöse Neutralität des Staates verletzt. Laut der Aargauer Kantonsärztin Yvonne Hummel ist aber nicht deutlich genug, in welcher Weise Scherweys Yoga-Angebote „die religiös-spirituellen Wurzeln des Yoga zum Ausdruck bringen“. Der Rechtsstreit ist im Gange.

Yoga-Ursprung und -Deutung

Mirjam und David Scherwey grenzen sich ab von Yoga-Übungen, die aus ihrer Sicht rein motorisch-sportlich resp. akrobatisch oder fitnessmässig ausgeführt werden, losgelöst von jeglichem Ursprung des Yoga. Im ursprünglichen Sinn definiere sich Yoga als eine Praxis, die alle Arten und philosophischen Ansichten einschliesse, die sich auf das Verhältnis zwischen dem einzelnen Menschen zum Göttlichen oder zum Transzendenten bezögen. Dieses werde in der Terminologie des Yoga meist als Selbst oder höheres Selbst bezeichnet.

Philosophen und Götter

Nebst östlichen spirituellen Persönlichkeiten orientieren sie sich am Philosophen Hegel, dem bekannten Schriftsteller Goethe, dem Gründer der Anthroposophie Rudolf Steiner sowie dem Yoga-Lehrer Heinz Grill mit seiner Chakrenlehre. „Besonders hingezogen fühlen wir uns zu drei Geisteskräften des Yoga, die mit den entsprechenden Gottheiten verbunden sind“, schreiben Scherweys auf ihrer Homepage. Sie nennen die Kraft der Saraswati, die Shiva Kraft und die Kraft des Ganesha. (dg)