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In Frieden leben: Sehnsucht von allen Menschen
11. Januar 2020

Den Teppich der Versöhnung ausrollen

Thomas Schlag (li.): „Versöhnung setzt dort ein, wo Beziehungen gefährdet sind.“  Tom Sommer (re.): „Wir wollen das Potenzial für Versöhnlichkeit wecken.“ Fotos: idea/rh
Thomas Schlag (li.): „Versöhnung setzt dort ein, wo Beziehungen gefährdet sind.“ Tom Sommer (re.): „Wir wollen das Potenzial für Versöhnlichkeit wecken.“ Fotos: idea/rh

(idea/rh) - "Steckt nicht in allen Menschen die Sehnsucht, in Frieden zu leben?" Um diese Annahme dreht sich die interdisziplinäre Konferenz "versöhnt leben". Das Thema überrascht. Versöhnung? Eine der treibenden Kräfte ist Tom Sommer. Als Jugendlicher hat er Gewalt, Missbrauch und den Zerbruch der Familie erlebt. Seither begleitet ihn die Frage, was denn Vergebung und Versöhnung möglich machen. Vor 14 Jahren drehte Sommer einen Dokumentarfilm in Ruanda nach dem Genozid. Ist es möglich, dass Todfeinde sich die Hand reichen? Tatsächlich fand der Filmemacher Täter und Hinterbliebene von Opfern, die sich auf den Weg der Versöhnung einliessen: Sie assen gemeinsam aus dem gleichen Teller und liessen sich dabei filmen - gewiss nach einem längeren Prozess. Die Konferenz in Bern soll die Aktualität des Themas aufzeigen. "Nicht allein die Menschen in Ruanda, jeder Mensch hat Versöhnung nötig", ist Sommer überzeugt. Darüber soll anfangs Februar interdisziplinär nachgedacht werden.

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Ein roter Faden in der Bibel

"Der gute Wille des Einzelnen genügt nicht", meint der Theologe Thomas Schlag. Soll ein Versöhnungsprozess gelingen, müssten auch die Rahmenbedingungen entsprechend gesteckt werden. Schlag sieht in ökonomischer Ungerechtigkeit einen der Gründe für zerstörte Beziehungen. Er verweist auf Südafrika, wo die Zielsetzungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission nur in Ansätzen verwirklicht wurden. Der Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich erkennt im Thema Versöhnung einen wichtigen roten Faden in der biblischen Überlieferung. Es sei ein Beziehungsbegriff, und erst von dort her ein politisches Konzept, allerdings viel mehr als ein moralischer Appell. Thomas Schlag: "Versöhnung setzt dort ein, wo Beziehungen gefährdet sind oder zerstört wurden. Es geht einerseits um Mensch-Mensch-Beziehungen - Gott will nicht Opfer, sondern Nächstenliebe - und anderseits um die Gott-Mensch-Beziehung: Der Vater versöhnt sich durch seinen Sohn Jesus Christus mit uns Menschen."

Der Kongress will eine Auslegeordnung vornehmen: Was fördert Versöhnung, was hindert sie? Welches Fachwissen bringt welche Aspekte in einen Versöhnungsprozess ein? Tom Sommer: "Wir wollen voneinander lernen!" "Versöhnung sollte zum Beispiel Räume schaffen, in denen die subjektiven Interessen formuliert werden und gefragt wird: Wo verbindet uns etwas?", sagt Thomas Schlag. Er hat während vieler Jahre sogenannte Streitschlichter an Schulen ausgebildet. Dabei stellte er fest, dass die Kontrahenten in der Regel gar nicht erst den Versuch machten, die Gründe des Gegenparts zu erfahren, geschweige denn, sich wenigstens versuchsweise in den anderen hineinzuversetzen.

"Potenzial für Versöhnlichkeit" wecken

Es soll keine Fachkonferenz für Spezialisten werden. In Bern sollen Experten und Interessierte miteinander ins Gespräch kommen. Die Organisatoren wollen Multiplikatoren erreichen, die das grosse Thema der Versöhnung in ihr Umfeld weitertragen. Thomas Schlag: "Die Referentinnen und Referenten werden versuchen, geerdet zu bleiben, und Denkanstösse aus Theorie und Praxis vermitteln." Tom Sommer: "Wenn wir an dieser Konferenz miteinander in den Dialog treten und für heikle Lebensfelder und versöhnliche Wege sensibilisieren können, dann haben wir ein erstes Ziel erreicht." Man wolle "das Potenzial für Versöhnlichkeit wecken". Thomas Schlag nickt: "Genau. Denn dazu haben wir gar keine Alternative!" (Autor: Rolf Höneisen)


Konferenz "versöhnt leben" in Bern

Täglich verbreiten Medien Gewalt- und Konfliktmeldungen. Die interdisziplinäre Konferenz "versöhnt leben" (6. bis 8. Februar 2020 in Bern) will Chancen und Grenzen von Versöhnungsprozessen ausloten. Unterstützt wird der Anlass unter anderem vom Institut Compax Bienenberg, der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften SAGW, den theologischen Fakultäten Zürich und Basel, der Schweizerischen Evangelischen Allianz SEA sowie Swisspeace, der Evangelisch-methodistischen Kirche Schweiz, der Evangelischen Kirche Schweiz EKS sowie der Schweizerischen Bischofskonferenz.
Angesprochen werden Kreise aus Politik, Kirche und wissenschaftlich nahestehenden Disziplinen und ganz generell die interessierte Öffentlichkeit. Referate, Workshops, interaktive und kreative Elemente wollen für eine thematische Sensibilisierung sorgen. Sie sollen hervorheben, welche Rolle jeder persönlich als Agent des Friedens ("Peace Agent") in seiner Lebenspraxis einnehmen kann.  

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