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Volksverhetzende Äußerungen
02. Juli 2020

Staatsanwaltschaft Bremen erhebt Anklage gegen Pastor Latzel

Die Staatsanwaltschaft Bremen hat gegen den evangelikalen Pastor der St.-Martini-Gemeinde, Olaf Latzel. Foto: idea/kairospress
Die Staatsanwaltschaft Bremen hat gegen den evangelikalen Pastor der St.-Martini-Gemeinde, Olaf Latzel. Foto: idea/kairospress

Bremen (idea) – Die Staatsanwaltschaft Bremen hat gegen den evangelikalen Pastor der St.-Martini-Gemeinde, Olaf Latzel, Anklage erhoben. Das bestätigte die Pressesprecherin des Amtsgerichts Bremen, die Richterin Cosima Freter, gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Ob allerdings ein Verfahren eröffnet werde, sei noch unklar. Zunächst müsse der Sachverhalt geprüft werden. Das könne bis zum Herbst dauern.

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Wie es in einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft heißt, wird Latzel zur Last gelegt, am 19. Oktober 2019 in einem Eheseminar volksverhetzende Äußerungen von sich gegeben zu haben: „So bezeichnet der Angeschuldigte Homosexuelle generalisierend als Verbrecher und die Homosexualität als Degenerationsform der Gesellschaft.“ Menschen, die in Bezug auf ihre Geschlechtsidentität von der angeblichen Norm abweichen, würden als Genderdreck und als Angriff auf die göttliche Schöpfungsordnung benannt, so die Staatsanwaltschaft weiter.

Ein Eheseminar mit Folgen

Zum Hintergrund: Latzel hatte in einem Eheseminar 2019 in seiner St.-Martini-Gemeinde, das auf YouTube veröffentlicht wurde, unter anderem über Homosexuelle gesprochen. Dabei sagte er: „Überall laufen diese Verbrecher rum vom Christopher Street Day.“ Für die Verwendung des Wortes „Verbrecher“ entschuldigte er sich später öffentlich. Er habe damit nicht allgemein homosexuell lebende Menschen gemeint, „sondern militante Aggressoren, die uns als Gemeinde in den letzten Jahren immer wieder angegriffen und gotteslästerlich diffamiert haben“.

Das Video wurde inzwischen gelöscht. Wiederholt war die St.-Martini-Kirche mit antichristlichen Schriftzügen beschmiert worden. Auch Gottesdienste wurden gestört. Latzel erhielt sogar Morddrohungen.

Disziplinarverfahren bleibt bestehen

Wie die Bremische Evangelische Kirche mitteilte, bleibt das am 14. Mai eröffnete kirchliche Disziplinarverfahren bestehen. Für die Dauer des Strafverfahrens bleibe es ausgesetzt. Weiter heißt es, dass die Kirchenleitung Olaf Latzel für Freitag, den 3. Juli, zu einem Dienstgespräch eingeladen habe. Zu den aktuellen Vorgängen darf Latzel sich aufgrund des Diszipliniarverfahrens nicht öffentlich äußern.

Bibelstunde abgesagt

Unterdessen teilte ein Mitglied des Gemeindevorstandes der St.-Martini-Gemeinde, Michael Franke, auf YouTube und in einer Audiobotschaft auf der Internetseite der Gemeinde am 29. Juni mit, dass die für den Abend vorgesehene Bibelstunde mit Olaf Latzel ausfallen müsse. Von der Bremischen Evangelischen Kirche sei eine einstweilige Verfügung eingegangen. Wie die Evangelische Nachrichenagentur idea erfuhr, gehört dazu auch ein Predigtverbot gegen Latzel. Nähere Angaben dazu macht Franke nicht: „Wir sind tief betroffen.“ Man hoffe auf Gott, „dass er uns aus diesem finsteren Tal herausführen möge“.

Zu Anfang seiner kurzen Stellungnahme hatte Franke den 23. Psalm vorgelesen, wo ebenfalls vom „finsteren Tal“ die Rede ist. Franke rief die Gemeinde zum Gebet für diesen nach seinen Worten „unbegreiflichen Vorgang“ auf. Am kommenden Sonntag werde sich der Kirchenvorstand ausführlicher zu den Vorgängen äußern.

Pressesprecherin: „Nichts Neues“ – Präsidentin Bosse: Latzels Lehre erzeugt Hass

Die Pressesprecherin der BEK, Sabine Hatscher, sagte auf idea-Anfrage am 29. Juni, dass es im Fall Latzel „nicht Neues“ gebe. Angesprochen auf die Äußerungen von Michael Franke über die einstweilige Verfügung teilte sie am nächsten Tag mit, dass die Kirche dem Dienstgespräch mit Pastor Latzel nicht vorgreifen wolle.

In einer Videobotschaft hatte die Präsidentin des Kirchentages (Synode) der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK), Edda Bosse (66), zuvor scharfe Kritik an den Aussagen Latzels geübt. Unter anderem sagte sie: „Die Art der Lehre, wie sie in diesem unseligen Eheseminar geäußert wurde, erzeugt Hass.“

Über 19.000 Unterschriften für Latzel

Hinter Latzel haben sich Tausende Christen in ganz Deutschland gestellt. Über 19.000 Unterzeichner forderten in einer Petition die Bremische Evangelische Kirche (BEK) auf, das Disziplinarverfahren gegen Latzel einzustellen. Der Initiator der Petition, der Theologiestudent Jonas Eberhardt (Bergneustadt bei Gummersbach), übergab die Unterschriften am 4. Juni dem Leiter der Kirchenkanzlei, Johann Daniel Noltenius.

Latzels im Internet übertragenen Gottesdienste zählen allein auf YouTube teilweise mehr als 30.000 Zuschauer. Bereits 2015 hatte die Staatsanwaltschaft Bremen geprüft, ob eine Predigt Latzels den Anfangsverdacht einer Straftat wie Volksverhetzung oder Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft erfülle. Damals hieß es, dass seine Äußerungen durch die grundgesetzlich zugesicherte Meinungs- und Religionsfreiheit gedeckt seien.

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