Sonntag • 22. Juli
Podiumsdiskussion
04. Juli 2018

Kirchen im Gespräch: Gemeinsam wohin?

Jost, Locher, Federer, Höneisen (Moderation): Was genau ist die Mitte der Kirche? Foto: Vera Rüttimann
Jost, Locher, Federer, Höneisen (Moderation): Was genau ist die Mitte der Kirche? Foto: Vera Rüttimann

Freiburg (idea) - "In Christus. Gemeinsam zur Mitte". Unter diesem Titel fanden vom 20. bis 22. Juni die fünften Studientage zur theologischen und gesellschaftlichen Erneuerung an der Universität Freiburg mit rund 500 Personen statt. Im Zentrum stand das theologische Nachdenken über die Person von Jesus Christus sowie das Feiern der gemeinsamen Mitte des christlichen Glaubens. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund und die Schweizerische Bischofskonferenz hatten das Patronat übernommen. Den Abschluss bildete ein Gottesdienst in der Freiburger Kathedrale, wo die gemeinsame Bewegung hin zur Mitte mit einer Segenshandlung zum Ausdruck gebracht wurde. Vertiefungsseminare am Nachmittag hatten das Ziel, über das Gespräch das gegenseitige Verständnis zu fördern. So auch das hier auszugsweise wiedergegebene Podium mit Marc Jost (SEA), Urban Federer (röm.-katholische Kirche) und Gottfried Locher (SEK). Es wurde von idea-Chefredaktor Rolf Höneisen moderiert. Nachfolgend ein Auszug aus der Podiumsdiskussion.

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Jesus Christus ist das Haupt einer Kirche; er betet um Einheit. Paulus betont, es gibt "einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe". 2000 Jahre später ist die Christenheit zersplittert. Der Blick in die Kirchengeschichte lehrt, dass auf dem zurückgelegten Weg schmerzhafte Spaltungen liegen. Anfang April 2017 fand in Zug ein festlicher Gottesdienst zu "500 Jahre Reformation" und "600 Jahre Bruder Klaus" statt. Dabei haben sich der Katholik Felix Gmür und der Reformierte Gottfried Locher gegenseitig für das im Zuge der Kirchenspaltung passierte Unrecht entschuldigt und sich umarmt. Wie ist diese zeichenhafte Handlung in den Kirchen aufgenommen worden?

Locher: Dort ist etwas Bewegendes passiert. Die Reaktionen waren grösstenteils positiv, aber nicht nur. Es gab auch Stimmen, die sagten, das sei eine typisch katholische Zeichenhandlung gewesen, wir lassen uns von der katholischen Kirche nicht umarmen.

Wurde die Umarmung im katholischen Umfeld wahrgenommen?

Federer: Natürlich. Doch zurück zur Ausgangsfrage: Jesus betet für Einheit. Dem ist so und man könnte meinen, wir seien heute wirklich weit daneben. Doch schon Paulus kämpfte fortwährend gegen Irrtümer und unterschiedliche Meinungen. Das heisst, es gibt diesen Idealzustand gar nicht, und es gab ihn von Anfang an nicht. Wenn ich die Vehemenz des ersten Apostelkonzils betrachte, dann sind wir heute Waisenknaben! In Genf hat der Papst nichts anderes getan, als was Gottfried Locher und Felix Gmür in Zug gemacht hatten. Auch im gemeinsamen Gottesdienst im Rahmen der Studientage in Freiburg wird der Weg der Vergebung und Versöhnung weiterbeschritten.

Jost: Die Versöhnung in Zug war ein Moment, der das Vorwärtsgehen für die Einheit stärkte. Das ist ein Kernanliegen der Evangelischen Allianz. Wir sind ein Netzwerk, eine Basisbewegung lokaler Kirchen - mehrheitlich sind es Freikirchen, 20 Prozent sind reformierte Kirchgemeinden. Wir fördern die Einheit in der Vielfalt. Der versöhnliche Akt in Zug hat auch Erinnerungen wachgerufen an die Versöhnung mit den Täufern vor rund zehn Jahren. Und noch ein Hinweis: 2017 hat die Allianz ihr Verhältnis zur katholischen Kirche reflektiert und den Dialog mit der theologischen Kommission der Bischofskonferenz aufgenommen.

Trotzdem ist das, was die Kirchen trennt, in den vergangenen fünfzig Jahren nicht wesentlich abgebaut worden. Die Studientage in Freiburg rufen auf, gemeinsam zur Mitte des Glaubens aufzubrechen. - Um nicht aneinander vorbeizureden: Beschreiben Sie uns bitte Ihre "Mitte".

Federer: Es geht um Gott. Die christliche Mystik lehrt, dass Gott nicht so zu definieren ist, dass ich ihn "habe". Schon die Sehnsucht ist ein Ort, wo Gott ist. Wir begegnen Gott schon auf dem Weg. Gott ist Ziel, Weg, Quelle - er ist alles.

Jost: Allerdings beinhaltet allein schon das Wort "Kirche" die Mitte: "Zum Herrn gehörend". Die Mitte ist das Bekenntnis zu Christus, er ist der Erlöser, er ist Herr. Um ihn versammelt sich die Kirche.

Locher: Klar, Jesus Christus ist im Mittelpunkt, da sind wir uns einig. Aber dieser Christus ist doch auch ein Geheimnis, "ganz Mensch und ganz Gott", wie das alte Bekenntnis sagt. Das ist die Mitte: Christus, das Geheimnis.

Federer: Ich bin froh, wenn die Definition der Mitte offenbleibt. Das Kreuz ist eben nicht nur schön. Es zeigt auch die Abwesenheit Gottes. Die Mitte hat auch mit Leere zu tun und muss Geheimnis bleiben.

Jost: Mich erstaunt, dass meine Gesprächspartner die Mitte leer lassen wollen. Wenn ich das Bild vom Rad nehme und es mit der christlichen Bewegung vergleiche, dann halte ich es für wichtig, dass wir als Gemeinschaft zusammenwachsen, hin zur Mitte und ausgehend von der Mitte. Oder habe ich euer Bild von der leeren Mitte falsch verstanden?

Locher: Nein, du bist eben ein Freikirchler. Für dich ist Gott hauptsächlich der Mensch Christus und weniger der dreieine Gott. Das sage ich mit grosser Hochachtung vor deiner Frömmigkeit. Urban und ich meinen aber, es sei komplizierter. Eine Christus-Beziehung ist anders als eine Beziehung zu irdischen Menschen, wie wir es sind, die wir hier beieinandersitzen. Christus lebt anders, wir erfahren ihn anders, zum Beispiel im Abendmahl, im gemeinsamen Kirche sein und besonders auch im Leiden.

Federer: Hildegard von Bingen, eine mittelalterliche Mystikerin, versuchte es in Bildern auszudrücken, zum Beispiel mit Engeln, die das Lob in die Mitte hineinsingen. Aber die Mitte bleibt auch bei ihr leer, denn für sie ist derjenige in der Mitte, der in unzugänglichem Licht wohnt, gemäss 1. Timotheus 6,16. Denn wenn wir meinen, Christus zu "haben", dann ist es wahrscheinlich nicht Christus.

Jost: Obschon ich heute Freikirchler bin, würde ich nicht sagen, ich hätte die Wahrheit im Griff. Doch Christus in der Mitte bedeutet für mich, ihn mehr und mehr zu entdecken. Gott hat sich in Christus offenbart. Er ist der Zugang für uns zum dreieinigen Gott.

Dies ist die gekürzte Fassung eines Beitrags aus dem Wochenmagazin ideaSpektrum 27-18. Im weiteren Verlauf des Gesprächs geht es um die Frage des Abendmahls, wie ein Mensch Christ wird und was der gemeinsame Auftrag der Kirchen ist.

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