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Kolumne

Was wollen wir ernten?

14.10.2021

Rolf Höneisen
Rolf Höneisen

Eine Pandemie wird nicht mit theologischen Argumenten, sondern mit epidemiologischen Massnahmen bekämpft. Dennoch bleibt die Frage, ob diese verhältnismässig und rechtens sind. Hier öffnet sich ein Konfliktfeld, das die Kirchen mitbetrifft.

Seit dem 13. September muss ein Covid-Zertifikat vorweisen, wer älter als 16 ist und an einem Gottesdienst mit über 50 Personen teilnehmen will. Die Kirchen­türen sind nicht mehr offen für alle. Dort, wo Platz wäre, kommt man nur via Eingangskontrolle und Covid-Zertifikat zur Kirchenbank. Dort, wo es kein Zertifikat braucht, sind die Plätze so rasch gefüllt, dass ich wegen der 50er-Obergrenze abgewiesen werden könnte.

Mit der Einführung der Zertifikationspflicht stehen alle grösseren christlichen Gemeinschaften in der Schweiz vor einer Frage, die sie sich niemals ausgesucht hätten: Sollen sie den Graben zwischen Zertifizierten und Nicht-Zertifizierten in dem Sinne übernehmen, dass sie Gottesdienste ausschliesslich für Geimpfte, Genesene oder Getestete abhalten? Die Verlockung ist gross. Endlich wieder ohne Maske und Distanz singen, loben und preisen!

Die Entscheidung wird häufig anhand der vorhandenen Räumlichkeiten gefällt. Gibt es einen zweiten Saal, werden Lobpreis und Predigt für die Nicht-Zertifizierten live übertragen. Fehlt diese Möglichkeit, kommen an einem Sonntag die zertifizierten Unmaskierten (bis zu 1000 Personen möglich), am Sonntag darauf die nicht-zertifizierten Maskierten in einer 50er-Gruppe zum Zug. Diese pragmatische Lösung bietet im Rahmen der Covid-Verordnungen beiden Gruppen das ihnen Erlaubte an. Allerdings gibt es auch Gemeinden, die mit 50er-Gottesdiensten weiterfahren. Wenn mehr Personen sind und es örtlich möglich ist, dann in zwei Räumen aufgeteilt oder in zwei aufeinanderfolgenden Gottesdiensten. Sie verwehren sich gegen Identitätskontrollen an der Kirchentüre. Der Gleichbehandlung und der Einheit zuliebe verzichten sie auf den Einsatz des Zertifikats.

Im 1. Korintherbrief, Kapitel 12, wird erklärt, dass Gott den Leib, die Gemeinde, so zusammenfügt, dass die geringeren Teile besonders geehrt werden. „Auf diese Weise wird es keine Spaltung im Körper geben und stattdessen werden die einzelnen Teile füreinander Verantwortung übernehmen.“ (Vers 25)

Bei der Umsetzung der Covid-Verordnungen in der Gemeinde sollten zuerst die geistlichen Ziele in einer Gemeinde bedacht werden. Damit nicht individuelle Wünsche oder die Gebäulichkeiten die aktuellen Entscheidungen leiten. Wir müssen betend darüber nachdenken, was wir mit unseren Handlungen säen. Weil wir eines Tages das Gesäte ernten. 

Rolf Höneisen, Chefredakor

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