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Kolumne

Hallo, ist da jemand?

10.05.2022

Daniel Rehfeld
Daniel Rehfeld

Letzte Woche bin ich über eine Schlagzeile im Tages-Anzeiger gestolpert, die mich sofort neugierig machte. „Für mich gibt es keinen Gott“, so die Überschrift über einem Interview mit der Triathletin Daniela Ryf, die am Wochenende den fünften Weltmeistertitel im Ironman feiern konnte. Interessiert begann ich zu lesen und erfuhr, dass sich die erfolgreiche Sportlerin als langweilig empfindet, gut einen Tag lang auf das Handy verzichten kann, manchmal so fokussiert ist, dass sie kleine schöne Momente verpasst, und dass sie noch nie fremdgegangen ist. Dann endlich – in der Mitte des Interviews – die Frage, auf die ich gewartet habe. Gibt es einen Gott? Die Antwort darauf fällt so aus: „Ich glaube an etwas Bestimmtes, vielleicht ist es das Schicksal. Jedenfalls denke ich, dass man im Leben zurückbekommt, was man gibt. Dass die guten Menschen belohnt werden. Aber an eine übermächtige Instanz glaube ich nicht, nein, für mich gibt es keinen Gott.“ Zwei Tatsachen stimmen mich dabei nachdenklich. Einerseits finde ich die Titelsetzung bemerkenswert. Es hätte durchaus noch andere pointierte Aussagen gegeben, die sich als Überschrift geeignet hätten. Ich interpretiere diese Wahl als Indiz dafür, dass der Bezug zum göttlichen Gegenüber doch tiefer in unserer Persönlichkeit verwurzelt ist, als manche zugeben (mögen). Andererseits habe ich bei allem Respekt für die Einstellung dieser begnadeten zweifachen Sportlerin des Jahres auch ein wenig Mitleid. Wie anstrengend muss es sein, in jeder Lage auf sich selbst oder sein Umfeld vertrauen zu müssen, oder wie fade ist es, wenn man niemandem konkret danken kann für die Schönheit der Natur oder die guten Lebensbedingungen in unserem Land. Mal ganz abgesehen von der Perspektive über das Leben hinaus.

Für Johannes Hartl, den Gründer und Leiter des Gebetshauses in Augsburg, gibt es dieses Gegenüber. Die Beziehung mit Gott ist ihm so wichtig, dass er täglich vier Stunden mit ihm redet – zumindest versucht er es. „Die Faszination an Gott hat mich beten gelehrt“, sagt der Theologe über sein Motiv. Er habe festgestellt, dass Menschen, die Grosses bewirkten, viel Zeit mit Gott verbracht haben. Deshalb versucht er, es ihnen gleichzutun. Um mit Gott im Gespräch zu sein, muss man allerdings kein Gebetshaus leiten oder theologisch tätig sein. Schon die jüdische Lyrikerin Nelly Sachs hat es in einem Gedicht auf den Punkt gebracht mit den Worten: „Gott ist immer nur ein Gebet weit entfernt.“ Diese Gewissheit macht Mut, gerade in Zeiten wie diesen.  

Daniel Rehfeld, Chefredaktor

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