Samstag • 20. Oktober
Gedankenstrich
07. Oktober 2018

Ich statt wir

"Selbstbestimmt" ist das aktuelle Zauberwort. Selbstbestimmtes Leben als höchstes Gut für uns Menschen. Es bedeutet Freiheit, Chancen und ermöglicht flexibles Handeln. Es bedeutet aber auch, dass sich unsere Gesellschaft noch mehr als bisher zu einer Ich-Gesellschaft verändert. Ich statt wir, mein statt unser. Das ist sogar bei uns Christen so.

ANZEIGE

Kürzlich surfte ich auf einem Webportal einer scheinbar erfolgreichen Freikirche. Was ich dort lesen konnte, war Egoismus pur: gesund werden, erfolgreich sein, die Taufe war eine Poolparty mit Champagner. Kein einziges Wort zu sozialer Verantwortung oder Mitgestaltung der Gesellschaft. Ich habe nichts gegen Wunder, Erfolg und Poolpartys. Aber wenn nur das Ich im Mittelpunkt steht und Gott als "Heilsbringer to go" degradiert wird, fehlt mir der Tiefgang, der mich dem Herzen Gottes näher bringt.

Es gibt aber auch andere Kirchen. Jene, die ihre soziale Verantwortung leben und sich fragen: "Was können wir für unser Land, unsere Stadt, unser Dorf tun?" Den Verantwortlichen ist es wichtig, ihre Mitglieder mitzunehmen in die Sicht, die uns Jesus in der Bergpredigt mit auf den Weg gegeben hat.

Heute spielt der christliche Glaube nur noch für knapp jede sechste Person eine wichtige Rolle. Das heisst aber nicht, dass im Leben der anderen Gott keine Rolle spielt. In schwierigen Lebensphasen suchen viele Menschen Hilfe bei Gott. Sie beten wieder und möchten Antworten auf ihre Fragen. Doch diese bekommen sie nicht bei Poolpartys und Prosperity-Gospel-Events. Diese bekommen sie da, wo Christen zuhören, helfen, anpacken. Christen, bei denen das Wir wichtiger ist als das Ich. Und die gibt es auch.

Verena Birchler ist Leiterin Kommunikation bei ERF Medien in Pfäffikon ZH.

Diskutieren

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag ist geschlossen. Nach dem Erscheinen eines Artikels kann dieser 48 Stunden kommentiert werden.