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Editorial
18. Mai 2017

Gott sieht

Über dem Deutschen Evangelischen Kirchentag steht der Ausruf „Du siehst mich!“. Es ist die Kurzfassung von 1. Mose 16,13: „Und sie nannte den Namen des Herrn, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss habe ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.“ Hier spricht Hagar. Die Magd von Abraham und Sarah erkennt „El-Roi“, den „Gott, der sie sieht“. Ja, sie ganz persönlich! Auch David schreibt, wie Gott sieht: „Herr, du hast mich erforscht, und du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du weisst es, du verstehst meine Gedanken von fern“ (Psalm 139,1 und 2).

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Eine andere Qualität hat das „Sehen“ von Google, Facebook und Co. Sie spionieren uns aus, um ihren Vorteil daraus zu ziehen. Gott sieht uns, weil wir seine Geschöpfe sind. Er begleitet uns von Geburt an bis zum Tod. Er sieht uns. Sieht er auch die Skrupellosen, die Räuber und Mörder? Sieht er die Verzweifelten, die Unterdrückten und Leidenden? Konsequent gedacht – Ja.

Und die Menschen – sehen sie, wie Gott ist? Dass er der Schöpfer ist und das Sagen hat? Dass wir nicht alles verstehen können? Zwischen „Gott hören“ und „Gott sehen“ liegt ein Geheimnis. Der Schlüssel ist Demut. Wir finden sie bei David: „Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so gross!“ (Psalm 139,17). Und bei Hiob. Nachdem er alle menschlich denkbaren Erklärungen ohne Ergebnis durchgekaut hat, zeigt sich ihm Gott als Allmächtiger und Allwissender, als der „Ich bin der So-Seiende“ – und das Verblüffende geschieht: Hiob verwirft alle Deutungsversuche und wirft sich in die Arme Gottes. Nicht wegen all dem, was er von Gott gehört hat. Nein, Hiob sagt: „Nun hat mein Auge dich gesehen.“ David, Hiob, Hagar ging ein Licht auf: „Da ist Gott, der mich sieht! Schon von Anfang an war er da.“ Oder wie es Johannes schreibt: „Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden“ (1. Johannes 4,10). Von Anfang an gesehen und geliebt. Dieses Erkennen öffnet unser Herz, oder eben – unsere Augen. Wir „sehen“ uns in einer Beziehung zu Gott. Wir „sehen“, dass Gott diese Welt nicht verlassen hat. Und dass wir uns nicht zu fürchten brauchen.

Rolf Höneisen, Chefredaktor ideaSpektrum und ideaschweiz.ch.

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