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Fritz und Bethli Gugger
09. August 2019

Gemeinsam heuen, ein Leben lang

Fritz und Bethli Gugger. Foto: idea/Helena Gysin
Fritz und Bethli Gugger. Foto: idea/Helena Gysin
Sie verlobten sich in Mexiko City, adoptierten in Indien einen Jungen. In der Schweiz leiteten sie ein Altersheim, in Costa Rica eine Missionsstation. Heute geniessen Bethli und Fritz Gugger ihren Lebensabend in Uetendorf BE. Ein Besuch bei den Adoptiveltern von Nationalrat Nik Gugger.

Uetendorf (idea) - Fritz Gugger holt mich mit seinem weissen Suzuki am Bahnhof in Uetendorf ab. Der Weiler Lehn, wo das Ehepaar wohnt, liegt etwas oberhalb des Dorfes. Für einmal sollen Fritz und Bethli Gugger im Rampenlicht stehen. Sonst übernimmt diese Rolle ihr Adoptivsohn, der EVP-Nationalrat Nik Gugger aus Winterthur.

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Bethli Gugger ist 78, Fritz 80 Jahre alt. Seit 53 Jahren sind sie verheiratet. Die gegenseitige Liebe und Achtung, aber auch ihre Zufriedenheit schwappt immer wieder über den hölzernen Tisch, an dem wir unser Gespräch führen. Dabei hätte die Geschichte der beiden auch anders enden können: Bethli erwiderte damals die Liebe des Werkzeugmachers nicht. Also beschloss Fritz, getrieben von Liebeskummer, in die "Fremdenlegion" zu gehen. In den USA waren Berufsleute wie er in den 1960er-Jahren gesucht. Aber kurz vor seiner Abreise besann sich die junge Lehrerin doch noch anders und die Liebesgeschichte nahm ihren Anfang.

"Wir schrieben uns in den eineinhalb Jahren der Trennung 'Bücher'", erinnert sich das Paar schmunzelnd. Briefe gingen rege hin und her, bis Bethli zusammen mit einem Bruder von Fritz in die USA reiste. In Mexico ­City verlobten sich die beiden Berner, 1966 heirateten sie. Er zog zu ihr ins Schulhaus Brenzikofen BE. Beim Blick auf die Falkenfluh meinten die beiden damals: "So schön werden wir nie mehr wohnen." Jetzt im Rückblick stellen sie fest: Es kam noch besser und schöner.

Aufbruch nach Indien

Nach drei Jahren Ehe wuchs bei den Guggers die Abenteuerlust, und nicht nur das: "Wir stellten fest, wie privilegiert wir sind." Fritz und Bethli entschieden sich, Menschen in der Dritten Welt zu dienen. Einen Platz zu finden, an dem beide ihr Fachwissen einsetzen konnten, entpuppte sich dann allerdings als schwierig. Schliesslich ging in Indien eine Türe auf. Fritz Gugger sollte dort Werkzeugmacher-Lehrlinge nach Schweizer Lehrplänen ausbilden. Es erwies sich als grosses Glück, dass er diesen Beruf erlernt hatte und nicht Mechaniker wurde, was eigentlich sein Traumberuf gewesen wäre. "Wenn wir Gott um Führung bitten, öffnet er Türen oder er schliesst sie. Wenn wir Abenteuer lieben, dann bekommen wir auch diese", erklären die beiden.

1970 reiste das Ehepaar Gugger nach Thalassery in Südindien. Bethli war zuversichtlich, dass Gott für sie einen Platz bereithielt, wenn auch nicht als Lehrerin. Die beiden wünschten sich Kinder. Die Hoffnung auf eigene hatten sie aber schon fast aufgegeben.

"Üses Ching!"

Zwei Monate nach ihrer Ankunft mussten sie für eine Impfung nach Udupi reisen. Eine Stadt, die fünf Autostunden nördlich ihres Wohnorts lag. Dort erkundigten sie sich beim spitaleigenen Waisenhaus, ob es eine Chance gäbe ein Kind zu adoptieren. Die zuständige Krankenschwester machte ihnen kaum Hoffnung. Nach wenigen Tagen, als sich Guggers immer noch in Udupi aufhielten, traf das Unwahrscheinliche ein: "Eine verwitwete Frau gebar ihr fünftes Kind, das sie nicht behalten konnte", erzählen sie. Die Mutter wünschte sich einen guten Platz für ihren Sohn. "Wollt ihr ihn?", fragte die Krankenschwester das Paar. "Das war 'ordeli' ein Schock", beschreibt Fritz den Moment. Bethli ging damals der unglaubliche Gedanke durch den Kopf: "Jemand schenkt mir einen Menschen!" Schnell war für die beiden klar: "Das isch üses Ching!"

Windeln nähen für Niklaus Samuel

"Der Mutige erschrickt erst nach der Tat", kommentiert Fritz Gugger die Situation von damals mit einem Lächeln. Plötzlich waren sie Vater und Mutter! Es gab manches zu regeln, nicht zuletzt auch die Religionszugehörigkeit des Knaben, damit sie mit ihm bei der Rückreise nicht in Schwierigkeiten gerieten. So wurde der kleine Inder im Spital getauft; als Niklaus Samuel würde er in Zukunft durchs Leben gehen - heute nennt er sich Nik. Die Mutter ging auf den Markt, kaufte Stoff und nähte daraus Windeln. Auf dem Estrich des Hauses, in dem sie wohnten, fand Bethli eine verstaubte Babytragtasche, die Vorgänger im Haus hinterlassen hatten. Freunde standen ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Kaum waren Bethli und Fritz Gugger zum ersten Mal Eltern geworden, kündigte sich überraschend ihr erstes leibliches Kind an. So wuchs Nik mit zwei Schwestern auf. Nach dreieinhalb Jahren kehrte die Familie zurück in die Schweiz. Sie bezogen nach kurzer Zeit ein Heimetli (Bauernhaus) in Uetendorf, im Lehn. Die Eltern hegten keine hochtrabenden Karrierepläne für ihre Kinder. Sie wünschten sich nur Lebensfreude für sie, und, dass aus ihnen ehrliche, gläubige Menschen werden, die ihre Fähigkeiten einsetzen.

Zwei Welten in sich vereint

Nik beherrschte schon früh das Handwerk des Delegierens. Die Eltern erinnern sich, wie er im Winter Holz hereintragen sollte. Er liebte dieses Ämtli nicht sonderlich. Kurzerhand vergab er den Job gegen eine kleine finanzielle Entlöhnung an seine Schwestern. Nik entwickelte sich zu einem selbstbewussten und optimistischen Teenager. Zusammen mit einem Freund begann der heutige Nationalrat Mofas zu kaufen, sie instand zu setzen und danach mit Gewinn zu verkaufen - das "Händele" scheint ihm im Blut zu liegen. Immer wieder mischen sich in den Erzählungen der Eltern die indischen Wurzeln und das schweizerische Umfeld.

Grosse Dankbarkeit

"Wir sind Machertypen", sagt Gugger, so, als hätte Nik das direkt von seinen Adoptiveltern geerbt. Dann wieder kommen sie auf das indische Temperament zu sprechen, das ihren Sohn auch einmal aufbrausen lässt. Die beiden Schwestern Christa und Annemarie bewegte die indische Herkunft ihres Bruders fast mehr als ihn selber. So wollten sie zum Beispiel wissen, ob denn ihre Eltern die Mutter von Nik kennen gelernt hätten. Guggers hatten auch mit dieser Frage gerungen und sich schliesslich dagegen entschieden. Konsterniert stellte Nik damals fest: "Was, ihr habt dieser Frau nicht einmal merci gesagt, dass ihr mich haben dürft!?"

Dass die Adoption so positiv verlaufen ist, stimmt Bethli und Fritz Gugger sehr dankbar. Vielleicht habe Nik einfach gute charakterliche Voraussetzungen mitbekommen. Sicher hat er nach der Geburt weder Ablehnung gespürt noch Traumata erlebt. Als die ganze Familie 1989 zusammen nach Indien reiste, wirkte Nik öfter still und nachdenklich. Die Eltern liessen das zu, bohrten nicht nach den Gründen. Im Nachhinein resümierte der Junge: "Jetzt weiss ich, dass ich ein Schweizer bin." Ein Schweizer mit einem Herz für Indien. Denn, dass ihm in Indien in diesem Jahr die Ehrendoktorwürde verliehen wurde, ist eine Frucht davon, dass er sich finanziell in die Bildung von indischen Jugendlichen investiert.

Ein Leben auf der Sonnenseite

Wenn Guggers auf ihr bewegtes Leben zurückblicken, sagen sie, sie hätten auf der "Sonnenseite" gelebt. Die herrliche Aussicht auf die Falkenfluh tauschten sie nicht nur mit einem Aufenthalt in Indien, sie wurden für vierzehn Jahre Heimleiter in einem Altersheim. Als ihre Kinder selbständig wurden, reiste das Paar nach Costa Rica und leitete dort eine Missionsstation. Bethli greift nach der Hand von Fritz und sagt: "Wir arbeiten gerne zusammen und ergänzen uns gut." Und - sie können zusammen beten. Das ist denn auch in ihren Augen die wichtigste Frage, die sich zwei junge Menschen vor der Heirat stellen sollten. Gemeinsame Interessen wie Sport oder Musik seien grossartig, aber eine "gwaggelige" Sache. "Einzig der Glaube hält und trägt bis ans Ende." Davon sind die beiden überzeugt. Man müsse gegenteilige Ansichten halt auch einmal stehen oder zumindest für eine gewisse Zeit ruhen lassen können, meinen sie.

Immer wieder blicken sich Fritz und Bethli liebevoll in die Augen. Sie sagen: "Wir geniessen jetzt noch das Lebens-Dessert." Dankbarkeit trägt sie auch durch diesen letzten Lebensabschnitt; fast so selbstverständlich wie die Balken das Dach ihres 200-jährigen "Heimetlis". (Autorin: Helena Gysin)

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