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Mit Bildung Leben verändern
11. April 2019

Dienen und multiplizieren

Jürg Pfister (li) im medizinischen Zentrum von Macenta/Guinea, Theologisches Seminar in Angola und rechts das „Lighthouse Battambang“ in Kambodscha. Fotos: SAM global/zvg
Jürg Pfister (li) im medizinischen Zentrum von Macenta/Guinea, Theologisches Seminar in Angola und rechts das „Lighthouse Battambang“ in Kambodscha. Fotos: SAM global/zvg
"History Makers" ist der Slogan zum 130-jährigen Jubiläum von SAM global. Mitarbeitende schreiben Geschichte. Was heisst es, Missionsprojekte nachhaltig aufzubauen, damit positive Geschichten entstehen? 

(idea) - SAM steht seit 2017 für "Serve and Multiply" - für dienen und multiplizieren. Ihre Schwerpunkte legt die Organisation auf Ausbildung, medizinische Arbeit und Prävention, theologische Bildung und Praxis sowie Verbesserung der Lebensgrundlagen. Das alles wird unter dem Stichwort "Capacity Building" zusammengefasst und heisst als Slogan formuliert: "Mit Bildung Leben verändern". Es geht um ganzheitliche Entwicklungszusammenarbeit mit dem Schwerpunkt der Entwicklung und Umsetzung von Fähigkeiten.

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Für dieses Ziel hat SAM global viel Geld investiert und Leute dafür zum Beispiel aus Guinea zur Ausbildung in andere afrikanische Länder geschickt. Es ging unter anderem darum, gute Orthopäden zu haben für die kürzlich in Macenta/Guinea gebaute Orthopädie mit neuer technischer Ausrüstung. "Wir investieren dort viel, weil wir die Präsenz unserer Leute vor Ort bis Sommer 2020 noch nutzen wollen", erklärt Jürg Pfister, der Leiter von SAM global, die Strategie. Das bedeutete aber auch, dass die Organisation 2018 deutlich mehr ausgegeben als eingenommen hat.

Vier unentbehrliche Elemente

Jürg Pfister sieht für SAM global entscheidende Aspekte im Capacity Building. "Da geht es einmal um die Entwicklung von uns selbst und von unseren Partnern vor Ort." Mit dem Wesen der Mitarbeitenden entscheidet sich auch der Erfolg der Projekte. "Menschen und Organisationen zu finden, die Potenzial haben, vertrauenswürdig sind, sich mit der ganzheitlichen Vision unserer Arbeit identifizieren, zuerst Gott und den Menschen dienen wollen statt ein grosses Salär und Ehre zu suchen, ist nicht einfach."

Die Organisationsentwicklung bei SAM global und den Partnern stellt für Jürg Pfister einen weiteren Aspekt dar. Durch die Mitgliedschaft bei Unité, dem Schweizer Verband für Personelle Entwicklungszusammenarbeit, konnte sich SAM global in manchem professionalisieren. Über Unité ist für die personelle Entwicklungszusammenarbeit auch eine finanzielle Unterstützung durch die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA des Bundes zugänglich. Das deckt rund 10 Prozent des SAM-Budgets ab, das für 2019 fünf Millionen Franken beträgt. Der grosse Rest muss mit Spenden finanziert werden.

Und dann arbeitet SAM global auf eine Entwicklung des gesellschaftlichen Systems in den verschiedenen Ländern hin. "Letzteres versuchen wir zum Beispiel durch das Initiieren eines Vereins von christlichen Juristen in Guinea, die sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen wollen." Mit Freude erfuhr Jürg Pfister bei seiner letzten Guineareise, dass 15 Dörfer öffentlich deklariert haben, dass sie keine Mädchenbeschneidung mehr dulden wollen. "Ein Beispiel, wie sich die Arbeit aufs System auswirkt."

Auch Ü-50 sind sehr gefragt

SAM global sucht nicht mehr Leute, die einfach selber die Arbeit gut machen, sondern Ausbildner; Leute, die anleiten, trainieren, fördern und begleiten. "Gerade in diesem Bereich haben wir auch mit Ü-50-Mitarbeitenden sehr gute Erfahrungen gemacht. Wo sind die Ü-50-Leute, welche das Wissen und die Erfahrung, die sie haben, weitergeben wollen und bereit sind, in Leute vor Ort zu investieren?", fragt Jürg Pfister herausfordernd. Eine Voraussetzung sei die Bereitschaft, an sich selber zu arbeiten. "Es geht um das Wachsen in der interkulturellen Kompetenz, im Kontextualisieren der biblischen Botschaft, damit sie verstanden wird."

SAM global schreibt in Angola Geschichte

Angola war über viele Jahre ein Schwerpunkt in der Arbeit von SAM global. Was waren die entscheidenden Faktoren, dass die entstandenen Werke erfolgreich an Einheimische übergeben werden konnten? "SAM global verfolgt jeweils bereits bei der Abklärung eines Projekts das Ziel, dass es einmal eigenständig funktionieren kann. Deshalb wird immer zuerst geklärt, ob es Partner vor Ort gibt", erklärt die länderverantwortliche Bea Ritzmann die Grundstrategie.

Dabei wird öfters die langfristige Strategie über den Haufen geworfen. So zwang der von 1975-2002 dauernde Bürgerkrieg die Mission 1993 zum Rückzug des Schweizer Personals. Der aus der Arbeit von SAM global entstandene Gemeindeverband "Igreja Evangélica Sinodal de Angola" überstand den Bürgerkrieg. Er zählt heute rund 2500 Gemeinden mit 1,5 Millionen Mitgliedern. Der Verband führt das von SAM global gegründete Krankenhaus inklusive Ausbildung von Spitalpersonal weiter. In Rehabilitation und Physiotherapie finden jährlich rund 30 000 Behandlungen statt. Ebenso funktionieren jetzt eine eigenständige Augenklinik und Literaturarbeit.

Die SAM leistet nur noch kleine Beiträge und steht wenn nötig beratend zur Seite. Ein gutes Beispiel für moderne sozialdiakonische Mission. Getreu dem Motto der jubilierenden Organisation: Dienen und multiplizieren.

SAM global in Asien

SAM global verstärkte in den letzten Jahren ihre Arbeit in Asien. Indien und Kambodscha kamen als Einsatzländer neu dazu. Die beiden Länder brachten eine grössere Auswahl von Einsatzmöglichkeiten in Ländern, wo die Not nach wie vor sehr gross ist. "Falls in Afrika Türen schnell wegen Boko Haram, Ebola oder anderen Faktoren zugehen, wollen wir für Mitarbeitende in anderen Ländern Einsatzmöglichkeiten haben", erklärt der Asien-Verantwortliche Ulrich Haldemann. "Für SAM global ist es auch gut, dass wir mehr Einsatzländer mit englischer Sprache anbieten können." In Asien sieht Haldemann auch bessere Möglichkeiten, im Bereich "Business for Transformation" Erfahrungen zu sammeln. "Wir engagieren uns ja verstärkt im Bereich Verbesserung der Lebensbedingungen, zum Beispiel im Aufbau von Kleinst- und Kleinunternehmen, damit die Leute vor Ort ein Leben in Würde führen können."

"Lighthouse Battambang"

In Kambodscha ist die Partnerschaft natürlich entstanden, weil schon ein Schweizer vor Ort war. Dieser hatte seit 2008 das Projekt "Lighthouse Battambang" aufgebaut. Zuerst ging es um die Unterstützung zur Bildung von Schülern und Jugendlichen aus ländlichen Gebieten, die in die Stadt Battambang zogen für weiterführende Ausbildung. Jetzt trägt das Lighthouse auch direkt auf dem von Armut stark betroffenen Land zur Entwicklung bei. Bei ärmeren Bauern werden bis zu drei Kühe eingestellt. Diese Bauern werden ganzheitlich betreut und gefördert - sie lernen artgerecht mit den Tieren umzugehen, Kälber zu züchten und richtig zu wirtschaften, um so gute Erträge zu erzielen. Dadurch können die Bauern ihr eigenes Einkommen generieren und wichtige Schritte aus der Armut und in die Unabhängigkeit und Selbständigkeit machen.

500 Millionen Benachteiligte in Indien

In Indien hatte Ulrich Haldemann von seiner früheren Tätigkeit her gute persönliche Kontakte. Diese empfahlen den jetzigen SAM-global-Partner, Cooperative Outreach of India COI, als sehr seriös. Partner durchlaufen einen gründlichen Evaluierungsprozess.

SAM global ist gemeinsam mit COI in erster Linie im Norden Indiens tätig. Ein besonderer Fokus liegt auf muslimischen Minderheitsvölkern (rund 180 Millionen Menschen) und den Dalits (rund 300 Millionen), die in Indien einen besonders schweren Stand haben. Um die Lebensbedingungen der Slumbewohnerinnen und -bewohner zu verbessern, bietet SAM global in Zusammenarbeit mit der indischen Partnerorganisation COI in verschiedenen Armenvierteln spezielle Förderprogramme an. Für Kinder und Jugendliche gibt es Spiel- und Sportaktivitäten, Nachhilfeunterricht und regelmässige ausgewogene Mahlzeiten. Für Frauen wurden Ernährungs-, Hygiene-, Beauty- und Nähkurse gestartet. Daneben werden Englisch- und Computerkurse für verschiedene Altersgruppen sowie Kleingewerbeförderung angeboten. In all diesen Aktivitäten und Angeboten wollen die Mitarbeitenden Gottes Liebe für die Bewohnerinnen und Bewohner erfahrbar werden lassen. Diese Förderprogramme werden von der Partnerorganisation COI durchgeführt. SAM global unterstützt COI einerseits mit finanziellen Mitteln, andererseits sporadisch mit Fachpersonal, um einheimische Mitarbeitende zu coachen.
(Autor: David Gysel)

130 Jahre SAM global

396 080 Konsultationen und Reha-Besuche verzeichnete die christliche Non­-Profit-Organisation SAM global 2018 im Bereich "Medizinische Arbeit und Prävention". Rund 20 000 Personen nahmen an theologischen Kursen teil. Das in diesem Jahr sein 130-jähriges Bestehen feiernde Werk arbeitet in zehn Ländern in Afrika, Asien und Südamerika im Bereich nachhaltiger Entwicklungszusammenarbeit. SAM global hat den Hauptsitz in Winterthur und Zweigstellen in Ecublens, Frankreich, und Belgien. Die Organisation ist unter anderem Mitglied bei der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Missionen (AEM) und bei der Arbeitsgemeinschaft Interaction.

Die Jubiläumsfeier findet am 13. und 14. April auf St. Chrischona (BS) statt.

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