Mittwoch • 25. November
Editorial
19. November 2020

Das Gebot der Stunde

Betende sind einsam geworden: In der Öffentlichkeit scheint Gott kein Thema mehr zu sein.
Betende sind einsam geworden: In der Öffentlichkeit scheint Gott kein Thema mehr zu sein.
Die Regierung nutzte die Institution des Bettags nicht. Kein Wort von Gott. Kein Wort von Dank und Umkehr. Dabei ist Mut zur Demut das Gebot der Stunde.

Im Lockdown im März riefen die Kirchen zum Beten auf. Jeden Donnerstag um 20 Uhr wurden Kerzen vor die Fenster gestellt. Es waren Lichtzeichen, dass die Menschen in diesen Häusern mit Gott reden und mit ihm rechnen. Der Lockdown und das Beten zeigten Wirkung. Die Zahl der Neuinfizierten sank. Die Menschen atmeten auf. Was fehlte, war der Dank nach oben. Die Regierung nutzte die Institution des Bettags nicht. Kein Wort von Gott. Kein Wort von Dank und Umkehr. Auch die Kirchen blieben weitgehend stumm. Die donnerstägliche Gebetskampagne wurde nie offiziell beendet, sie versandete.

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Im Oktober ist das Virus heftig zurückgekehrt. Die Schutzmassnahmen werden hochgefahren. Vom Versammlungsverbot bis zur 50-Personen-Obergrenze ist je nach Kanton alles zu haben. Ganze Wirtschaftszweige werden erneut ins dunkle Tal geschickt. Frust macht sich breit, auch in christlichen Gemeinden. Es ist eben nicht wieder alles wie früher. Dieses Ziel rückt in weite Ferne. Ist es das falsche?

Wie ist die Lage geistlich einzuordnen? In den Diskussionen im Netz und in Predigten fiel mir auf, dass drei Personen aus der Bibel häufiger als sonst genannt werden: Jona, Belsazar, Salomo.

Jona verzweifelt an Gott, weil dieser sich nicht erwartungsgemäss verhält, sondern die Niniviten gnädig verschont. Der auf sich selbst bezogene Prophet muss lernen, neu von Gott zu denken. Wer ist Gott für uns? 

Beim berühmten Gastmahl lässt König Belsazar die letzten Hemmungen fallen. Er lästert Gott und rühmt die Götzen. Plötzlich verstummen die Partygäste. Eine Hand schreibt etwas an die Wand, das nur Daniel deuten kann: "Mene mene tekel u-parsin". Gezählt, gewogen und zu leicht befunden. Belsazar stirbt, sein Reich wird aufgeteilt. Wider besseres Wissen hat er seinen Schöpfer nicht geehrt. Würden wir auf die Waage gelegt, hätte unser Leben genügend Gewicht?

Gott erklärt Salomo (vgl. 2. Chronik 7, 13 und 14): "Wenn ich den Himmel verschliesse, dass es nicht regnet, oder die Heuschrecken das Land fressen oder eine Pest unter mein Volk kommen lasse und dann mein Volk, über das mein Name genannt ist, sich demütigt, dass sie beten und mein Angesicht suchen und sich von ihren bösen Wegen bekehren, so will ich vom Himmel her hören und ihre Sünde vergeben und ihr Land heilen."

Mut zur Demut ist das Gebot der Stunde. Umkehren und dann einkehren bei Gott. Und zwar aus ganzem Herzen, aus tiefster Überzeugung und über die Pandemie hinaus.

Rolf Höneisen, idea-Chefredaktor