Dienstag • 10. Dezember
Politik und Glaube
02. Dezember 2019

Gottesdienst zur Eröffnung der Wintersession

Lisa Mazzone (Grüne, GE) bei ihrem Wort an die Ratskolleginnen und -kollegen im Berner Münster
Foto: Herbert Bodenmann/APD
Lisa Mazzone (Grüne, GE) bei ihrem Wort an die Ratskolleginnen und -kollegen im Berner Münster Foto: Herbert Bodenmann/APD

Bern (idea/apd) - Pfarrer Daniel de Roche, Präsident der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz, sagte in der Begrüssung am ökumenischen Gottesdienst zur Eröffnung der Wintersession der Eidgenössischen Räte, dass in dieser Stunde Atem geholt werden könne für Körper, Seele und Geist. Gestaltet wurde die Feier von der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz AGCK.CH.

ANZEIGE

Mazzone: Geprägt von biblischen Geschichten

Lisa Mazzone (Grüne, GE), die neu gewählte Ständerätin schilderte, wie sie durch Kinderbücher zu biblischen Geschichten mit Werten wie Liebe und Respekt geprägt worden sei. Sie erwähnte die Geschichte vom barmherzigen Samariter, der über gesellschaftliche Grenzen hinweg einem Verletzten geholfen hat oder jene vom Zollbeamten Zacharias, der auf einen Maulbeerbaum gestiegen ist, um Jesus zu sehen und wie Jesus keine Berührungsängste mit dem Vertreter dieses verachteten Teils der Bevölkerung hatte. Als Parlamentarierin müsse man auch Unterschiede akzeptieren und sie liebe es, in Respekt mit anderen zusammenarbeiten, sagte Mazzone.

Kuprecht: "Sich nicht so wichtig nehmen"

Alex Kuprecht (SVP, SZ) ist seit 16 Jahren Nationalrat. Als Parlamentarier sei man der "verlängerte Arm" der Bevölkerung des Herkunftskantons und trage damit auch Verantwortung. Er erlebe aber auch den Zwiespalt zwischen der eigenen Meinung und jener der eigenen Partei. Kuprecht ermutigte die Parlamentarier und Parlamentarierinnen, sich gelegentlich auch gegen die Meinung der eigenen Partei zu stellen. Es gelte an dem, was frühere Generationen geschaffen hätten, in Dankbarkeit und Verantwortung weiter zu arbeiten. Ein politisches Mandat sei auf Zeit gegeben, deshalb solle man sich nicht zu wichtig nehmen, sagte Alex Kuprecht.

Auf alles vorbereitet, "nur nicht auf Kerzen und Gebete"
Die Theologieprofessorin Barbara Hallensleben, Universität Freiburg, sprach in der Kurzpredigt zur Aussage des Apostels Petrus: "Wir erwarten gemäss seiner Verheissung einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt" (2. Petrusbrief 3,13). Der christliche Glaube habe die politische Tätigkeit geadelt, so Hallensleben. Sie zitierte den jüdischen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig mit der Aussage: "Das Gebet stiftet die menschliche Weltordnung", weil das Gebet, nach Rosenzweig, von der Begrenztheit des Augenblicks befreit und einen völlig neuen Horizont auftut.

Dies habe sich 1989 bei der Ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung "Frieden in Gerechtigkeit" in Basel gezeigt. Der Marsch durchs Dreiländereck Deutschland - Frankreich - Schweiz habe viele Teilnehmende beeindruckt, vor allem jene aus der damaligen DDR, die auch in Leipzig aktiv gewesen seien. Christen seien dann im Herbst 1989 massgeblich daran beteiligt gewesen, dass die Mauer gefallen sei. Horst Sindermann vom SED-Zentralkomitee habe Jahre später bekannt, dass sie auf alles vorbereitet gewesen seien "nur nicht auf Kerzen und Gebete".

Zwischen der Verheissung einer neuen Erde und den Rückschlägen bestehe eine Lücke, so die Theologieprofessorin, die auch das Gebet nicht schliessen könne. Gott sei in Jesus Mensch geworden und sei in diese Lücke getreten. Der Apostel Johannes habe im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, die Erfüllung der Verheissung der neuen Erde gesehen, wo sich Frieden und Gerechtigkeit umarmten.

Am 60-minütigen, ökumenischen Gottesdienst zum Auftakt der neuen Legislatur der eidgenössischen Räte nahmen rund 100 Personen teil, neben Parlamentariern und Parlamentarierinnen auch Vertreter und Vertreterinnen diverser Kirchen und weitere Besucher. Dieser Gottesdienst wird traditionsgemäss von den Mitgliedkirchen der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz AGCK.CH durchgeführt. Die Vertreter und Vertreterinnen der Kirchen und die Glaubenden wollten gerade in herausfordernden Zeiten die Arbeit des Parlaments mit Fürbitte und Gebet begleiten, heisst es in der AGCK.CH-Mitteilung zum Gottesdienst. Musikalisch wurde der Anlass vom Münsterorganisten Daniel Glaus und einem Ensemble der serbisch-orthodoxen Kirche begleitet.

Eid oder Gelübde beim Amtsantritt?

Im übrigen fand heute der Antritt vieler neuer Ratsmitglieder statt. Jedes Mitglied der Bundesversammlung legt vor seinem Amtsantritt einen Eid oder ein Gelübde ab. Weigert sich ein Ratsmitglied, den Eid oder das Gelübde zu leisten, verzichtet es auf sein Amt. Während der Eid sich auf Gott beruft, fehlt dieser Anruf beim Gelübde. Der Eid lautet: "Ich schwöre vor Gott dem Allmächtigen, die Verfassung und die Gesetze zu beachten und die Pflichten meines Amtes gewissenhaft zu erfüllen." Das Gelübde lautet: "Ich gelobe, die Verfassung und die Gesetze zu beachten und die Pflichten meines Amtes zu erfüllen."

(Autor: Herbert Bodenmann, APD, ergänzt von Rolf Höneisen, idea)