Sonntag • 24. März
100. Delegiertenversammlung
09. März 2019

100 Jahre - EVP feiert ihr eigenes Gurtenfestival

Matthias Hauser (Moderator), EVP-Präsidentin Marianne Streiff, Bundesrat Ignazio Cassis (FDP), Nationalrat Nik Gugger (EVP) freuen sich gemeinsam am Korb mit bunten Aargauer Rüebli. Foto: idea/rh
Matthias Hauser (Moderator), EVP-Präsidentin Marianne Streiff, Bundesrat Ignazio Cassis (FDP), Nationalrat Nik Gugger (EVP) freuen sich gemeinsam am Korb mit bunten Aargauer Rüebli. Foto: idea/rh

Bern (idea) - EVP-Präsidentin und Nationalrätin Marianne Streiff strahlte. 650 Gäste waren mit ihr zusammen auf den Gurten gekommen, um den 100. Geburtstag ihrer Partei zu feiern. Die Evan­ge­li­sche Volks­par­tei wurde 1919 gegrün­det, wenige Wochen nach dem Generalstreik. Damals war die Bevölkerung tief gespalten. Zwischen dem liberalen Bürgertum und der Arbeiterschaft klaffte ein Graben. Die Lage war prekär, die Stimmung aufgeheizt. Im aargauischen Brugg trafen sich 30 christlich motivierte Männer. Sie beschlossen, eine Partei der Mitte zu gründen mit dem Ziel, die gesellschaftlichen Gräben zu überbrücken und sich mit christlichen Werten für das Wohl der Bevölkerung einzusetzen. Mit zu diesem Entscheid beigetragen hatte die Einführung des 1918 eingeführten Proporzwahlrechts. Das neue Wahlsystem eröffnete auch kleineren Parteien eine Chance.

ANZEIGE

Würdigung durch Bundesrat Cassis

Bun­des­rat Igna­zio Cas­sis (FDP) wür­digte die EVP als stille, aber kei­nes­wegs leise Par­tei. Mit ihren Wer­ten leiste die Par­tei einen wich­ti­gen Bei­trag für die Schweiz, lobte Cassis. Er zog in sei­ner Rede insbesondere den Hut vor dem Grün­dungs­prä­si­den­ten der Par­tei, Arnold Muggli. Muggli hatte sich zur Zeit des Generalstreiks mit einem muti­gen Appell an den Bun­des­rat gerichtet und dabei seine grosse Sorge um den Zusammenhalt des Landes zum Ausdruck gebracht. Muggli habe den "hohen Bundesrat" gebeten - Zitat - "Der Bitterkeit und Unzufriedenheit im Volke durch äusserstes Entgegenkommen gegenüber den notleidenden Volksschichten die Spitze zu brechen". Und weiter: Dieser Geist der Bitterkeit und Unzufriedenheit könne nicht mit Gewalt bekämpft werden: "Massnahmen, die den Schutz der Bajonette erfordern, fördern das Unglück und trennen die Bürger". Der Appell habe mit Lukas 19,40 in leicht abgeänderter Form geschlossen: "Wenn die Kinder schweigen, schreien die Steine!" Man­chen Unken­ru­fen zum Trotz sei die EVP seit ihrer Grün­dung 1919 bis heute nahezu durch­ge­hend mit zwei bis drei Sit­zen im Natio­nal­rat ver­tre­ten geblie­ben, stellte der Tessiner Bundesrat anerkennend fest. "Sie gehören eher zu den Stilleren im Land. Aber deswegen sind Sie längst nicht leise", sagte Cassis mit Blick auf die Wahrnehmung der EVP. Die Partei trage zur Meinungsvielfalt im Land bei. "Mit Ihren Werten leisten Sie einen wertvollen Beitrag für unser stark christlich geprägtes Land", betonte der Aussenminister.

Pio­niere in der Sozial- und Umwelt­po­li­tik

In ihrer Festansprache betonte Marianne Streiff, die Anliegen der EVP seien über hundert Jahre die gleichen geblieben. Von Anfang an fühl­ten sich die politisch tätigen evangelischen Christinnen und Christen einer barmherzigen Sozi­al­po­li­tik und dem Schutz der Umwelt ver­pflich­tet. Schon 25 Jahre vor deren Ein­füh­rung legten sie die ver­fas­sungs­mäs­si­gen Grund­la­gen für die AHV und ein Pos­tu­lat 1944 wurde zum Fun­da­ment für den Gewäs­ser­schutz in der Schweiz, nannte sie als Beispiele.

"Wertkonservativ, ökologisch-progressiv"

"Wie vor hun­dert Jah­ren seh­nen sich auch heute breite Bevöl­ke­rungs­kreise nach wer­teo­ri­en­tier­ten poli­ti­schen Akteu­ren", sagte die EVP-Präsidentin. Und auch 2019 blo­ckie­rten wiederum "poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung und Kli­en­tel­in­ter­es­sen wich­tige Reform­pro­jekte". Her­aus­for­de­run­gen wie Gesund­heits­we­sen, Sozi­al­ver­si­che­run­gen, EU oder Migra­tion liessen sich nur mittels Kom­pro­missen lösen. Hier hel­fe die EVP aktiv mit, die nötigen Brü­cken zu ­bauen. In gesell­schafts­po­li­ti­schen The­men wie Ster­be­hilfe oder Dro­gen­kon­sum stehe die EVP eher auf der wert­kon­ser­va­ti­ven Seite, die Werte prüft und, wo sinn­voll, bewahrt. In sozia­len und umwelt­po­li­ti­schen The­men poli­ti­siere sie dage­gen eher links, ökologisch-progressiv.

Vier Schwerpunkte im Wahljahr

Prä­si­den­tin Streiff for­derte die Par­tei­mit­glie­der auf, sich "auf Basis der Werte-DNA der Par­tei" im Wahl­jahr ganz besonders für die Schwer­punkt­the­men der EVP ein­zu­set­zen: ein ethi­sches Unter­neh­mer­tum im Dienst am Men­schen, den kon­se­quen­ten Kampf gegen Aus­beu­tung und Men­schen­han­del, Reli­gi­ons­frie­den sowie eine nach­hal­tige Gene­ra­tio­nen­po­li­tik für ein Leben in Würde von der Zeu­gung bis zum Tod. Marianne Streiff erhielt für ihre Rede, aber wohl viel mehr noch für ihnen Einsatz für die 4500 Mitglieder zählende Partei eine stehende Ovation.

Locher: "Das Salz in der Suppe!"

In den Reigen der Gratulanten reihten sich Ständerat Filippo Lombardi (CVP), der Generalsekretär der Bischofskonferenz, Erwin Tanner, und der Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, Gottfried Locher, ein. Locher mahnte die EVPler, das "e" hochzuhalten. Während "evangelisch" früher konfessionell verstanden wurde, seien heute damit Werte verbunden. Das Evangelium sei auf eine gemeinsame Übersetzungsarbeit angewiesen. Während die Kirche evangelische Grundlagen aufarbeite, mache die EVP damit Parteipolitik. So solle sie das Salz in der Gesellschaft sein. "Seid das Salz in der Suppe - statt die Suppe selbst. Bleibt evangelisch verwurzelt und evangelisch visionär", dann lägen für die EVP durchaus weitere hundert Jahre drin, prophezeite der SEK-Präsident.   

Diskutieren

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag ist geschlossen. Nach dem Erscheinen eines Artikels kann dieser 48 Stunden kommentiert werden.