27. Juni 2020

Neue Zahlen

Wieder mehr Abtreibungen in der Schweiz

Bild: FotoRieth/Pixabay
Bild: FotoRieth/Pixabay

Neuenburg (idea/dg) - Die Abtreibungsrate war 2019 so hoch, wie seit 2013 nicht mehr. Dies zeigen die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik. Noch fehlen die Zahlen für die Kantone Bern und Glarus. In den restlichen Kantonen verloren 2019 insgesamt 9447 ungeborene Kinder ihr Leben durch eine Abtreibung. Nicht mitgezählt sind dabei die frühabtreibenden Mittel, "Pille danach" genannt.

Abtreibungen bei jungen Frauen
Die Abtreibungsrate pro Tausend Frauen zwischen 15 und 44 Jahren lag 2019 schweizweit (ohne Bern und Glarus) bei 6,5. Die Kantone mit der höchsten Zahl an Abtreibungen pro Tausend im Kanton wohnhaften Frauen sind Genf (10,9 - in vergangenen Jahren noch deutlich höher), Waadt (8,8, und in der Deutschschweiz Basel-Stadt (7,6) und Zürich (7,4). Bei den 15- bis 19-jährigen Frauen lag 2019 die Rate bei 3,5. 2005 war die Rate da noch 5,5 gewesen. Konkret wurden ohne Bern und Glarus bei jungen Frauen zwischen 15 und 19 Jahren 2019 642 Abtreibungen vorgenommen. In der gleichen Altersgruppe wurden im selben Jahr 277 Geburten verzeichnet; diese Zahl nimmt seit Jahren massiv ab. Vier Abtreibungen waren es 2019 bei unter 15-Jährigen. Bei dieser letzten Gruppe waren es bis 2012 noch deutlich mehr Abtreibungen gewesen. Die Zahl der Abtreibungen bei Frauen über 44 Jahren liegt seit Jahren leicht unter oder über 100.

Wie und in welcher Woche abgetrieben?
Insgesamt verlieren drei Viertel der abgetriebenen Kinder ihr Leben auf medikamentöse Weise, ein Viertel durch einen chirurgischen Eingriff. Die längerfristige Tendenz geht hin zum medikamentösen Eingriff. 54 Abtreibungen wurden 2019 ab der 23. Schwangerschaftswoche ausgeführt. Da lässt sich über die Jahre insgesamt eine Zunahme beobachten. Zwischen der 13. und der 22. Woche waren es 2019 ohne Bern und Glarus 365 Abtreibungen.

Erklärungen für steigende Rate
Sichere Erklärungen für die seit 2018 wieder steigende Abtreibungsrate gibt es nicht, nur Vermutungen. "Durchaus denkbar wäre, dass der Trend hin zu natürlichen Verhütungsmitteln zu mehr Abtreibungen führt", wird Irène Dingeldein, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG), im Tagesanzeiger zitiert. "Es gibt immer mehr Frauen, die bewusster und natürlicher verhüten wollen. Ohne Hormone. Sie sagen, sie wollten ihren Zyklus und somit ihren Körper wieder spüren." Auch würden viele Frauen die Pille wegen der negativen Schlagzeilen absetzen - zu viel hätten sie von Stimmungsschwankungen oder Depressionen gelesen. Häufig würden sich Frauen auf Zyklus-Computer oder Zyklus-Apps verlassen. Das Problem: "Diese funktionieren nur, wenn eine Frau einen regelmässigen Lebenswandel hat. Wenn sie die Basaltemperatur immer zur gleichen Zeit morgens misst, genügend schläft, nicht zu viel Stress hat", so Dingeldein weiter im Tagesanzeiger.
Nina Manz, Oberärztin an der Frauenklinik des Zürcher Stadtspitals Triemli, sieht keinen Zusammenhang mit natürlichen Verhütungsmitteln. "Frauen, die sich ernsthaft für die natürliche Verhütung interessieren, nehmen gleichzeitig sehr bewusst die Verantwortung für ihren Körper selber in die Hand. Das sind gleichzeitig Frauen, die einem Schwangerschaftsabbruch sehr kritisch gegenüberstehen und einen solchen Eingriff in der Regel nicht durchführen lassen", wird sie im Tagesanzeiger zitiert.