08. Februar 2019

Ethiker

Sterbehilfe wird in den Niederlanden immer mehr zur Regel

2017 wurden in den Niederlanden 6.500 Personen durch aktive Sterbehilfe getötet. Foto: picture-alliance/Christian Ender
2017 wurden in den Niederlanden 6.500 Personen durch aktive Sterbehilfe getötet. Foto: picture-alliance/Christian Ender

Köln (idea) – Der niederländische evangelische Theologe und Ethikprofessor Theo Boer (Kampen/Groningen) hat davor gewarnt, dass aktive Sterbehilfe in seinem Heimatland immer mehr zur Regel wird. Das geht aus einem Beitrag des Deutschlandfunks (Köln) in der Sendereihe „Religion und Gesellschaft“ hervor. 2017 wurden so 6.500 Personen getötet. Das sind gut 4,5 Prozent aller Sterbefälle, 2010 waren es 2,8 Prozent. Seit 2002 ist in dem Land Sterbehilfe erlaubt. Geprüft werden die Fälle von Ärzten und von fünf regionalen Prüfkommissionen, die aus Juristen, Ärzten und Ethikern bestehen. Laut dem niederländischen Statistikbüro CBS befürworten mehr als 85 Prozent aller Niederländer den Sterbehilfeparagrafen. Die Ursachen für die Zunahme der Sterbehilfefälle seien unklar, heißt es in dem Beitrag. Ein Grund könnte sein, dass viele Sterbehilfe als ein Recht betrachteten. Boer sieht diese Entwicklung kritisch: „Dabei haben sie dieses Recht überhaupt nicht. Rein juristisch gesehen geht es um eine Handlung im Ausnahmefall, die durch eine Notsituation gerechtfertigt sein muss. Doch die Ausnahme wird immer mehr zur Regel, das ist der Trend.“

Auch Senioren mit vielfältigen Alterserkankungen erhalten Sterbehilfe

Es geht laut dem Beitrag auch nicht mehr nur um Menschen, bei denen klar sei, dass sie in kurzer Zeit ohnehin gestorben wären. Inzwischen seien auch Senioren betroffen, die an sogenannten „multiplen Alterserkrankungen“ leiden, die sich also „nicht mehr bewegen können, inkontinent sind und darüber hinaus auch noch blind und taub“. Ausschlaggebend sei das Kriterium des unerträglichen und aussichtslosen Leidens. Auch Menschen mit Herz-, Kreislauf- und Nervensystemerkrankungen wie ALS oder Psychiatrie- und Alzheimerpatienten könnten sich deshalb auf den Sterbehilfeparagrafen berufen. 2017 hätten 166 Demenzkranke Sterbehilfe bekommen.

Ethikprofessor: Die Niederlande sind über das Ziel hinausgeschossen

Prof. Boer zufolge verlernt die niederländische Gesellschaft immer mehr den Umgang mit Leiden und Schmerzen. Das Land sei über das Ziel hinausgeschossen. Er sei deswegen 2014 aus der regionalen Prüfkommission ausgetreten: „Wir segnen immer mehr Fälle ab, für die unser Sterbehilfeparagraf eigentlich nie gedacht war. Psychiatriepatienten oder Menschen mit multiplen Altersgebrechen hätten noch Jahre leben können. Wir haben es versäumt, in unseren Sterbehilfeparagrafen das Kriterium des voraussehbaren Todes aufzunehmen.“

Evangelikaler Arzt: „Egal, wie entstellt du bist: Wir sind für dich da“

Ferner heißt es in dem Bericht, dass die Bereitschaft der Ärzte, Sterbehilfe zu leisten, gestiegen sei. 2010 hätten sie in 45 Prozent aller Bitten darum eingewilligt, 2015 waren es 55 Prozent. Gleichzeitig fühle jeder zweite Mediziner einen gesellschaftlichen Druck, Sterbehilfe leisten zu müssen. Der auf Palliativmedizin spezialisierte Anästhesist Paul Lieverse, der zu dem evangelikalen Zusammenschluss „Christian Medical Fellowship“ gehört, lehnt aktive Sterbehilfe unter anderem wegen des biblischen Gebots „Du sollst nicht töten“ ab. Er plädiert stattdessen für eine palliative Sedierung. Das Schlafmittel verabreiche er seinen Patienten nicht mit der Absicht, ihr Leben zu verkürzen. Das sei ein wesentlicher Unterschied, sagt Lieverse: „Sterbehilfe bedeutet für den Patienten im Grunde genommen: ‚Du zählst nicht mehr mit, du bist es nicht mehr wert, weiter zu leben.‘“ Er hingegen sage seinen Patienten: „Egal, wie entstellt du bist, egal, wie sehr du stinkst oder wie seltsam du dich aufgrund der Medikamente, die du schlucken musst, benimmst: Du bist wichtig, wir wollen weiterhin mit dir zu tun haben, wir sind für dich da.“

Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende: Der Patient muss frei entscheiden dürfen

Eine Auswertung des Sterbehilfeparagrafen hat laut Deutschlandfunk ergeben, dass die Zahl der Menschen, die während einer palliativer Sedierung sterben, stärker gestiegen ist als die der Sterbehilfefälle. Sie habe sich zwischen 2005 und 2015 von 8,2 auf 18 Prozent mehr als verdoppelt. Das wiederum sieht die „Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende“ (Amsterdam) kritisch. Sie setzt sich seit den frühen 1970er Jahren für eine Enttabuisierung von Sterbehilfe ein. Deren Direktorin Agnes Wolbert sagte gegenüber dem Deutschlandfunk, dass die Ursache dieser Steigerung untersucht werden müsse: „Wer sich für Sterbehilfe entscheidet, möchte bei vollem Bewusstsein sterben, er will die Regie behalten und nicht abhängig werden. Bei palliativer Sedierung hingegen wird man bewusstlos gemacht und weiß nicht mehr, was mit einem passiert. Es kann eine Woche dauern, bis man tot ist, denn man stirbt, weil man aufgehört hat, zu essen und zu trinken.“ Wichtig sei, dass der Patient dies wisse. Wolbert: „Er hat frei darüber entscheiden zu dürfen, was er will – er, nicht der Arzt.“