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Kantone und Schulgemeinden mit religiöser Vielfalt konfrontiert
11. Juni 2019

Welche Religionen haben ein Recht auf Schuldispens?

"Ein Sporttag ohne Kinder mit muslimischem oder anderem Glauben macht wenig Sinn", findet die Schule der aargauischen Gemeinde Aarburg. Bild: Wikimedia/Joe byrne

Zürich (idea/dg) – Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund SIG zeigt sich beunruhigt, dass der Aargauer Nationalrat Andreas Glarner eine Zürcher Lehrerin auf Facebook mit Namen und Schul-Handynummer an den Pranger stellte. Sie hatte die Eltern per Mail informiert, dass Schüler an religiösen Feiertagen wie dem islamischen Bayram (Ende des Ramadan) ohne Jokertag frei nehmen können. „Für den SIG ist klar, dass alle Angehörigen einer Religion die Möglichkeit haben sollen, ihre hohen Feiertage zu begehen. Er begrüsst deshalb diese seit Langem bestehenden Regelungen der Volksschulen schweizweit“, schreibt der SIG in einer Mitteilung. Für SIG-Präsident Herbert Winter ist klar: „Die Schweiz ist ein Land der Vielfalt und dazu gehören auch verschiedene religiöse Feiertage. Der SIG setzt sich darum weiterhin dafür ein, dass sowohl die Schweizer Juden, als auch alle anderen Religionen in der Schweiz ihren Glauben frei ausüben können.“

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Was sieht das Gesetz vor?

Das Zürcher Volksschulgesetz ordnet die Dispensen der Ebene der Verordnung, also der Kompetenz des Regierungsrates zu. Die entsprechende Verordnung sieht wie die Aargauer Schulverordnung Dispensen für „hohe Feiertage oder besondere Anlässe religiöser oder konfessioneller Art“ vor. Analog vorgesehen sind Dispensen zum Beispiel für „Vorbereitung und aktive Teilnahme an bedeutenden kulturellen und sportlichen Anlässen“, ganz unabhängig jeglicher Religionszugehörigkeit.
Die EDU Schweiz moniert zu diesem Fall in einer Mitteilung: „Weil der Islam bisher in keinem Kanton öffentlich-rechtlich anerkannt wurde, besteht für die jokertagsfreie Schuldispensation von Muslimen keine Verfassungsgrundlage.“ Was sagt nun die Zürcher Kantonsverfassung? Sie erklärt in Artikel 116 die öffentlichen Schulen als „den Grundwerten des demokratischen Staatswesens verpflichtet“ und „konfessionell und politisch neutral“. Sie verbietet auch die Diskriminierung aufgrund religiöser Überzeugungen. Grundsätzlich zu den Religionen äussert sie sich weiter: „Kanton und Gemeinden schaffen günstige Voraussetzungen für den Dialog zwischen den Kulturen, Weltanschauungen und Religionen.“

Organisatorische Dimensionen

Dass die religiöse Diversität nicht nur individuelle Dimensionen hat, zeigt der in der EDU-Mitteilung ebenfalls erwähnte Fall der Schule Aarburg AG. Dort verschob die öffentliche Schule das Verschiebedatum des Sporttags, „um eine Kollision mit Bayram zu vermeiden“, wie die Schule schreibt. Ihre Erklärung: „Ein Sporttag ohne Kinder mit muslimischem oder anderem Glauben macht wenig Sinn. Sport und ein gegenseitig respektvoller Umgang verbindet Menschen und kennt keine Religionen. Wir haben an unserer Schule sehr viele Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Kulturen.“ Diese Verschiebung stösst bei der EDU auf Unverständnis: „Dass fanatische Muslime ihrerseits immer wieder mangelnde Toleranz gegenüber geltenden Schulregeln an den Tag legen, macht ein vorauseilendes Entgegenkommen umso unverständlicher.“

Auch orthodoxe Christen und andere Religionen betroffen

Das Zürcher Volkschulamt begründet die grundsätzliche Möglichkeit für eine Dispens für religiöse Feiertage in einer Erklärung vom Januar 2018: „Der Zürcher Schulkalender trägt aus historischen Gründen den evangelisch-reformierten Feiertagen Rechnung. Die Feste von Angehörigen anderer Konfessionen sind darin nicht berücksichtigt […] Dispensmöglichkeit stand ursprünglich Eltern katholischen und jüdischen Glaubens offen, wurde dann auf Eltern islamischen Glaubens und Mitgliederanderer im Kanton ausgeübter Religionen ausgedehnt.“ So liegt zum Beispiel der orthodoxe Karfreitag an einem anderen Datum als im reformierten Kirchenkalender. Je nach Schulgemeinde und Jahr kann es Schulferien oder einen Schultag treffen. Das Volksschulamt listet weiter zwei islamische Feste und das Freitagsgebet sowie fünf jüdische Feste auf. Ebenso erwähnt es Feste des tamilischen Hinduismus und des tibetischen Buddhismus. Katholische Feiertage werden nicht speziell erwähnt.

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