Samstag • 29. April
Aramäer befürchten Willkür
20. April 2017

Christen schauen mit bangen Blicken in die Zukunft

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einer Rede zum Feiertag der Nationalen Souveränität und des Kindes. Foto: picture-alliance/abaca
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einer Rede zum Feiertag der Nationalen Souveränität und des Kindes. Foto: picture-alliance/abaca

Frankfurt am Main (idea) – Die etwa 160.000 Christen in der Türkei sind nach dem Ja zur umstrittenen Verfassungsreform in Alarmbereitschaft und schauen mit bangen Blicken in die Zukunft. Diese Ansicht äußerte der Vorsitzende des Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland (Heidelberg), Daniyel Demir, gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. 51,4 Prozent der Türken hatten für die Einführung eines Präsidialsystems gestimmt, das dem streng islamischen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan fast diktatorische Macht verleiht. Demir zufolge versuchen die Aramäer unter den Christen – sie sprechen die Sprache Jesu – „möglichst unsichtbar“ zu sein. Diese christliche Minderheit sei in der südosttürkischen Region „Tur Abdin“ (Berg der Gottesknechte) bereits stark zurückgegangen. Mittlerweile lebten dort nur noch 2.000. Die Zahl werde weiter sinken. Insbesondere die jungen Leute sähen nach dem Referendum ihre Zukunft nicht mehr in der Region. Alle versuchten, nicht anzuecken, sagte Demir: „Nicht nur die aramäischen – alle Christen in der Türkei haben Angst.“ Sie würden sich öffentlich niemals kritisch äußern – aus Sorge, ebenso wie zahlreiche Journalisten und Anwälte im Gefängnis zu landen. Demir: „Sie befürchten, dass die Willkür weiter zunimmt.“ Problematisch sei ebenso, dass die Zahl der Touristen aufgrund der unsicheren Lage noch weiter abnehmen werde. Doch die Klöster des Tur Abdin – etwa Mor Gabriel bei Midyat und Deirzulfaran bei Mardin – seien auf die Spenden der Touristen angewiesen. Insgesamt leben laut Demir in der Türkei noch rund 20.000 aramäische Christen, davon gut 15.000 in Istanbul: „In einer Großstadt ist es leichter, unauffällig zu leben.“

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Katholischer Theologe: Lage der Menschenrechte ist besorgniserregend

Der Leiter der Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle (CIBEDO), der türkischstämmige katholische Theologe Timo Güzelmansur (Frankfurt am Main), hält die Lage der Menschenrechte für besorgniserregend. Wie er dem Domradio in Köln sagte, dürfen Christen weder Geistliche ausbilden, noch haben sie die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts: „Die Unsicherheit geht weiter.“

Präsident Erdogan: Vom Tellerwäscher zum Millionär

Der Türkei-Korrespondent der Tageszeitung „Die Welt“, Boris Kálnoky (Istanbul), beschreibt in dem Blatt aus Berlin die Lebensgeschichte Erdogans. Er sei im ärmlichen Istanbuler Stadtteil Kasimpasa aufgewachsen. Dort habe der „Junge aus einfachen Verhältnissen“ gelernt, sich durchzusetzen. Sein Werdegang sei der des „Tellerwäschers zum Millionär“. Er habe dort erfahren, dass es ohne „Rechtgläubigkeit“ keine Ehre gebe. Erdogan habe eine islamische Religionsschule absolviert und später wegen des Rezitierens eines militant religiösen Gedichtes einige Monate im Gefängnis verbracht. Danach habe er sich einige Zeit proeuropäisch und demokratisch gegeben. Ab 2007 habe er begonnen, die politische Macht der säkularen Militärs mit den „fiesesten Mitteln“ zu brechen. Kálnoky schreibt: „Einer Vision eines neuen Osmanischen Reiches als Wegbereiter für den Willen Allahs folgt er flexibel, opportunistisch, nutzt Chancen dort, wo sie sich bieten, weicht aus, wo er muss, schlägt hart zu, wo er zu müssen meint und es sich erlauben kann.“ Erdogan habe so viele Gegner in seinem Leben überwunden, dass er „verwöhnte Europäer mit ihrem aufgesetzten Lächeln und ihren hohlen Phrasen als Gegner kaum ernst nehmen kann. Als Partner auch nicht. Man kann Gottlose nicht respektieren. Man kann mit ihnen handeln, wenn es bei ihnen etwas zu holen gibt, oder, wenn sie bockig werden, es eben bleiben lassen.“ Die Türkei hat rund 79 Millionen Einwohner, von denen 99 Prozent Muslime sind. Nur 0,2 Prozent (160.000) sind Christen.

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