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Zeitungen & Zeitschriften
24. Dezember 2018

Weihnachten ist das größte aller Geschenke

Zeitungen und Zeitschriften denken zu Weihnachten über die Möglichkeit von Wundern, Jesus als Gewaltopfer und den (Un-)Glauben der Deutschen nach. Foto: picture-alliance/Markus C. Hurek
Zeitungen und Zeitschriften denken zu Weihnachten über die Möglichkeit von Wundern, Jesus als Gewaltopfer und den (Un-)Glauben der Deutschen nach. Foto: picture-alliance/Markus C. Hurek

Die Zeit: Weihnachten hat einen weltumspannenden Anspruch

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Die Wochenzeitung „Die Zeit“ (Hamburg) betitelt ihren Leitartikel auf Seite 1 mit „Das größte aller Geschenke“. Sie schreibt: „Die biblische Weihnachtsgeschichte vom Kind in der Krippe spielt in einem ganz großen Theater. Die Kulisse ist der Kosmos mit seinen Gestirnen, ein geschweifter Himmelskörper beleuchtet die Szene, Himmel und Wüste umarmen einander. Auch die Rollen sind universal besetzt, da sind die goldbeladenen Könige und die armen Schlucker von den Feldern. Da sind die Tiere versammelt und die Menschen. Und der Soundtrack kommt von oben, aus dem schwebenden Heer der Engel: ‚Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden.‘ Was hier in den Weiten Palästinas geschieht, hat einen weltumspannenden Anspruch. Dieser eine Augenblick – eingefroren im globalen Kalender und seither die Weltzeit in ein Vorher und ein Nachher unterteilend – richtet sich an die ganze Menschheit.“

Stern: Wunder sind der Aperitif des ewigen Lebens

Das Hamburger Wochenmagazin „Stern“ zeigt sich in seiner Titelgeschichte „Wunder geschehen. Wie Glaube und Vertrauen uns stark machen“ erstaunlich offen für Übernatürliches: „Und was, wenn sie stimmt? Diese unglaubliche Geschichte? Vom großen Gott, der klein wird? In Windeln gewickelt, zu Bethlehem geboren? Der Mensch wird und Wunder wirkt? Blinde sehend und Lahme gehend macht? ... Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei lassen uns träumen, dass der Schöpfer, das Schicksal, wer und was auch immer, Barmherzigkeit walten lässt und Ausnahmen gewährt vom Regelwerk. Dass mal ein Mirakel möglich wird, ein Zauber; ach wie schön das wäre, bitte, bitte, lieber Gott. Wenn wir nur genug beten und betteln … Für Christen sind Wunder Zeichen göttlichen Wirkens. Ein Fingerzeig. ‚Sie sind‘, sagt Prälat Wilhelm Imkamp, ‚der Aperitif des ewigen Lebens‘. Das da kommen soll für den, der glaubt.“

Süddeutsche Zeitung: Jesus als Gewaltopfer

Die Süddeutsche Zeitung (München) sieht in dem Bericht des Evangelisten Matthäus von der Ermordung der neugeborenen Kinder durch die Schergen von König Herodes eine drastisch inszenierte „Legende“: „Es hat sehr wohl einen grausamen König Herodes gegeben, der hinter jeder Ecke Intriganten und Königsmörder witterte und deswegen sogar seine eigenen Söhne umbrachte. Den bethlehemitischen Kindermord aber hat er nach heutigen Erkenntnissen nicht auf dem Gewissen; der hat nicht stattgefunden, diese Geschichte ist Legende… Der Messias, den Gott schickt, wird praktisch mit seiner Geburt ins Unheil hineingezogen – er wird ein Opfer der Gewalt. Der Retter ist einer, der gerettet werden muss, auf dass er nicht umkommt… Die Geschichte von Herodes‘ Kindermord ist geformt nach der alttestamentlichen Erzählung vom Mordkommando des Pharaos in Ägypten, der so verhindern will, dass die Israeliten zu groß werden in seinem Land. Er lässt deren männliche Kinder umbringen. Nur Moses, der spätere Befreier, überlebt die Mordaktion. Es geht in diesen Mord-Geschichten immer um die Angst der Mächtigen, ihre Angst sogar vor den Kleinen: Es soll, es darf, das ist die Angst der Klein- und Großmächtigen, nicht der andere, nicht der Falsche groß werden. Der Kleine soll klein, der Große groß bleiben. Es ist dies eine Urangst der Machtmenschen, über die schon die biblische Urgeschichte handelt. Mit einem Mord aus genau diesem Grund beginnt in der Bibel die Geschichte der Menschheit, die, entlassen aus dem Paradies, in der Wirklichkeit angekommen ist: Kain erschlägt seinen jüngeren Bruder Abel. Abel ist der Prototyp der Gewaltopfer, zu denen auch Jesus gehört.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Medium der Plausibilisierung eines Paradoxes

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung erklärt die Weihnachtsgeschichte im Stil einer kaum verständlichen Doktorarbeit: „Lukas schrieb für eine Leserschaft, die religionskulturell mit hellenistischen Denkformen vertraut war. Die Botschaft war dieselbe [wie bei Matthäus], musste aber, um verstanden zu werden, in verschiedene Verständnishorizonte ausgelegt und in unterschiedlichen Semantiken formuliert werden. Das vordergründig Legendenhafte diente dabei als Medium der Plausibilisierung der an ein Paradox grenzenden ,guten Nachricht‘ (Evangelium), dass Gott Mensch geworden sei … Man mag die Bedürfnisse, die in der Ausschmückung der Weihnachtsgeschichte als Ganzes oder auch einzelner Elemente am Werk sind, religions- oder tiefenpsychologisch erklären wollen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Die Weihnachtsgeschichte ist wohl wie keine andere Erzählung eine Projektionsfläche menschlicher Sehnsucht.“

Der Spiegel: Das Evangelium nach Maria

Ursprünglich plante „Der Spiegel“ (Hamburg) zu Weihnachten eine Titelgeschichte über Maria Magdalena. Doch nach dem Fälschungsskandal um einen Spiegel-Reporter ermittelt das Nachrichtenmagazin in seinem Aufmacher diesmal gegen sich selbst. Die Geschichte über Maria Magdalena findet sich trotzdem im Blatt – und liest sich wie eine Verschwörungstheorie. Ein lange verschollenes Papyrus schildere Maria als „wichtiger als die Apostel – doch der Text wurde von der Kirche aussortiert und blieb lange geheim“. Die Männer der Kirche hätten nicht nur die Frau aus Magdala, sondern alle Frauen an den Rand gedrückt. Und welche Erkenntnisse findet „Der Spiegel“ im Maria-Papyrus? „Die Textpassage schwelgt in esoterischen Bildern. Nach dem Tod eines Menschen, beim Aufstieg der Seele ins Jenseits, überwinde die Seele mehrere Gewalten, heißt es im Mariaevangelium, darunter die Finsternis, die Begierde, die Unwissenheit, den ,Eifer des Todes‘, das ‚Reich des Fleisches‘, die ‚närrische, fleischliche Klugheit‘ und die ‚jähzornige Weisheit‘. Am Ende erlange sie ‚Ruhe von der Zeit in Schweigen‘. Diese Version des Jenseits mutet ein wenig fernöstlich an. Eine fassbare Gottesgestalt gibt es da nicht, schon gar keinen gütigen Gottvater, von dem Kirchenväter reden.“

Focus: Zahl der Christen wird kleiner sein als die der Nicht-Christen

„Haben die Deutschen den Glauben verloren?“, fragt das Nachrichtenmagazin „Focus“ (München): „Die christlichen Kirchen stehen vor gewaltigen Aufgaben. Gläubige wenden sich ab, Priester fehlen, und die Aufarbeitung des tausendfachen sexuellen Missbrauchs hat gerade erst begonnen. Doch schon der Wille zur Reform ist eine frohe Botschaft … Haben die christlichen Kirchen in Deutschland noch diese Kraft? Sie schrumpfen und werden schwächer. Aus den protestantischen Kirchen treten jedes Jahr etwa 200.000 Deutsche aus, bei den Katholiken sind die Austrittszahlen ein wenig niedriger (2017: 168.000). Rechnet man die Sterbefälle dazu, verlieren die beiden Kirchen pro Jahr etwa 660.000 Mitglieder. In nur wenigen Jahren steht das Christentum in Deutschland damit vor einem tiefen Einschnitt. Erstmals wird die Zahl der Christen kleiner sein als die der Nicht-Christen. Wer glaubt, das Geld allein vertreibe die Deutschen vom Kreuz, der irrt. Eine Studie des Bistums Essen ergab, dass nicht die Kirchensteuer, sondern inhaltliche Gründe viele Menschen zum Austritt bewegen. Sie fühlen sich von ihrer Kirche entfremdet. Sie verstehen ihre Moral nicht mehr und sehen keinen ‚Nutzen‘ der Kirche.“

Neue Zürcher Zeitung: Die Geburt Jesu ist eigentlich ein Skandal

„Die Geburt Jesu ist eigentlich ein Skandal“, schreibt die Neue Zürcher Zeitung in ihrem Leitartikel: „Es ist Gott, der vom Himmel herabsteigt und sich unvermittelt auf die Menschen zubewegt, indem er selbst Mensch wird. Seither stellt sich die Frage, wie die Menschen auf diese göttliche Avance reagieren. Mit stiller Duldsamkeit wie Josef und Maria; mit heftigem Widerstand wie Herodes, der Statthalter Roms in Galiläa, der nach Matthäus aus Angst vor dem neugeborenen König alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten lässt; mit Furcht, wie die Hirten … Gott geht also in der Weihnachtserzählung auf die Menschen zu – aber müssen deshalb die Menschen auf ihn zugehen? Sie müssen nicht, aber sie können. Darin liegt ihre Freiheit begründet. Sie sind frei, mit Ja oder Nein zu antworten – nicht aber, sich der Verantwortung zu entziehen.“

Der Tagesspiegel: Der Fromme nimmt die Bibel

Der Tagesspiegel (Berlin) ruft zu Besinnung und innerer Einkehr auf: „Genau das ist die Chance – sich aufs Wesentliche zu besinnen. Wer will, der kann dazu in die Gotteshäuser gehen, kann dort versuchen, sich selbst zu finden. Aber wer mit diesen Orten, den dort gesprochenen Worten nichts anfangen kann oder will? Der kann dennoch erfahren, dass ihm und ihr das Fromme innewohnt. Spiritualität ist nicht notwendigerweise eine Frage des äußeren Orts. Jeder ist sich selbst sein eigener Ort. Zwiesprache kann auch so gelingen, ohne Messe. Das Bedeutsame an der Kirche ist allerdings, dass sie durch gleichsam institutionalisierte Auseinandersetzung mit Worten einen Raum schafft. Den nötigen zum Nachdenken, zum Nachsinnen, zur Besinnung … Der innere Ort kann damit Ausgangspunkt für eine gelebte Frömmigkeit werden. Der Fromme nimmt das Wort, die Bibel. Was er dann in sich hört, wenn er darüber nachdenkt, kann er die Stimme Gottes nennen – oder auch nicht. Fromm ist ja auch ein Wort für rechtschaffen. Man kann das Nachdenken gut auch als Aufruf zur Rechtschaffenheit verstehen.“

Badische Zeitung: Weihnachten lässt sich nur bestaunen

Die Badische Zeitung (Freiburg) kommentiert: „Das Jahr 2018 wird vielleicht einmal als ‚annus horribilis‘ in die Geschichte eingehen, als das Jahr, in dem es in China mit der Generation eines ,Designer-Babys‘ erstmals gelungen ist, entscheidend in die Schöpfungsordnung Gottes einzugreifen. Dennoch wird am Heiligabend auch jeder Atheist seine Mails automatisch mit der Jahreszahl 2018 versehen. Die Geburt Christi ist der Referenzpunkt unserer Geschichte schlechthin. Der König des Weltalls hat sich auf unsere Natur eingelassen. Ein größerer Liebesakt ist nicht vorstellbar. Alle Schönheit Roms und Freiburgs verdankt sich diesem Liebesakt und auch der ganze Kosmos der abendländischen Kultur, Kunst und Musik. Das lässt sich nicht begreifen, das lässt sich nur bestaunen.“

Westfalen-Blatt: Weihnachten hat eine ungeheure Kraft

Feststimmung verbreitet auch das Westfalen-Blatt (Bielefeld): „Weihnachten hat eine ungeheure Kraft. Man muss nicht gläubig sein, um sie zu spüren. Dem Weihnachtsfest zu entfliehen, mag leicht sein – unendlich schwerer aber ist es, sich dem Weihnachtsgefühl zu entziehen. ‚Gott ist Mensch geworden und hat unter uns gewohnt‘: Diese Geschichte ist so unerhört, dass sie unsere Vorstellungskraft sprengt – und wider jede Plausibilität unser Interesse weckt. Was wäre eigentlich, wenn das ganze Jahr Weihnachten wäre? Wenn die Menschen immer zuerst den Menschen im Nächsten sähen? Denn das ist die Botschaft dieser Tage, die weit über Weihnachten hinausreicht und sich an uns alle richtet: Macht es wie Gott und werdet Mensch!“

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