Montag • 16. September
Pro und Kontra
11. September 2019

Kann man ohne Gemeinde Christ sein?

v. l.: Der stellvertretende Chefredakteur von „BILD“, Daniel Böcking, und der Frankfurter Pfarrer Andreas Hannemann. Fotos: Christian Langbehn, Privat
v. l.: Der stellvertretende Chefredakteur von „BILD“, Daniel Böcking, und der Frankfurter Pfarrer Andreas Hannemann. Fotos: Christian Langbehn, Privat

Wetzlar (idea) – Das Christentum war von Anfang an eine Gemeinschaftsreligion. Doch viele Gemeinden in Deutschland leiden unter Mitgliederschwund. Die beiden großen Kirchen werden bis zum Jahr 2060 fast die Hälfte ihrer Kirchenmitglieder verlieren. Dann werden nach einer Studie der Universität Freiburg nur noch 22,7 Millionen Menschen zur evangelischen oder katholischen Kirche gehören. Diesen Trend nahm die Evangelische Nachrichtenagentur idea (Wetzlar) zum Anlass, in ihrer Serie „Pro und Kontra“ zu fragen: „Kann man Christ sein, ohne einer Gemeinde anzugehören?“.

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Kaum Zeit für eine Gemeinde

Dass dies möglich ist, davon ist der stellvertretende Chefredakteur von „BILD“, Daniel Böcking (Berlin), überzeugt: „Ich gehe nur selten in dieselbe Kirche und nenne mich dennoch Christ.“ Seitdem er vor sechs Jahren bewusst Christ geworden sei, habe ihm deshalb „noch nie jemand das Christsein abgesprochen“. An jedem zweiten Wochenende sei er irgendwo in Deutschland unterwegs, um von seiner Umkehr und den Folgen zu berichten. Weil dienstliche Termine hinzukämen, habe er „kaum Zeit, wirklich aktiver Teil einer Gemeinde zu sein“. Stattdessen treffe er sich mit Christen im kleinen Kreis, um zu fragen und zu lernen, chatte mit Christen auf WhatsApp und Facebook, höre Predigten von drei Berliner Gemeinden als Podcasts. Böcking: „Meine Gemeinde sind Glaubensgeschwister, wo immer ich ihnen begegne.“ In einer Ortsgemeinde Mitglied zu sein, sei ein Geschenk, aber keine Voraussetzung für das Christsein.

Die Bibel kennt kein Christsein ohne Gemeinde

Anderer Meinung ist der Pfarrer der Evangelischen Personalkirchengemeinde Nord-Ost in Frankfurt am Main, Andreas Hannemann, der auch als Vorsitzender der Evangelischen Allianz in der Mainmetropole amtiert. Zur Begründung verweist er auf die Bibel. Ihr zufolge spiele sich Glaube immer in der gelebten Gemeinschaft ab. Von Anfang an hätten sich die Christen getroffen, um Gemeinschaft zu haben, miteinander auf Gottes Wort zu hören, Abendmahl zu feiern und zu beten. Hannemann räumt ein, dass es Ausnahmen geben könne, etwa bei verfolgten Christen, bettlägerigen Patienten oder Gehbehinderten. Wenn sie keine Gemeinde aufsuchen könnten, schenke Gott „dennoch das Wunder, dass der Glaube erhalten bleibt“. Doch für den Geistlichen steht fest: „Falsch wird es, wenn Christen diese Ausnahme zum Regelfall erklären.“ Er verweist auf Untersuchungen, nach denen in den letzten Jahren weltweit der Gottesdienstbesuch um bis zu 40 Prozent zurückgegangen sei. Deshalb sei es nötig, „mutig vom Segen gelebter christlicher Gemeinschaft zu sprechen“.

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