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Bengel-Haus-Studienleiter
03. Mai 2019

„Innerevangelikale Richtungskämpfe“ werden sich fortsetzen

Der Studienleiter am Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen, Jörg Breitschwerdt. Foto: Fany Fazii
Der Studienleiter am Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen, Jörg Breitschwerdt. Foto: Fany Fazii

Wetzlar (idea) – Die evangelikale Bewegung wird pluraler. Diese Ansicht vertritt der Studienleiter am Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen, Jörg Breitschwerdt, in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar). Der 41-Jährige hat diese Strömung im Protestantismus erforscht. Nach seinen Worten war der Begriff „evangelikal“ Mitte des 20. Jahrhunderts gleichbedeutend mit „theologisch konservativ“. Heute sei das nicht mehr so. Manche hätten theologisch konservative Positionen verlassen – daher stamme wohl der Begriff „postevangelikal“. Sichtweisen, gegen die sich Evangelikale einst gewehrt hätten, seien inzwischen Teil ihrer Bewegung. Ein Beispiel sei die Frage, ob Mission vor allem Evangelisation sei oder ob es vorrangig um soziales Engagement und ein politisches Mandat gehe. Die Evangelikalen hätten früher der Evangelisation die Priorität gegeben: „Heute gibt es evangelikale Initiativen, die das anders sehen. Manche Evangelikale stellen mittlerweile das Engagement für soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz oder die Transformation der Gesellschaft ins Zentrum.“ Das seien klassisch liberale Forderungen, gegen die sich die Evangelikalen früher deutlich abgesetzt hätten. In der Vergangenheit habe diese Bewegung auch in der Frage, wie man mit offen gelebter Homosexualität in der Gemeinde umgeht, „einhellig eine theologisch konservative Position“ vertreten. Heute werde dieser weitgehende Konsens von vielen infrage gestellt. Vielleicht sei diese Auseinandersetzung nur ein Symptom für die grundsätzliche Frage, in welche Richtung die evangelikale Bewegung steuere: „Will sie weiter an den klassischen evangelikalen Positionen festhalten oder sich auch für liberale Anliegen öffnen?“

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Werden die Evangelikalen zu progressiv?

Die Streitthemen, die es im 20. Jahrhundert zwischen evangelikaler Bewegung und evangelischen Landeskirchen gegeben habe, bestünden jetzt auch innerhalb der Evangelikalen. Breitschwerdt geht davon aus, dass sich „diese innerevangelikalen Richtungskämpfe“ fortsetzen werden. Wenn man die Zeit seit der Aufklärung betrachte, sei es – „sehr grob gerechnet“ – alle 50 Jahre zu neuen Aufbrüchen der theologisch Konservativen gekommen. Breitschwerdt: „Ich kann mir gut vorstellen, dass es irgendwann wieder eine neue Bewegung geben wird, die dann sagt: ,Die Evangelikalen sind mir zu progressiv geworden.‘“

Worauf die Evangelikalen achten sollten

Dem Theologen zufolge sollten die Evangelikalen darauf achten, dass nicht gesellschaftliche oder politische Fragen wie zum Beispiel nach Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung die theologischen in den Hintergrund drängen. Zu den Stärken der theologisch Konservativen zählt er das Festhalten an traditionellen Werten und Vorstellungen mit den Mitteln der Moderne. So kämen aus ihrer Mitte eine Vielfalt an frischen und neuen Ideen, wie die Kirche im 21. Jahrhundert gestaltet werden könne, ohne ihren inhaltlichen Kern zu verändern. Ein Problem der evangelikalen Bewegung sei vor allem die Frage der Abgrenzung gewesen: „Die Balance zwischen geistlicher Weite in den Nebenfragen und klarem Bekenntnis in den wichtigen Fragen des Glaubens wurde nicht immer gut austariert.“ Die Evangelikalen seien häufig der Gefahr erlegen, „den Korridor der ‚Rechtgläubigkeit‘ immer schmaler werden zu lassen und sich durch unnötige Ab- und Ausgrenzungen immer weiter zu spalten“. Ein Beispiel dafür sei die Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“: „1966 konnte sie als bedeutendstes theologisch konservatives Netzwerk in Dortmund über 20.000 Menschen in der Westfalenhalle versammeln – heute kennt sie kaum noch jemand.“ Zur Frage, was da schiefgegangen sei, sagte Breitschwerdt: „Nicht nur bei Evangelikalen, sondern auch bei anderen Gruppierungen ist immer viel Menschliches dabei.“ Nicht jeder „Bekenntniskampf“ bestehe nur aus rein theologischen Argumenten. Es gebe auch Machtkämpfe und Verletzungen.

Es ist etwas faul, wenn man nicht mehr miteinander um die Wahrheit ringt

Laut Breitschwerdt sind theologische Auseinandersetzungen heute „negativ belegt“ – im Gegensatz zu den „streitlustigen“ 1960er Jahren. Das sei nicht „unbedingt eine gute Entwicklung“. Es sei etwas faul, wenn man nicht mehr miteinander um die Wahrheit ringe. Die Doktorarbeit von Breitschwerdt unter dem Titel „Theologisch konservativ. Studien zu Genese und Anliegen der evangelikalen Bewegung in Deutschland“ ist im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienen. Das Albrecht-Bengel-Haus hat seit seiner Gründung 1969 mehr als 800 Theologen begleitet, davon rund 500 aus Württemberg. Die Einrichtung ist derzeit mit etwa 100 Studenten voll belegt.

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