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idea-Streitgespräch
18. Juli 2018

Dietz: Die Bibel ist nicht in allen historischen Fragen irrtumslos

Der Marburger Theologe Thorsten Dietz (links) und der Internetblogger Markus Till im Streitgespräch. Foto: idea/Wolfgang Köbke
Der Marburger Theologe Thorsten Dietz (links) und der Internetblogger Markus Till im Streitgespräch. Foto: idea/Wolfgang Köbke

Wetzlar (idea) – Die Bibel sollte nicht in allen historischen, geologischen und biologischen Fragen als irrtumslos angesehen werden. Diese Ansicht vertritt der Professor an der Evangelischen Hochschule Tabor, Thorsten Dietz (Marburg), in einem Streitgespräch auf Einladung der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar). Er diskutierte mit dem promovierten Biologen und Internetblogger Markus Till (Weil im Schönbuch) über das richtige Verständnis der Heiligen Schrift. Dietz zufolge kann man den biblischen Autoren kein modernes Geschichtsverständnis unterstellen. Althistoriker zeigten, dass es in der Antike erst allmählich zu einer klaren Unterscheidung von geschichtlich, vorgeschichtlich und legendarisch gekommen sei. Dietz: „Wir sollten die Autoren der Bibel nicht auf Fragen festnageln, die sich ihnen nie gestellt haben. Damit verfehlen wir den Sinn der Texte.“ So sei die Sintfluterzählung „theologisch großartig“ und enthalte „tiefe Wahrheit“. Die Vorstellung, dass vor etwa 5.000 Jahren die ganze Menschheit auf acht Personen reduziert wurde, lehne er jedoch ab. Dies schiebe dem Bibeltext eine Bedeutungsabsicht zu, die er nicht gehabt habe. Dietz: „Die zentrale Wahrheit der Sintflut-Geschichte liegt in ihrem Gottes- und Menschenbild: Die Menschen sind böse von Jugend auf und wenden sich von Gott und voneinander ab. Gott nimmt diese Abwendung radikal ernst und wagt dennoch in bedingungsloser Treue zur Menschheit einen neuen Anfang.“ Der Anschein von Fehlern in der Bibel entstehe nur, wenn man diese an naturwissenschaftlichen Maßstäben messe. Die Bibel zeige das Weltwissen der damaligen Zeit. So habe einst Spanien als Ende der Welt gegolten (Römer 10,18; 15,24.28) und die Erde als jung und flach.

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Till: Nicht die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift verwerfen

Dietz Äußerungen stießen auf die Kritik von Markus Till. Er warf Dietz vor, die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift zu verwerfen. Das Verständnis der Bibel als unfehlbares Wort Gottes sei wichtig. Diese Sicht finde sich bei Jesus, beim Kirchenvater Augustinus (354–430), beim Reformator Martin Luther (1483–1546) oder auch in einer gemeinsamen Erklärung der römisch-katholischen Kirche mit der Weltweiten Evangelischen Allianz. Zwar sei der Sintflut-Bericht keine naturwissenschaftliche Abhandlung, die Autoren des Neuen Testaments hätten jedoch die Urgeschichte von Schöpfung, Sündenfall und Sintflut offenbar historisch ernst genommen. So würden die Geschlechtsregister bis auf Adam zurückgeführt (Lukas 3,23-38) und Jesus Christus spreche von Ereignissen „in den Tagen Noahs“ (Lukas 17,26). Zudem werde die Sintflut-Geschichte sehr detailreich mit Zeit- und Maßangaben beschrieben. Dies passe nicht zu einer rein symbolischen Geschichte. Dietz verwerfe die Geschichtlichkeit der biblischen Urgeschichte letztlich aus naturwissenschaftlichen und nicht aus exegetischen Gründen. Der aktuelle Stand wissenschaftlicher Erkenntnis könne aber nicht der letzte Richter über die Aussageabsichten der Bibel sein. Ferner wandte sich Till dagegen, die Historizität des Neuen Testaments, etwa die Wundergeschichten Jesu, seine Auferstehung oder Pfingsten in Frage zu stellen. Die ersten christlichen Zeugen hätten nicht nur theologische Ideen verbreiten, sondern weitergeben wollen, was sie gesehen und gehört haben. Wer dies abstreite, treffe den Kern des Christentums. Till: „Wenn wir eine ideologisch verengte Bibelkritik, die gegenüber Wundern und Offenbarungen grundsätzlich skeptisch ist, nun auch in der evangelikalen Bewegung unwidersprochen verbreiten, werden die evangelikalen Gemeinden den gleichen Schaden erleiden wie ich ihn in meiner evangelischen Kirche erleben muss.“

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