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Andreas M. Walker über Trends
11. Januar 2017

Zukunftsforscher: "Hoffnung ist kein Gefühl"

Andreas M. Walker:
Andreas M. Walker: "Entscheide ich mich für Angst oder Hoffnung?" Foto: Andrea Vonlanthen

Basel (idea) - Als gesellschaftliche Megatrends in den nächsten Jahren sieht der Basler Zukunftsforscher Andreas M. Walker das zunehmende Alter und die abnehmende Kinderzahl. Dazu neu die Völkerwanderung. Walker: "Wir gehen davon aus, dass sich die Bevölkerung in Afrika in den nächsten fünfzig Jahren verdoppeln wird." Man wisse auch, dass in Folge der pränatalen Diagnostik systematisch weibliche Embryos abgetrieben werden. Dadurch ergibt sich ein Überhang von 100 Millionen Buben gegenüber den Mädchen. "Auch von diesen Männern werden sich viele auf den Weg nach Europa machen", sagt Andres M. Walker. Ein weiterer Megatrend bleibe der technische Fortschritt. Die künstliche Intelligenz und die digitale Transformation würden immer wichtiger.

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Leichter Trend zur Familie

Es gebe einen "leichten Gegentrend" zugunsten der Familie. Zukunftsforscher Walker bezeichnet diesen als "Neo-Biedermeier": "Die Familie gewinnt wieder an Popularität. In der Weihnachtszeit sahen wir überall das Bild von Josef, Maria und Jesus, also das Bild einer Kernfamilie. Diesen Trend wollte die Kirche vor Jahrhunderten ganz bewusst setzen. Er scheint heute wieder an Bedeutung zu gewinnen", sagt Andreas M. Walker. Aufgrund der Komplexität der Welt kehrten wir nun im Neo-Biedermeier wieder nach Hause zurück und suchten das Bekannte, das Überschaubare und Heimelige. Dies könne eine Chance für die Familie sein, gerade auch für junge Männer, die ihre Vaterschaft viel engagierter wahrnehmen wollen als ihre Väter und Grossväter. Walker: "Die Kernfamilie von Vater, Mutter und Kindern ist noch immer die häufigste Form des Zusammenlebens. Gleichzeitig müssen wir aber sehen, dass die Haushaltsform der Singles drastisch zunimmt, vor allem bei den Senioren. Und wir müssen konstatieren, dass viele Paare nicht mehr wissen, wie man sich immer wieder versöhnt und schlechte Tage gemeinsam durchsteht."

Trends in der Kirche

Die formelle Bedeutung der Landeskirchen werde weiter zurückgehen: Walker: "Immer stärker wird die Unterscheidung zwischen denen, die einfach dazugehören, also das 'Belonging', und denen, die aktiv und bewusst glauben, das 'Believing'." Immer mehr "Belongers" würden die Kirche verlassen. Sie würden nicht an das Religiöse glauben. Die sozialen Aufgaben von Diakonie und Nächstenliebe sehen sie lieber beim Staat als bei der Kirche. Bei den "Believern" würden sich die verschiedenen christlichen Strömungen und Frömmigkeiten einander annähern und sich zu verschmelzen beginnen. Die Globalisierung führe zu Veränderungen. Der neue Luther komme vielleicht aus China, meint Walker. Unser "schweizerdeutsches Verständnis von Christentum" werde sich in diesem Jahrhundert deutlich verändern. Kirchen, die ihre Haltung verbindlich erklären können, vertrauenswürdige Gemeinschaft und Orientierung würden gesucht. Die Kirchen sollten die neuen Herausforderungen der Megatrends aktiv angehen, rät Walker.

Zuerst über Dankbarkeit sprechen

"Hoffnung gilt bei uns oft als naiv. Materiell und finanziell befinden wir uns in Mitteleuropa auf sehr hohem Niveau. Das Risiko, dass wir etwas verlieren, ist tatsächlich relativ gross. Das prägt unsere Mentalität", sagt Andreas M. Walker. Wir sollten uns fragen, wie es um unsere Dankbarkeit steht. Er sehe auch im christlichen Umfeld wenig Bewusstsein und Dankbarkeit. "Bevor wir über Hoffnung sprechen, müssen wir über Dankbarkeit reden. Darauf aufbauend stellen wir in der Bibel und auch in unserm aktuellen 'Hoffnungsbarometer' fest, dass Angst und Hoffnung sehr viel mit Einsamkeit und Gemeinschaft zu tun haben", sagt Walker im idea-Interview. Das "Hoffnungsbarometer" zeige deutlich, wie wichtig die Gemeinschaft in der Ehe, in der Familie, mit Freunden, in der Nachbarschaft, in der Kirchgemeinde sei.

Hoffnung ist eine Tugend

In der Bibel seien Hoffnung und Mut grosse Tugenden: "Entscheide ich mich für Ängstlichkeit oder aber für Hoffnung und Mut?" Aus psychologischer Sicht sei Hoffnung kein Gefühl, sondern eine Kompetenz und aus biblischer Sicht eine Tugend. Hoffnung wachse aus positiven Erfahrungen, aus einer Herzensgewissheit, aus einem ermunternden Gespräch. Aber gleichzeitig sei Hoffnung immer auch ein bewusster Entscheid. Andreas M. Walker: "In vielen Kirchenliedern und Bibelversen erleben wir Hoffnung, Freude und Dankbarkeit nicht als Emotion, die einfach da ist. Es sind Appelle, die uns dazu ermutigen."

Lesen Sie das ausführliche Interview mit Andreas M. Walker im Wochenmagazin ideaSpektrum Nr. 1/2 2017.

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