Dienstag • 27. Juni
„Zeit“-Beilage
16. Juni 2017

„Kirchentage auf dem Weg“ waren ein Misserfolg

Die Kirchentage auf dem Weg fanden an Martin Luthers Lebensstationen in Wittenberg, Leipzig, Eisleben, Dessau, Halle, Jena, Weimar, Erfurt und Magdeburg statt. Screenshot: r2017.org
Die Kirchentage auf dem Weg fanden an Martin Luthers Lebensstationen in Wittenberg, Leipzig, Eisleben, Dessau, Halle, Jena, Weimar, Erfurt und Magdeburg statt. Screenshot: r2017.org

Berlin (idea) – Die „Kirchentage auf dem Weg“ in acht Städten im Osten Deutschlands waren ein Misserfolg. Zu dieser Einschätzung kommt die „Zeit“-Beilage „Christ und Welt“ (Berlin) in ihrer Ausgabe vom 14. Juni. Die mehr als 1.700 Veranstaltungen vom 24. bis 27. Mai an Martin Luthers Lebensstationen in Wittenberg, Leipzig, Eisleben, Dessau, Halle, Jena, Weimar, Erfurt und Magdeburg seien von deutlich weniger Menschen besucht worden als ursprünglich erwartet. Zugleich habe sich die EKD von Städten und Bundesländern Fördermillionen gesichert. Dennoch „blieben die Hallen leer, standen Referenten vor Zuschauerreihen, die nicht mal ein Klassenzimmer gefüllt hätten“, so der Beitrag. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) habe seine Bibelarbeit im großen Saal der Leipziger Kongresshalle vor nur 18 Zuhörern gehalten.

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Kosten von fünf Millionen Euro für 15.000 Teilnehmer

In Leipzig habe man 50.000 Protestanten erwartet, gekommen seien nur 15.000. Den Angaben zufolge betrugen die Kosten in der Messestadt mehr als fünf Millionen Euro. Die Stadt habe einen Zuschuss von fast einer Million Euro überwiesen, das Land Sachsen weitere 2,25 Millionen. Auch in den anderen Kirchentagsstätten seien Fördergelder geflossen.

EKD-Vertreter benahmen sich „wie texanische Ölmillliardäre im Naturschutzgebiet“

Trotz der Warnungen von Vertretern der mitteldeutschen Landeskirchen hätten EKD- und Kirchentagsfunktionäre auf zu optimistische Zahlen gesetzt. Die EKD-Leute benahmen sich bei den Sitzungen laut Gesprächsteilnehmern aus den Gastgeberkirchen „wie großspurige texanische Ölmilliardäre zu Besuch im Naturschutzgebiet: breitbeinig, besserwisserisch, anderen Meinungen gegenüber eher ver- als aufgeschlossen, mit einem unausgesprochenen Wir-wissen-wie-es-läuft-Gestus und Ehrfurcht gebietenden Zahlen im Gepäck.“

Festgottesdienst: Nur 120.000 statt 500.000 Teilnehmer

„Christ und Welt“ zitiert einen hochrangigen Vertreter einer östlichen Landeskirche, der an den Planungen beteiligt war, aber nicht namentlich zitiert werden will. Von Anfang an habe es zwei Listen gegeben: „Eine mit den Schätzungen der EKD – und unsere eigene.“ Die Besucherprognosen der EKD habe man „intern gleich um die Hälfte“ gekürzt. Zwischendurch hätten einige Spitzenfunktionäre der EKD von einer halben Million Besucher beim großen Festgottesdienst auf den Elbwiesen in der Lutherstadt Wittenberg geträumt. Nach Veranstalterangaben kamen jedoch nur 120.000. Kritiker halten selbst diese Zahl für übertrieben.

EKD-Reformationsbotschafterin Käßmann: Veranstalter waren zufrieden

Die EKD-Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (Berlin) erklärte auf Anfrage von „Christ und Welt“, sie habe „sehr engagierte Diskussionen in Weimar und Leipzig erlebt, gut angenommene Bibelarbeiten in Magdeburg und Leipzig und einen schönen entspannten Abend auf dem Domplatz in Erfurt. Die Veranstalter, die ich erlebt habe, waren zufrieden.“ Dazu „Christ und Welt“: „Müsste eine Institution, die viele öffentliche Millionen eingeworben hat, nicht selbstkritischer sein?“

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