Freitag • 25. September
Studie über freikirchliche Gottesdienste
31. August 2020

"Ein kleiner Vorgeschmack der neuen Welt"

Stefan Schweyer: „Wir sollten nicht zur Seite schielen, sondern nach oben blicken!“ Foto: zvg
Stefan Schweyer: „Wir sollten nicht zur Seite schielen, sondern nach oben blicken!“ Foto: zvg

Basel (idea) - Stefan Schweyer, hat Ihre eigene Erfahrung oder auch das Leiden an freikirchlichen Gottesdiensten Sie motiviert, sich dieses Themas anzunehmen?

ANZEIGE

Der äussere Anlass waren Konflikte um die Gottesdienstgestaltung. Es war mir schnell klar, dass eine biblisch verankerte und theologisch solide „Vision“ des Gottesdienstes einen guten Rahmen bildet, um solche Fragen zu diskutieren und zu entscheiden. Damit verbunden war auch die innere Ahnung, dass wir es im Gottesdienst nicht mit einem Randthema, sondern mit dem „Kern“ des Glaubens zu tun haben. Nicht umsonst bezeichnen viele Kirchen den Gottesdienst als „Mitte“ oder „Herz“ des Gemeindelebens. Im Gottesdienst wird in konzentrierter Form sicht- und erfahrbar, woraus die Kirche lebt.

Viele freikirchliche Gemeinden rühmen sich, dass ihre Gottesdienste nicht einer starren Liturgie folgen wie in der Landeskirche. Ist das tatsächlich ein Qualitätsmerkmal?

Alle Gottesdienste werden nach bestimmten Mustern gefeiert. In einigen Kirchen sind diese Muster schriftlich festgehalten. In den meisten Freikirchen nimmt man sie nicht bewusst wahr. Sie werden mündlich überliefert und gelebt. Auch in den Freikirchen sind diese Muster manchmal „starr“. Das erfährt man, wenn man etwas ändern möchte. Statt sich zu rühmen, keine starre Liturgie zu haben, wäre es also besser, die eigene verborgene Liturgie zu erkennen und kritisch zu reflektieren. Freikirchen haben die Chance, dass sie ohne institutionelle Vorgaben neu und frisch über Gottesdienst nachdenken können – diese Chance sollten sie nutzen. Das eröffnet den Freiraum für Erneuerung und dafür, aus dem grossen Schatz bewährter christlicher Traditionen zu schöpfen. Wenn es ein Qualitätsmerkmal gibt, dann besteht es sicher nicht darin, sich selbst oder die eigene Gottesdienstform zu rühmen, sondern Gottesdienst so zu feiern, dass Gott gerühmt wird.

Hat Ihre Arbeit Ihre Haltung und Sicht zum christlichen Gottesdienst ganz allgemein verändert?

Ganz sicher wurde meine Sicht des Gottesdienstes erweitert und vertieft. Das bringt mich zum Staunen und erfüllt mich mit Freude. Was ist das für ein grossartiges Geschehen, dass sich mitten in unserer Welt Menschen im Namen von Jesus Christus versammeln und Gott dort durch seinen Geist gegenwärtig ist! Das bewegt mich. Es stellt unsere Welt auf den Kopf! Schon nur die Tatsache, dass Gottesdienst gefeiert wird, ist revolutionär und systemsprengend. Es ist das Wunder, dass sich Gott und Mensch begegnen. Ein Ort, wo Himmel und Erde zusammenkommen. Ein kleiner Vorgeschmack der neuen Welt. Das unterscheidet den Gottesdienst von allem anderen, was diese Welt bieten kann. Und es übersteigt alles, was Freizeit und Konsum versprechen. (Interview: Fritz Imhof)

Das ausführliche Interview steht im Wochenmagazin ideaSpektrum Nr. 36-20. Darin geht es zusätzlich um die Stärken und Schwächen freikirchlicher Gottesdienste, um die Frage, was die Gottesdienste prägt, wo die Gefahr der Säkularisierung lauert und was es mit alternativen Lebensformen auf sich hat.