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Pro und Kontra
04. Juli 2019

Soll die EKD mit einem eigenen Schiff Flüchtlinge retten?

v. l.: Der rheinische Präses sowie Migrationsbeauftragter der EKD, Manfred Rekowski, und Leiter der Parlamentsredaktion der „BILD“, Ralf Schuler. Fotos: Hans-Jürgen Vollrath; Martin U. K. Lengemann/WELT
v. l.: Der rheinische Präses sowie Migrationsbeauftragter der EKD, Manfred Rekowski, und Leiter der Parlamentsredaktion der „BILD“, Ralf Schuler. Fotos: Hans-Jürgen Vollrath; Martin U. K. Lengemann/WELT

Wetzlar (idea) – Soll die EKD ein eigenes Schiff ins Mittelmeer schicken, um Flüchtlinge zu retten? Diese Frage wird derzeit in kirchlichen Reihen diskutiert. Ausgelöst wurde die Debatte durch eine Resolution des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Dortmund, in der ein solcher Schritt gefordert wurde. Laut dem EKD-Ratsvorsitzenden, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (München), teilt der Rat der EKD „das Anliegen der Unterstützung der zivilen Seenotrettung und hat die Resolution positiv aufgenommen“. In einem Pro und Kontra für die Evangelische Nachrichtenagentur idea nehmen ein Kirchenleiter und ein Journalist zu der Frage Stellung.

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Präses Rekowski: Rettungsschiff wäre „ein Werk rettender Liebe“

Für ein EKD-Rettungsschiff plädiert der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski (Düsseldorf). Zwar sei die EKD „natürlich“ kein Reeder, aber es gehe um ein deutliches Zeichen: „Christen achten das Leben eines jeden Menschen und tun, was irgend möglich ist.“ Rekowski erinnert an den Theologen Johann Hinrich Wichern (1808–1881), der im 19. Jahrhundert die diakonische Arbeit der evangelischen Kirchen profilierte. Er habe von „Werken rettender Liebe“ gesprochen. Die Kirche müsse laut Wichern zu der Erkenntnis kommen: „Die Liebe gehört mir wie der Glaube.“ Rekowski: „Ein Rettungsschiff wäre in diesen Tagen in der Tat ein Werk rettender Liebe.“ Nach seinen Worten ist die Behauptung falsch, der Einsatz von Seenotrettungsschiffen würde erst Fluchtbewegungen im Mittelmeer befördern oder gar auslösen. Im Juni habe kein Rettungsschiff auslaufen dürfen, aber die Zahl der zu Tode gekommenen Menschen im Mittelmeer habe den Höchststand der letzten Jahre erreicht. Als „geradezu menschenverachtend“ nennt Rekowski die Einstellung, das Geschäft der Schlepperbanden sei am besten zu bekämpfen, wenn man die zivile Seenotrettung unterbinde und dabei das Ertrinken von Flüchtlingen im Mittelmeer in Kauf nehme.

„Bild“-Redakteur Schuler: Wer das Schlepperwesen bedient, macht sich mitschuldig

Gegen das Entsenden eines EKD-Rettungsschiffs wendet sich der Leiter der „Bild“-Parlamentsredaktion, Ralf Schuler (Berlin). Er spricht sich für Ehrlichkeit in der Diskussion aus. Es gehe nicht um Seenotrettung, sondern um Migration. Flüchtlinge würden von Schleppern in Boote gesetzt, die „heillos überbesetzt und von Anfang an nicht ansatzweise zu einer Überfahrt über das Mittelmeer in der Lage sind“. Diese nenne man in der Seemannssprache „Seelenverkäufer“. Mit einem Schiff zur „Seenotrettung“ mache sich die EKD „zum Seelenaufkäufer und -zwischenhändler. Sie trägt zum Funktionieren des unsäglichen Geschäftsmodells bei, die Migranten unter KZ-ähnlichen Bedingungen halten, ihnen Tausende Euro abnehmen und oft mit vorgehaltener Waffe zum Besteigen untauglicher Boote zwingen.“ Wer dieses „menschenverachtende, gottlose System“ bediene, mache sich mitschuldig am Tod ungezählter Menschen. Wer wirklich etwas gegen das Sterben im Mittelmeer tun wolle, so Schuler, sollte das Geld nicht für ein Schiff, sondern für nachhaltige Entwicklung in den Elendsregionen Afrikas und entlang der Fluchtrouten einsetzen, für Arbeits- und Studentenvisa. Die vermeintliche „Seenotrettung“ verlängere das Sterben auf dem Mittelmeer.

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