Samstag • 23. November
Abgeordnetenversammlung des SEK
05. November 2019

Die Reformierten öffnen die Ehe für alle

Homosexuelle Paare sollen in reformierten Kirchen den Trausegen erhalten. Foto: Pixelio/Esther Stosch
Homosexuelle Paare sollen in reformierten Kirchen den Trausegen erhalten. Foto: Pixelio/Esther Stosch

Bern (idea) - Die Mehrheit der Abgeordneten folgte dem Antrag des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK). Mit 45 zu 10 Stimmen bei 4 Enthaltungen wurde die zivilrechtliche Ehe für gleichgeschlechtliche Paare befürwortet. Die Befürworterinnen und Befürworter nahmen vorwiegend Bezug auf früher bezogene Positionen des Kirchenparlaments, wonach sich kein Mensch seine sexuelle Orientierung aussuche, das sei der Schöpfungswille Gottes.

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Vier Anträge lagen vor

Im Zusammenhang mit der Ehe für alle hatten die Abgeordneten über vier Anträge des SEK-Rats zu befinden: 1. Befürwortung der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare auf zivilrechtlicher Ebene. 2. Empfehlung an die Mitgliedkirchen, den allfällig neuen zivilrechtlichen Ehebegriff für die kirchliche Trauung vorauszusetzen. 3. Empfehlung an die Mitgliedkirchen, die Wahrung der Gewissensfreiheit für Pfarrerinnen und Pfarrer bezüglich der kirchlichen Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren in den Reglementen ihrer Landeskirchen vorzusehen. 4. Empfehlung an die Mitgliedkirchen, Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare in die Trauregister aufzunehmen und die Liturgie gleich zu gestalten wie die Trauungen heterosexueller Paare.

Lebhafte Debatte

Wie die Agentur sda meldet, sei der Abstimmung eine lebhafte Debatte vorausgegangen. Es gab Voten, die den Entscheid ganz den lokalen Kirchgemeinden überlassen wollten und solche, die den Beschluss hinausschieben und Zeit gewinnen wollten. Gewarnt wurde vor der Ausgrenzung einer Minderheit, die theologisch anders denke. Wie "reformiert" schreibt, sei die Diskussion der Abgeordneten "kontrovers, aber von einem versöhnlichen Ton getragen" geführt worden.   

Kompetenz liegt bei den Kantonalkirchen

SEK-Ratsmitglied Sabine Brändlin betonte, dass dieser Beschluss kein Entscheid sei zur landesweiten Einführung der kirchlichen Trauung und Ehe für Homosexuelle. Diese Kompetenz liege nun bei den Kantonalkirchen. Der SEK-Rat empfehle aber seinen Mitgliedkirchen, den allfälligen neuen zivilrechtlichen Ehebegriff für die kirchliche Trauung vorauszusetzen. Dabei soll aber die Gewissensfreiheit der Pfarrpersonen wie für alle anderen Kasualien gewahrt bleiben. Gleichzeitig war es der Abgeordnetenversammlung wichtig zu betonen, dass auch nach dem heutigen Entscheid verschiedene Eheverständnisse in der reformierte Kirche Platz hätten.

Klare Mehrheit für die Öffnung der Ehe

Nicht angenommen wurde die Empfehlung, die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare in die Trauregister einzutragen und sie liturgisch gleich zu gestalten wie die Trauung heterosexueller Paare. Das wurde von einer Mehrheit als überflüssig betrachtet. In der Schlussabstimmung stellten sich die Abgeordneten mit klarer Mehrheit von 49 zu 11 Stimmen hinter das Dokument zur "Ehe für alle". Damit wird den evangelischen Kirchen der Schweiz empfohlen, nicht nur hinter eine Öffnung der Ehe im Zivilrecht zu stehen, sondern sich gleichzeitig für kirchliche Trauungen für homosexuelle Paare zu öffnen.

Nationalrat berät im Frühling

Der Nationalrat wird voraussichtlich in der Frühjahrssession 2020 über die Gesetzesvorlage "Ehe für alle" beraten. In der Vernehmlassung hatten sich die SVP und die EVP dagegen ausgesprochen. Aus der nationalrätlichen Vorlage ausgeklammert wurden die sensiblen und rechtlich komplexen Fragen der Fortpflanzungsmedizin.

Professor Stolz: "Eine kluge Strategie"

In einem Interview mit "Watson" hatte sich Jörg Stolz, Professor für Religionssoziologie an der Universität in Lausanne, zum Thema geäussert. Stolz forscht im Bereich der Säkularisierung, der lokalen religiösen Gemeinschaften und des Evangelikalismus. Auf die Frage, ob es für die schrumpfende reformierte Kirche eine Chance sei, sich bei "Ehe für alle" progressiv zu positionieren, antwortete Stolz: "Es sieht ganz danach aus, als wäre genau das die Strategie vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund und dessen Präsident Gottfried Locher." Er sei zwar kein Unternehmensberater für Kirchen, meinte der Religionssoziologe weiter. In Anbetracht der "unglaublich schnell und unglaublich stark" sich verbreitenden Akzeptanz von Homosexualität, sei es aber "schon klug, da als Kirche mitzuhalten". Ob es theologisch sinnvoll sei, sei eine andere Frage, meinte Professor Stolz.

Freikirchenpräsident: "Ehen zwischen Mann und Frau stärken"

Der Präsident des Verbandes VFG Freikirchen Schweiz, Peter Schneeberger, bedauert den Entscheid der Abgeordnetenversammlung: "Damit bewegen sich die Schweizer Reformierten bei der Ehefrage ausserhalb der Meinung der Weltkirchen." Sowohl die orthodoxe Kirche, die römisch-katholische Kirche als auch die meisten Freikirchen lehnten die Ehe für alle ab. Schneeberger: "Die Ehe zwischen Mann und Frau behält aufgrund ihres Potentials aus unserer Sicht einen Sonderstatus und ist auf der Schöpfungsordnung Gottes gegründet." Deshalb engagierten sich die Schweizer Freikirchen auch in Zukunft für eine Stärkung von Ehen und Familien.

SEA: "Grundlegender Unterschied"

In einer Stellungnahme zum Beschluss der Abgeordnetenversammlung des SEK verweist die Schweizerische Evangelische Allianz, der auch reformierte Kirchgemeinden angehören, sie habe sich bereits in der Vernehmlassung zur "Ehe für alle" differenziert, aber kritisch geäussert. Sie hielt damals fest, dass mit der vom Parlament vorgesehenen Änderung im Einbürgerungsverfahren von gleichgeschlechtlichen Partnern und Partnerinnen de facto die rechtliche Gleichstellung von Ehe und eingetragener Partnerschaft bereits vollzogen werde. Deshalb brauche es keine Neudefinition des Ehebegriffs. Die beiden Partnerschaftsformen unterschieden sich grundlegend darin, dass die Ehe zwischen Mann und Frau das Potenzial der Kinderzeugung miteinschliesst. Von daher rechtfertige sich ihr biblisch begründeter Status. 

Dialogbereit bleiben

Die SEA betont, der Staat habe dafür zu sorgen, dass auch gleichgeschlechtlichen Paaren Schutz und Rechte zugestanden werden. Die christliche Kirche wiederum habe den Auftrag, sich am Gesamtzeugnis der Bibel zu orientieren und gesellschaftliche Entwicklungen auf dieser Grundlage zu betrachten. Dabei sei klar, dass auch in der theologischen Diskussion verschiedene Ansichten möglich seien. Die SEA unterstreiche ihre Dialog- und Lernbereitschaft mit der Durchführung von Workshops und der Teilnahme an Foren, an denen um einen sorgsamen und seelsorgerlichen Umgang mit Theologie und Praxis gerungen werde.

Meinungs- und Gewissensfreiheit unter Druck

Bedenken zum Ja zur "Ehe für alle" und zur Trauung gleichgeschlechtlicher Paare äussert der Vorstand der SEA vor allem in Bezug auf die Meinungs- und Gewissensfreiheit von Pfarrpersonen, die solche Trauungen nicht vollziehen wollen. Auch wenn aktuell betont werde, dass die Gewissensfreiheit gewahrt werden solle, behaupteten auf den sozialen Medien bereits jetzt namhafte Personen aus der Kirche, dass "die Anzahl der andersdenkenden Pfarrpersonen nicht repräsentativ genug für eine Kann-Regelung ist, die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare aus Gewissensgründen ablehnen zu dürfen". Im Weiteren gibt der Vorstand der SEA zu bedenken, dass die Gegner einer Neudefinition der Ehe durch die Kirche im weltweiten und ökumenischen Kontext die Mehrheit darstellten. Der SEK vertrete innerhalb der Weltkirche eine Minderheitenposition.