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Quer durch die Schweiz
15. April 2018

Wider das Leugnen und Vergessen

Foto: Luzius Schneider
Foto: Luzius Schneider
Vom 2. April bis zum 6. Mai ziehen Christen betend durch die Schweiz – 424 Kilometer von Kreuzlingen nach Genf. Sie setzen damit ein Zeichen gegen das Vergessen des Holocaust, solidarisieren sich mit Israel und erheben ihre Stimme gegen den neu auflodernden Antisemitismus. Helena Gysin wanderte mit.

Der Thurgau zeigt sich von seiner besten Seite: Die Sonne scheint, das Thermometer zeigt frühlingshafte 17 Grad. Es ist der zweite Tag vom "Marsch des Lebens für Israel". Heute führt die Strecke von Wigoltingen TG nach Rickenbach-Attikon ZH. Kurz nach dem Mittagshalt, irgendwo in der Nähe der Thurbrücke in Uesslingen, plane ich zur Gruppe zu stossen. Von Frauenfeld aus nehme ich den Bus. Ich male mir aus, wie mein Blick von einem sanften Hügel aus in die Ferne schweift. Wie die Wanderer mit besonderer Mission dann irgendwann am Horizont auftauchen - mit wehenden Israel­fahnen ... Da klingelt mein Handy, Werner Woiwode, der Initiant des Marsches, meldet sich: "Gerade haben wir die Thur verlassen, überqueren gleich die Strasse. Wo bist du?" Die Gruppe ist heute also schneller unterwegs als geplant! Plötzlich tritt nur wenige Meter vor dem Bus ein Mann auf die Strasse - er trägt keine Israelfahne, sondern eine Bernerfahne. Gottes Timing ist präzise. 22 Personen sind an diesem Tag unterwegs; betend, singend, plaudernd, manchmal still und dann wieder ungewohnt laut. Woiwode kündigt mich als Journalistin von "ikea" an. Lächelnd reihe ich mich ein und wandere mit.

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Busse tun an der Kantonsgrenze

Nach ein paar Metern hält die Truppe inne. Der kleine Bach zieht die Grenze zwischen den Kantonen Thurgau und Zürich. "Während des Zweiten Weltkriegs hatte sich die Regierung des Thurgaus zum Ziel gesetzt, 'judenfrei' zu sein", erklärt Woiwode. Darum sollen hier die Beter stellvertretend Busse tun für die Schuld, die andere auf sich geladen haben. Eliane Krähenbühl, selber Thurgauerin, liest Verse aus Psalm 94 vor, die Gott ihr am Morgen aufs Herz gelegt hat. Verse, die in diesem Kontext ein Schaudern auslösen: "... Gott der Rache, strahle hervor! ... zahl den Stolzen ihre Taten zurück! ... Sie zertreten dein Volk, Jahwe, sie bedrücken, was dir gehört. ...Witwen, Fremde - die Verwaisten morden sie hin." Woiwode fordert zum Gebet auf. Das wird gemacht, in unbekannten Sprachen - ich werde zur Aussenseiterin und verstehe nicht, was sie beten. In diesem Moment beginnt ein ungestümer Wind zu wehen. Die Fahnenträger mobilisieren ihre Muskelkraft, um die Fahnen zu halten. Ist das nun göttliches Reden? Hat dieser Wind eine geistliche Dimension? Frauen und Männer klauben ihre winddichten Jacken aus den Rucksäcken. Vor und nach dem Überqueren des Baches über eine Holzbrücke erheben wir unsere Arme und segnen Israel; mit dem Segen, den Jahwe selber eingesetzt hat, damit Aaron und seine Nachkommen die Israeliten segnen können. Hühnerhaut überzieht mich.

Judenmord in Payerne

Die vier Kernpunkte des Marsches heissen: erinnern - versöhnen - ein Zeichen setzen - segnen und erstatten. Michi Oberholzer hat die Route minutiös geplant: vom Dreiländereck - das im Zweiten Weltkrieg für Juden Leben oder Tod bedeutete, je nachdem, wohin sie ihren Fuss setzten - nach Zürich, das Juden aufnahm; dann nach Bern, in die Machtzentrale der Schweiz. Von dort ins schauerliche Payerne, wo Werner und Regula Woiwode starken geistlichen Widerstand erwarten. Dort wurde 1942 ein jüdischer Viehhändler aus Bern brutal ermordet. Ein Auftragsmord, notabene, als Geburtstagsgeschenk für Adolf Hitler. Die Mörder zerstückelten die Leiche des Juden, verteilten sie auf drei Milchkannen und versenkten sie im Neuenburgersee.

Marschziel ist in Genf das Palais des Nations (Uno-Hauptsitz). Der Marsch soll durch Busse und Versöhnung Spuren des Segens hinterlassen. Manche Teilnehmer wandern die ganze Zeit mit, so auch Johanna und Marco Feusi, andere gewisse Etappen: Eliane Krähenbühl will bis zum Bundesplatz. Margrit und Daniel Berger aus Herisau haben als Frühpensionierte ein dichtes Programm und sind nur heute dabei. Ob sie nun wandern, beten, singen oder Gottesdienste feiern - das eine Anliegen tragen sie alle auf dem Herzen: Israel und das Unrecht des Holocaust darf nicht vergessen werden, weder in der Schweiz noch irgendwo andernorts auf der Welt. (Autorin: Helena Gysin)

www.marschdeslebens.ch

 

Hintergrund

Der Marsch des Lebens ist eine Initiative von Jobst und Charlotte Bittner und den evangelisch-freikirchlichen TOS Diensten in Tübingen (D). Gemeinsam mit Nachkommen deutscher Wehrmachts-, Polizei- und SS-Angehöriger veranstalten sie Gedenk- und Versöhnungsmärsche an Orten des Holocaust in Europa und weltweit. Seit 2007 haben Märsche in 20 Nationen, in über 350 Städten und Ortschaften stattgefunden. In der Schweiz werden die Märsche durch Werner Woiwode vom Verein Abraham Dienste organisiert.

Stimmen von Teilnehmenden

Ich will mit meiner Teilnahme am Marsch ein sichtbares Zeichen setzen: gegen aussen, gegenüber der sichtbaren und unsichtbaren Welt und gegen das Vergessen des Holocaust. Meine Botschaft lautet in doppeltem Sinne: "NIE WIEDER!" Nie wieder Dulden eines solchen Gräuels! Nie wieder Leugnen der Geschehnisse! Was mir besonders sauer aufstösst, ist die einseitige, verfälschte Berichterstattung durch unsere links gefärbten Medien. Israel wird für alles verantwortlich gemacht. Da bäumt sich in mir der Gerechtigkeitssinn auf. Ich bin am ganzen Marsch dabei. Hanna Woiwode, 31

Mir liegt Gebet, Gebet für unser Land, unsere Regierung generell sehr am Herzen. Israel ist mir sehr wichtig als das besondere Bundesvolk Gottes, der Marsch trägt durch Busse etc. dazu bei, dem Reich Gottes Bahn zu bereiten. Seit ich Jesus kenne, habe ich eine grosse Liebe zu Israel. Mich beschäftigt, dass die offizielle Schweiz in den letzten Jahren eine unrühmliche Stellung gegenüber Israel eingenommen hat. Es ist mir ein grosses Anliegen, dass das ändert: Wir wollen Israel segnen und zurück zu einer freundschaftlichen Beziehung finden, wie zurzeit des Sechs-Tage-Krieges. Luzius Schneider, 63

Ich bin dabei, weil Gott mir eine tiefe Liebe und ein Erbarmen für das jüdische Volk aufs Herz gelegt hat. Als Leib Christi sollen wir unsere Stimme für unseren "kleinen Bruder" erheben und ihm zeigen, dass wir ihn nie wieder alleine lassen. Das Desinteresse gegenüber Israel macht mich traurig. Die Bevölkerung, inklusive die Christen, muss für den zunehmenden Antisemitismus sensibilisiert werden. Mich beschäftigt, dass noch sehr wenige Christen für Israel beten. Hier, während dem Marsch, sehe ich viel echte Leidenschaft für Gottes Königreich - das stärkt meine Zuversicht! Johanna Raphaela Feusi, 52

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