Sonntag • 22. September
Leben mit Handicap
15. August 2019

Trotzdem ein erfülltes Leben

Arm gelähmt, schwindlig, blind: Raymond Timm blieb zuversichtlich. Foto: Rolf Sessel
Arm gelähmt, schwindlig, blind: Raymond Timm blieb zuversichtlich. Foto: Rolf Sessel
Er ist am Ende seines beruflichen Werdegangs angekommen und blickt zurück: Raymond Timm, Pastor und bis vor kurzem Dozent am Theologischen Seminar St. Chrischona (tsc). Seit seiner Geburt ist der rechte Arm gelähmt, er ist blind und wird von Schwindelgefühlen geplagt. Doch Timm sagt: "Wenn man das annimmt, kann man etwas daraus machen!"

Grenzach-Wyhlen (idea) - Der in der Lüneburger Heide geborene Raymond Timm musste schon früh lernen, das Leben wegen eines Kunstfehlers bei der Geburt mit einem Arm zu bewältigen, weil der zweite unbeweglich ist. Das hinderte ihn nicht daran, das Gymnasium erfolgreich abzuschliessen. Ihm war aber damals schon klar, dass er sein Leben im Dienst für Gott einsetzen wollte. Als Jugendlicher besuchte er eine Evangelisations­ver­anstaltung, bei der er von einem Seelsorgehelfer gefragt wurde, ob er Gott kennen lernen möchte. Er wollte, nicht weil er sich als Sünder fühlte, sondern weil er hoffte, so den Sinn des Lebens zu finden. Und er fand ihn im Glauben an Christus.

ANZEIGE

Pastor und Theologe

Weil er mit 19 Jahren noch zu jung für den Eintritt ins theologische Seminar war, belegte er ein Praktikum beim Brunnen Verlag in Giessen. 1977 folgte die vierjährige Ausbildung zum Pastor auf St. Chrischona und 1981 eine Anstellung als "Hilfsprediger" in Grenzach-Wyhlen in unmittelbarer Nähe zum Campus St. Chrischona. Er erinnert sich gerne an die Jugendarbeit, die während seiner Zeit aufblühte und wuchs. Bereits nach drei Jahren erreichte ihn eine Anfrage des Predigerseminars, den Studierenden Griechisch-Unterricht zu erteilen. Er sagte zu und bildete sich dazu an der Uni Basel weiter. Mittlerweile hatte er mit Ingetraud auch seine Frau fürs Leben gefunden. Dem Ehepaar wurden zwei Töchter geschenkt.

Der Schock

Doch das Glück sollte getrübt werden. 1988, Raymond war mittlerweile 31-jährig, kam es zum fürchterlichen Autounfall, bei dem er und seine Frau schwer und die Kinder glücklicherweise leichter verletzt wurden. Als Folge des Unfalls erblindete der Familienvater. Wie weiter? Es dauerte ein Dreivierteljahr, bis Raymond Timm die Arbeit als Dozent wieder aufnehmen konnte. Inzwischen hatte er gelernt, mit Blindheit zu leben, und sich in die Braille­schrift eingearbeitet. Er liess sich von seiner Frau und seinen Kindern begleiten und führen. Er trainierte den Weg von seinem Haus in Grenzach-Wyhlen zum nahen tsc mit dem Blindenstock. Dort lehrte er nebst Griechisch auch Bibelkunde für Altes und Neues Testament und begleitete Studierende seelsorgerlich. Zudem nahm er eine Stelle als Pastor einer Freien Evangelischen Gemeinde in Basel an, die seine Arbeit sehr schätzte und ihn auch bei der Bewältigung seiner Behinderungen unterstützte. Sie liebten seine Predigt, eine Passion von Timm.

Er würde gerne weiterhin predigen

Doch seit neun Jahren kämpft er auch mit permanentem Schwindel, der seine Lage zusätzlich erschwert: "10 000 Mal habe ich Gott gebeten, mich davon zu befreien", bekennt er. "Doch er antwortete 10 000 Mal: 'Vertraue mir doch!' - Ich erwiderte: 'Sage mir, was Vertrauen heisst!'" Gott habe ihm diese Frage nur indirekt beantwortet: "Er hat mich verändert." Gott habe ihm klargemacht: "Ich will, dass du mein Zeuge bist!"

Raymond lernte allmählich, das Schwindelgefühl zu beherrschen. Doch es kostet ihn zusätzliche Kraft, sodass er schneller ermüdet. Daher auch sein Rückzug aus dem Pastoren- und Dozentendienst mit 62. Doch das Predigen möchte er nicht lassen: Wenigstens einmal pro Monat, so hofft er, wird ihn eine Gemeinde dazu einladen. (Autor: Fritz Imhof)

Diskutieren

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag ist geschlossen. Nach dem Erscheinen eines Artikels kann dieser 48 Stunden kommentiert werden.