Mittwoch • 24. Januar
Neues Land
30. Dezember 2017

In die Weite glauben

Foto: Pixabay
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Gott tickt neuländisch. Er will uns immer weiterführen, in neues Land, unsere Grenzen sprengen, unseren Horizont erweitern. Wenn wir unsere Ängste ablegen und Gottes Neuland-Prinzipien anwenden, werden wir Schätze entdecken und Überraschungen erleben, die uns verändern und zum Staunen bringen.

Das himmlische Reich hat andere Werte und eine andere Kultur als die Welt um uns herum. Wir können sie nicht von unserem Umfeld erwarten und auch nicht als Massstab setzen. Aber wir können neuländisch leben und so ein Wohlgeruch sein. Da wir nicht beziehungsfrei unterwegs sein können, löst jede Begegnung eine Wechselwirkung aus. Entweder die Situation prägt uns oder wir prägen sie.

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Ich bin über viele Jahre hinweg im Speisewagen in mein Büro in Zürich gefahren. Dort gab es eine Bedienung, die mit der Situation in der Regel überfordert war. Man bekam entweder nichts oder das Falsche, sicher aber immer irgendeinen mürrischen Spruch oder ein Anti-Lächeln. Bei einer Zugfahrt sog mich dieser Negativstrudel richtig­gehend ein. Ich stieg völlig unbedarft fröhlich ein – so fröhlich, wie man es am Morgen eben hinkriegt –, um dann nach einer Stunde mit einer innerlichen Unruhe, angesäuert und gereizt wieder auszusteigen. Damals habe ich die Entscheidung getroffen, dass ich mich nie mehr von dieser negativen Wolke einhüllen lassen werde. Es entstand der Kampf-Slogan: „Ich präge die Stimmung hier!“

Und genau diese Haltung braucht „deine Welt“. Jemanden, der sich nicht negativ prägen lässt, sondern aufsteht und skandiert: „Ich präge die Stimmung hier!“ Zurzeit fragen sich viele ängstlich, was im Weltgeschehen dermassen schiefzulaufen scheint und wie das mit Europa weitergeht, wann das Finanzsystem kollabiert, wo der nächste Krieg ausbricht, wie die Globalisierung zu bewerten ist, wohin die totalitäre Überwachung führt, wie man die Flutwelle von Flüchtlingen übersteht, wo der Genderwahn, der Werteverfall und der argwöhnische Verdacht gegen alles mit einem christlichen Hintergrund enden wird. Die Gesellschaft scheint vor Sorgen, Angst und Ratlosigkeit nur so zu triefen. Und manchmal wirkt es so, als gäbe es nur dort keine Angst, wo sie von Ignoranz verdrängt wird. Auch wird von vielen Seiten bewusst oder unbewusst Hoffnungslosigkeit geschürt. Viele Wirtschaftszweige leben von der Unzufriedenheit und den Ängsten der Menschen. Weil man sich sorgt, schliesst man Versicherungen ab, versucht man den Anschluss mit neuen Geräten nicht zu verpassen, gibt man Geld aus, um „in“ zu sein – man investiert nicht hoffnungsvoll, sondern um sich glücklich oder sicher zu fühlen. Die vorherrschende Frage ist oft nur: „Was bringt es mir?“ Auch viele Christen lassen sich von der schier apathischen Frustration gepaart mit einem ordentlichen Schuss Egozentrik mitreissen.

Tatsache ist aber: Gott ist mit diesem Planeten noch nicht fertig! Gott ist mit der Menschheit noch nicht fertig! Gott ist mit Europa noch nicht fertig! Und Gott ist mit dir noch nicht fertig! Das ist eine geballte Ladung an Hoffnung! Es gibt immer noch diesen „Ich mache alles neu“-Gott! Er kann sich selbst nicht untreu werden und deshalb reiht sich Neuland an Neuland. Und genau das ist die Botschaft des Evangeliums. Sie ist vor allem eine Hoffnungsbotschaft: Bei Gott gibt es Neuland! Bei Gott gibt es Hoffnung! Egal, wie abgebrannt die Erde deines Altlandes auch sein mag – Gott hat Neuland für dich vorbereitet! „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?“ (1. Mose 18, 14a). Es gibt noch so viel zu erleben und zu entdecken. Die grössten Niederlagen im Leben stecken wir nicht ein, wenn wir für etwas kämpfen und dann verlieren. Die grössten Niederlagen geschehen in dem Augenblick, in dem wir aufhören, uns nach dem auszustrecken, was Gott eigentlich noch für uns vorbereitet hat.

„Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen“ (Epheser 2, 10; LUT). – Gott hat wunderbare, gute Werke vor uns in unserem Neuland platziert. Doch in dem Moment, wo wir uns hinsetzen und aufhören, diesen nachzujagen, verpassen wir den Segen. Wenn dich die Lotteriegesellschaft anschreibt, um dir mitzuteilen, dass dein Los ein Hauptgewinn ist und du nun vier Wochen Zeit hast, mit deinem Schein deine 32 Millionen abzuholen, dann kämst du wohl kaum auf die Idee, die Zeit einfach verstreichen zu lassen. Vielmehr würdest du panisch die ganze Wohnung auf den Kopf stellen, weil du keinen Plan mehr hast, wo du diesen Zettel hingelegt hast. Vielen Christen aber scheint es schlichtweg egal zu sein, wo der himmlische Lotterieschein eigentlich ist. Ein solches lebloses Christentum, ein starrer, bewegungsloser Glaube fördert nicht nur viele gesellschaftliche Probleme, sondern ist oft sogar deren Ursache. Weil der lebendige Glaube nicht mehr sicht- und spürbar ist, bewegt sich die Gesellschaft überhaupt erst in die Hoffnungslosigkeit hinein. Eine neuländische Kultur hingegen ist die Grundlage für pulsierendes Christsein und gleichermassen der Nährboden für einen lebendigen Glauben. Leider lassen sich viele Christen durch ihre Ängste und Verunsicherungen dazu verleiten, sich irgendwelche Feindbilder zu schaffen und heftig gegen sie anzukämpfen. Als Christen sind wir Bürger des Himmels und dürfen diese himmlische Kultur hier auf Erden sichtbar werden lassen. Mehr als alles andere müssen wir uns danach ausstrecken, eine Sicht für Gottes Reich zu gewinnen und sie in unserem Leben Form annehmen zu lassen. Präg deine Welt, indem du neuländisch darin lebst.

„Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heissen“ (Matthäus 5, 9; LUT). – Auf eindrückliche Weise wurde das am 24. Dezember 1914, mitten im Kriegsgetümmel des Ersten Weltkrieges, erfahrbar. Nachdem viele Soldaten enthusiastisch einen schnellen Sieg erwartend in den Krieg gezogen waren, verflog die Hoffnung nach und nach, an Weihnachten könnten sie wieder zu Hause sein. In Flandern lagen sich die Soldaten beider Seiten in Grabensystemen gegenüber, die sich bedingt durch das schlechte Wetter in eisige Schlammlöcher verwandelt hatten. Nach fünf Monaten war die Westfront beinahe erstarrt, die Soldaten ernüchtert durch hohen Personenverlust, Munitionsmangel und die fehlende Perspektive auf einen raschen Sieg. Der Wunsch von Papst Benedikt XV, zu Weihnachten einen Waffenstillstand zu vereinbaren, wurde von beiden Kriegsparteien abgelehnt.

Zum Fest selbst wurden 355 000 Geschenkpakete an die britischen Soldaten geschickt, mit Segenswünschen vom König. Auch auf der deutschen Seite gingen viele private Geschenke und ausserdem zehntausende Mini-Weihnachtsbäume an der Front ein. Auf beiden Seiten wuchs in diesen Weihnachtstagen die Sehnsucht nach Frieden, nach ungestörtem Öffnen der Pakete und nach Waffenruhe. An einigen Stellen lagen die feindlichen Gräben nur rund 50 bis 100 Meter auseinander, sodass man problemlos miteinander sprechen konnte. Ein englischer Korrespondent beschrieb, wie die Deutschen anstatt der sonst üblichen Granaten plötzlich einen Schokoladenkuchen über das Niemandsland auf die britische Seite hinüberbeförderten, der dankbar angenommen wurde. Man erzählt sich, wie die Deutschen Weihnachtslieder sangen, woraufhin die Briten applaudierten. Die Briten begannen ebenfalls zu singen, worauf die Deutschen ein paar Weihnachtsbäume auf dem Grabenrand platzierten. Am Morgen des 24. war an den meisten Sektoren Ruhe eingekehrt. Man rief sich zu, dass man die Gefallenen bergen wollte, und tatsächlich wurde nicht geschossen, als sich die Männer aufs Niemandsland hinauswagten, wo sie miteinander zu sprechen begannen.

An einer Stelle wurden den Briten zwei Fässer Bier geschenkt, worauf diese Christmas-Puddings zurückgaben. Beim Dorf Fromelles wurde bei der Begegnung auf dem rund 80 Meter breiten Niemandsland sogar ein gemeinsamer Gottesdienst gefeiert und Psalm 23 gesprochen. Vielen Tagebüchern und Berichten lässt sich entnehmen, dass dieser Moment für die Beteiligten wunderbar unwirklich war, ein unglaubliches Erlebnis, über dem ein geheimnisvoller Zauber lag. Man liest von gemeinsamen Weihnachtsfeiern, mindestens einem gemeinsamen Schweinegrillen, gegenseitigem Rasieren und Haareschneiden, dem Betrachten von Familienfotos, mehreren Fussballspielen und gegenseitigen Geschenken wie Tabak, Zigaretten und Schokolade. Der Zauber von Weihnachten entfaltete sich mit einer schlichten und entwaffnenden Kraft und führte vielerorts zu einer ungeplanten Verbrüderung. Der Grund? Weihnachten!

Der Tag, an dem der Friedefürst geboren wurde, hat Frieden in dieser Welt überhaupt erst wieder möglich gemacht. Frieden mit Gott, anderen Menschen und uns selbst. Tatsächlich braucht es sehr viel Mut, für diesen Frieden auf- und einzustehen. Wer sich aus dem Graben erhebt, weiss nicht, ob sein Friedensangebot und die ausgestreckte leere Hand angenommen werden. Er weiss nicht, ob ihn Kuchen oder Kugeln erwarten. Aber genau dazu sind wir berufen – unsere Schützengräben zu verlassen, die Ränder mit Christbäumen zu schmücken und mutig mit offenen Armen auf unser Gegenüber zuzugehen.

Wer nicht bereit ist, ins Neu-Niemandsland zu schreiten, der verfällt automatisch der Versuchung, Altland zu verteidigen. Dann gibt es Grabenkämpfe, die nichts als Tod produzieren und keinen Meter weiterbringen. Wir sind als Friedensstifter berufen und sollten alles in unserer Macht Stehende tun, diesen Frieden zu ermöglichen – was von der anderen Seite zurückkommt, liegt nicht in unserer Hand. Vor einigen Monaten bin ich über einen Vers gestolpert, der mich nicht mehr loslässt: „Die Früchte, die vor Gott bestehen können, wachsen dort, wo Friedensstifter eine Saat des Friedens säen“ (Jakobus 3, 18). Ich habe von Gott her den Auftrag, Frieden zu stiften und die Saat des Friedens auszusäen. Das Wunderbare daran ist, dass ich nicht nur den Auftrag, sondern auch die Fähigkeit zum Friedenstiften bekommen habe. In jeder noch so alltäglichen Situation kann ich mich entscheiden, wie ich reagieren möchte. Gerade auch dann, wenn ich mich unangemessen behandelt fühle: Es ist immer meine Entscheidung, Frieden zu säen oder Krieg. Es ist, als hätte uns Gott in die rechte Hosentasche Samen des Friedens gefüllt, während wir in der linken Samen des Krieges aufbewahren. Viel zu oft lasse ich mich dazu verleiten, anstatt den Samen des Friedens eben die Kriegssamen auszusäen. Diese bringen niemals gute Frucht, sie lassen vielmehr alles Leben absterben – das Resultat sind keine gesunden, sondern kranke, dysfunktionale und tote Beziehungen.

Was wäre, wenn wir uns diesen Friedensstifter-Auftrag wirklich zu Herzen nähmen? Praktisch könnte das in deinem Alltag so aussehen: Gib etwas in deine rechte Hosentasche, das dich an die „Friedenssamen“ erinnert – zum Beispiel kannst du ein paar kleine Traubenzucker hineinstecken. Jedes Mal, wenn dich im Alltag etwas aus dem Tritt bringt − sei es nun dein Partner, sei es der nervige Typ im Auto vor dir, sei es deine „spezielle“ Arbeitskollegin −, erinnern dich die Friedenssamen daran: Du kannst Menschen und Umstände zwar nicht ändern, aber du hast in der Hand, welche Samen du aussäst – und welche Frucht du in deinem Leben und deinen Beziehungen sehen willst. Jedes Mal, wenn es dir in einer Situation gelungen ist, Friedenssamen zu säen, darfst du einen Traubenzucker zur Belohnung lutschen. Ziel: Am Abend sind alle weg!

Bei einem Besuch der UNO in Genf traf ich einen Mann aus Ghana. Ein unscheinbarer, kleiner Mann, der von allen in den höchsten Tönen gelobt wurde, was mich neugierig werden liess. Seine Story ist bewegend und ein Hollywood-Drehbuch wert. Er war als einfacher Buchhalter bei den UN eingestiegen. Als er im Juli 2003 spät am Abend plötzlich auf einen Scheck stiess, den er selbst ausgestellt hatte, bei dem aber jemand den Empfänger-Namen durchgestrichen und nachträglich abgeändert hatte, wurde er misstrauisch, suchte weiter und stiess auf 25 solcher Schecks im Wert von rund 400 000 Dollar. Als er seinen Vorgesetzten davon berichten wollte, wurde er abgewiesen. Es gehe ihn nichts an. Er ging von Stelle zu Stelle und hörte immer wieder dieselben Worte. Man wollte nicht, dass er da herumschnüffelte, und drohte ihm gar damit, dass er seine Stelle verlieren würde. Schliesslich bekam er sogar anonyme Drohanrufe. Aber der Mann aus Ghana glaubte an Christus und lebte überzeugt nach christlichen Werten. Also gab er um der Wahrheit willen nicht auf – bis ihm jemand Gehör schenkte. Es entpuppte sich als einer der grössten UN-Skandale: Jemand hatte über einige Jahre hinweg über 3 Millionen Dollar abgezogen.

Die Story schaffte es bis in die New York Times und viele wichtige Personen mussten den Hut nehmen. Kurz darauf wurde ein neuer Finanzchef gesucht. Man wählte eine integre Person, der man vertrauen konnte: diesen unscheinbaren Mann aus Ghana. Mich bewegte die Begegnung mit ihm und seine Geschichte, wie er mutig bereit war, für den „Frieden“ aufzustehen und zu kämpfen. Er hatte sich entschieden, nicht einfach zuzuschauen, wenn andere Menschen Unrecht und Krieg säen. Durch seinen Mut und die Integrität hat er in einer ganzen Organisation Frieden gestiftet. Die Früchte davon sind bis heute unübersehbar.

Durch einen neuländischen Lebensstil Hoffnung zu verbreiten und mit einem Neuland-Spirit unterwegs zu sein, hat mit einem Paradigmenwechsel zu tun. Gott möchte uns helfen zu entdecken, wie man neuländisch denkt, fühlt, handelt, hofft, redet, betet, liebt – lebt und glaubt. Für dieses Umdenken müssen wir uns bewusst entscheiden.

(Autor: Andreas Boppart)

Das neue Buch von Andreas ‚Boppi‘ Boppart

Im Buch „Neuländisch“ beschreibt Andreas ‚Boppi‘ Boppart, Leiter von Campus für Christus, vier Bereiche: unser Gottesbild, unser Herz, unsere Beziehungen, darunter besonders die Einheit der Christen, sowie unsere Interaktion mit dieser Welt. Sein Credo: „Dein Glaube gehört nicht in eine sauber abgemessene Box, die du bis zum Lebensende abgeschlossen verstaust, sondern muss sich frei immer weiterentwickeln können.“ Dazu will er mit diesem Buch inspirieren.

Andreas Boppart: Neuländisch. SCM Hänssler, 272 Seiten, 2018, ISBN: 978-3-7751-5797-1

 

 

 

 

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