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Nachfahre von Bruder Klaus
11. Oktober 2017

Das Wunder des Niklaus von Flüe

Niklaus von Flüe:
Niklaus von Flüe: "Ich musste Lasten abladen." Foto: Andrea Vonlanthen
Vor 600 Jahren ist Niklaus von Flüe geboren. Der andere Niklaus von Flüe ist 55-jährig und lebt zusammen mit seiner Frau Roswitha in Kerns, nur vier Kilometer von der Bruder-Klaus-Kapelle entfernt. im grossen idea-Gespräch erzählen sie von ihrer grossen Krise, die fast im Selbstmord geendet hätte. Und von der Hilfe im letzten Moment. 

Ist es mehr Ehre oder mehr Last, Niklaus von Flüe zu heissen?

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Niklaus von Flüe: Es ist beides. Es kann aber auch peinlich werden, wenn die Leute nur noch von meinem Namen reden. Wir haben unserm Sohn darum bewusst nicht den Namen "Niklaus" gegeben. Er heisst Gregor.

Wie sind Sie genau verwandt mit Bruder Klaus?

Niklaus: Ich bin im 17. Grad direkt verwandt mit ihm. Laut meinen Eltern stamme ich von einem der fünf Söhne von Bruder Klaus ab.

Bruder Klaus pflegte eine besonders intensive Beziehung mit Gott. Wie wichtig ist Ihnen die Beziehung zu Gott?

Niklaus: Sehr wichtig! Ich hatte früher eine kosmische Gottesbeziehung und ein Leben voller Krisen. Gott war für mich jemand, der extrem mächtig war und den man fürchten musste. Für Gott musste man etwas leisten, damit man ihm gefiel. Heute ist mir Christus das Allerwichtigste. Jetzt habe ich eine Beziehung zu ihm. Darum kann ich Bruder Klaus noch viel besser verstehen als früher.

Wie kam es zu Ihrer grossen Krise, Herr von Flüe?

Niklaus: Ich hatte in der Schule, im Beruf und im Militär immer das Gefühl, ich sei nichts wert. Ich wurde oft geplagt. Ich fühlte mich immer unter Druck. Da staute sich einiges zusammen. So nahmen auch die gesundheitlichen Probleme zu. Ich hatte zum Beispiel immer wieder Krebsphobien ...
Roswitha: Wenn ihm etwas weh tat, hatte er immer Krebs ... 
Niklaus: Ich ging zum Psychiater, doch das nützte alles nichts. Das waren nur Pflästerli auf meinem Leiden. Ich war ein Meister der Verdrängung. Ich stopfte die Probleme einfach in meinen Rucksack und umging sie so. Dem Frieden zuliebe sprach ich nichts an. Die Unruhe in mir wurde immer extremer.
Roswitha: Manchmal ging es ihm ein bisschen besser, doch dann kam wieder etwas Kleines, und der ganze Rucksack wurde noch schwerer.
Niklaus: Ich sagte Roswitha oft: "Ich mag einfach nicht mehr." Und dann kam der schwere Unfall ...

Wie war das mit Ihrem Unfall?

Niklaus: Das war vor drei Jahren. Ich habe mit meinem Lastwagen den Vortritt eines PWs übersehen. Wenn man meinen Lastwagen und den PW nach dem Zusammenstoss sah, konnte man nur staunen, dass es keine Toten gab. Der Sachschaden war enorm. Auch die Polizisten sprachen von einem Wunder. Der andere Autofahrer brach sich den Mittelhandknochen, das war alles. Doch dieser Unfall brachte mir den Rest. Er nahm mir völlig den Boden unter den Füssen weg. Ich glaubte schlicht nicht, dass ich die Kraft für ein Weiterleben aufbringen würde. Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich habe Roswitha darauf vorbereitet, dass ich nicht mehr heimkommen würde. Ich ging von Apotheke zu Apotheke, um mir verschiedene Tabletten zu besorgen. Und ich habe mir einen Termin gesetzt: Wenn es bis Samstag keine Änderung gibt, will ich aus dem Leben scheiden.

Für Sie eine sehr schwierige Zeit, Frau von Flüe.

Roswitha: Es war eine ganz schlimme Zeit für die ganze Familie. Wir waren mit unserm Latein wirklich am Ende und befürchteten, dass wir ihn in eine Klinik einweisen müssten. Sein Problem war auch, dass er ein Perfektionist ist. Er wollte immer alles perfekt machen. Er lebte nur noch in der Angst, dass gleich das nächste Unglück kommen würde.
Niklaus: Ich habe wohl zum Herrgott geschrien, aber ich habe nichts gespürt. Von meinem Bruder Alois, der schon länger gläubig ist, hatte ich in meiner Krise die Adresse eines Pastors erhalten. Ich fragte meine Frau: "Soll ich diesen Erwin Imfeld wirklich anrufen?"
Roswitha: Ich sagte: "Mach es doch! Wenn es nichts nützt, wird es dir auch nicht schaden."

Und wie reagierte dieser Pastor?

Niklaus: Ich kannte ihn nicht und dachte, das sei auch so ein Psychologe. Einen Tag später, an einem Freitag, läutete es um vier Uhr, und Erwin Imfeld stand vor der Tür. Wir sprachen lange miteinander, doch ich liess ihn nicht recht an mich herankommen. Er hat noch mit mir gebetet. Irgendwie tat mir das gut. Er kündigte einen weiteren Besuch an. Darum habe ich dann am Samstag keine Tabletten geschluckt. Beim zweiten Besuch am Montag hat er uns zu einem Glaubenskurs eingeladen. Es standen noch zwei Abende aus. Wir gingen hin. Da wurde ein Bild gezeigt aus Bangladesh von einem total überladenen Lastkarren, der im Morast steckengeblieben war. Mir wurde klar, dass ich Lasten abladen musste. Wir gingen auch zum zweiten Abend. Und da hat es bei Roswitha eingeschlagen ...
Roswitha: Ich habe beim Gebet im Stillen die Worte des Pastors wiederholt und mein Leben Christus übergeben. Ich habe ihm alle Probleme hingeworfen. Ich erlebte eine unglaubliche Wärme im Herzen. Das hatte ich noch nie erlebt. Mir war es fast nicht geheuer. Tags darauf rief ich den Pastor an. Er sagte: "Roswitha, ganz einfach, der Heilige Geist ist über dich gekommen!"

Wie haben Sie Ihre Frau erlebt, Herr von Flüe?

Niklaus: Sie war völlig verändert. Ich musste mir zwar sagen, dass alles, das wir im Glaubenskurs gehört hatten, richtig war, doch ich habe einen Setzgrind ... Der Pastor kam wieder vorbei, und so beschlossen wir, am Sonntag zu ihm in die Messe zu gehen. Die Predigt hielt ein anderer, wildfremder Pastor. Er sprach genau in meine Situation hinein. Es ging ums Aufräumen im Leben. Zuerst dachte ich an ein Komplott. Es kam mir vor, als spräche er nur zu mir. Als wir nach dieser Messe heimgingen, machte es in mir "klick". Ich kam zum Schluss, dass der Herrgott klar zu mir geredet hatte. Ich sagte dem Herrgott, dass ich auf dem Holzweg war. Ich wollte alles abladen und neu beginnen. Von da an ging es mir von Tag zu Tag besser. Nach diesem Gottesdienst hat sich mein Leben verändert. Es gibt doch Milliarden Menschen auf dieser Welt, doch Gott hat ausgerechnet zu mir gesprochen ...

Interview: Von Andrea Vonlanthen

Dies ist die gekürzte Fassung eines Gesprächs, das im Wochenmagazin ideaSpektrum 41-17 abgedruckt ist.

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