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Davaz will Rimuss-Kellerei übernehmen
10. Oktober 2017

Bald Bündner Herrschaft in Hallau

Die Weinkellerei Rahm steht vor der Übernahme, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein. Foto: Screenshot Imagefilm Rahm AG
Die Weinkellerei Rahm steht vor der Übernahme, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein. Foto: Screenshot Imagefilm Rahm AG
Das Weinbauunternehmen Davaz in Fläsch (GR) hat eine Absichtserklärung zur Übernahme der Produktion und des Vertriebs der Rimuss- und Weinkellerei Rahm AG in Hallau (SH) unterzeichnet. Die Vereinbarung bildet die Grundlage für einen nachhaltigen Erhalt der Produktion und der zugehörigen Arbeitsplätze in Hallau.

Hallau (idea) - Das Familienunternehmen Rimuss- und Weinkellerei Rahm AG verkauft jährlich rund sechs Millionen Flaschen Wein- und Traubensaftspezialitäten. Mit seiner Marke Rimuss ist es der Schweizer Pionier im Bereich alkoholfreie Festtagsgetränke. Die Weinkellerei Rahm AG wurde 1945 als Rebbaubetrieb gegründet und wuchs im Laufe von drei Generationen zu einem bedeutenden Familienunternehmen. In Hallau (SH) beschäftigt das Unternehmen heute 45 Mitarbeitende, welche über 40 hochwertige Trauben-Erzeugnisse entwickeln, produzieren und vermarkten. Die Firma Rahm war unter der Leitung von Emil und Robert Rahm auch bekannt, für ihre Unterstützung christlicher Organisationen. Nach mehr als 70 Jahren im Familienbesitz soll die Weinkellerei nun verkauft werden.

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Erfolgreiches Start-up

Jakob Rahm legte den Grundstein zum Familienunternehmen. Zusammen mit seiner Frau Margrit baute er einen Landwirtschafts- und Weinbaubetrieb auf. Und angesichts der zunehmenden Motorisierung hatte er eine zündende Idee: die Produktion alkoholfreien Traubensafts. 1954 präsentierte sein Sohn Emil an der Olma ein alkoholfreies, moussierendes Festgetränk. Es erhielt den Namen Rimuss. 1963 baute Jakob Rahm einen neuen Keller. Sein Sohn Robert hatte ihn als Semesterarbeit entworfen. 1969 starb der Vater. Seine Söhne Emil und Robert gründeten die Kollektivgesellschaft Rimuss-Kellerei Rahm & Co. Emil war der Marketing- und Verkaufsleiter, Robert übernahm die technische Leitung, die Finanzen, den Einkauf und den Aufbau des Rebbetriebs. Es gelang ihnen, die Marke Rimuss zum Urbegriff für alkoholfreie Schaumweine werden zu lassen und unter die zehn emotional stärksten Marken der Schweiz einzureihen. 1995 wurden ein klimatisierter Weinkeller und eine neue Traubenannahme mit Pressanlage in Betrieb genommen. Damit wurde Rahm zu einer der grössten Kellereien der Deutschschweiz.

Robert Rahm: "Dienen kommt vor verdienen"

Mutter Margrit Rahm-Huber war eine aktive Christin in der Chrischona-Kirche und ihren Kindern ein Vorbild. "Als Christen streben wir danach, Christus ähnlich zu werden, ihm nachzufolgen in seiner Barmherzigkeit und Liebe, seinem Verständnis und seiner Hingabe, den Nächsten im Blick. Denn Dienen kommt vor Verdienen", wird Robert Rahm in den "Schaffhauser Nachrichten" zitiert. Die christliche Grundhaltung des Familienunternehmens sei vielfach positiv aufgenommen worden, von Traubenlieferanten und Mitarbeitenden, was sich wiederum auch positiv aufs Unternehmen auswirkte. 2004 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Vier Jahre später wurden alle Aktien der neu gegründeten Rimuss-Stiftung für christlich-soziale Werke zum Nominalwert verkauft.

Konkurrenzdruck und Betrugsfall

Als Gründe für den jetzigen Verkauf des Traditionsunternehmens werden der starke Wettbewerb auf dem Markt der Traubensaft- und Weinproduktion genannt. Dazu kommt ein in diesem Frühjahr aufgeflogener Betrugsfall. Ein langjähriger Kadermitarbeiter hat Geld veruntreut und sich daraufhin selbst angezeigt. Die Untersuchung der Staatsantwaltschaft ist noch im Gange. Die Firma Rimuss habe vor Weichenstellungen gestanden, die mit der geplanten Übernahme des Betriebs durch das Fläscher Familienunternehmen Davaz nachhaltig gelöst werden können, so heisst es in einer Medienmitteilung.

Aktiengesellschaft bleibt in der Familie

Im Zuge der geplanten Übernahme der operativen Tätigkeiten von Rimuss durch die Davaz Holding ernennt die Eigentümerin des Unternehmens, die Rimuss Stiftung, einen Familien-Verwaltungsrat. Er wird sich um allfällige finanzielle Altlasten kümmern müssen. Das Gremium wird geführt von Iris Fontana-Rahm, Mitglied wird ihr Ehemann Marco Fontana-Rahm und soll dem Wunsch der Nachfolgegeneration der Familie Rahm Rechnung tragen, den Übernahmeprozess aktiv zu begleiten und umzusetzen. Der bisherige Verwaltungsrat ist zurückgetreten. Die Zukunft der Stiftung, die einen karitativen Zweck verfolgt und von Dividenden gespeist wurde, sei noch unklar, erklärte Esther Salathé-Rahm im Namen der Familie.

Davaz übernimmt Produktion und Mitarbeiter

"Die Marke Rimuss gehört zu den Felsen der Edeltraubensäfte in der Schweiz, ihre Bekanntheit und ihr Qualitätsversprechen sind unerreicht", sagt Andrea Davaz, der Eigentümer der Davaz Holding. "Als Familienunternehmen verfolgen wir einen langfristigen Ansatz, der es uns erlaubt, die Marke Rimuss wie auch die angestammten Weinmarken mit der notwendigen Kraft weiterzuentwickeln." Die Davaz Holding AG will die operative Tätigkeit in Hallau in absehbarer Zukunft übernehmen. Die getroffene Übernahmevereinbarung bildet die Grundlage für einen nachhaltigen Erhalt der Produktion und der Arbeitsplätze in Hallau.

Auch politisch tätig

Das Familienunternehmen Davaz beschäftigt 50 Mitarbeitende an den Standorten Fläsch, Landquart und Pontresina. Mit einem Jahresumsatz von 32 Mio Franken gehört es zu den grösseren Weinbau- und Weinhandelsunternehmen der Schweiz. Es wird in zweiter Generation von Andrea Davaz geführt. Der Önologe Davaz kennt die Hallauer Weinkellerei Rahm. Er hat dort eine Lehre absolviert und auch für kurze Zeit als Betriebsleiter in Hallau gearbeitet. SVP-Mitglied Davaz vertritt die Bündner Herrschaft im Grossen Rat, er ist verheiratet und Vater von sechs Kindern.

Weinbauer Neukomm: "Gutes Gefühl"

Andreas Neukomm führt in Hallau und Oberhallau einen Weinbaubetrieb mit 16 Hektaren. Er kennt Andrea Davaz aus der Lehrzeit bei Rahm. Gegenüber der Zeitung sagte er: "Er hat vor mir die Lehre als Weintechnologe bei Rahm gemacht und war danach Betriebsleiter bei Rahm. Ich habe ein gutes Gefühl, denn Davaz ist Weinbauer mit Sinn für Qualität, er stand Robert Rahm nahe und ist kein Fremder für den Familienbetrieb. Mit ihm kommt einer, der mit Herzblut hinter dem Weinbau steht."

Auf Wunsch der Familie

Nachdem Robert Rahms Sohn Peter im April dieses Jahr aus der Firmenleitung ausgeschieden ist und keiner der Nachkommen die Firma übernehmen wollte, ist der Kauf durch Andrea Davaz für die Hallauer Weinkellerei eine willkommene Lösung. Als ehemaliger Mitarbeiter ist Davaz freundschaftlich verbunden mit der Familie Rahm. Zusammen mit seiner ausgewiesenen Fachkompetenz und seiner christlichen Grundhaltung passe er zum Unternehmen, sagte Esther Salathé-Rahm. Die Rahm AG an die Davaz Holding zu übergeben, sei der einstimmige Wunsch des Stiftungsrates. Wobei diese Entscheidung rasch gefällt werden musste. "Anfang Jahr dachten wir natürlich noch nicht, dass wir nun an diesem Punkt stehen würden", wird Esther Salathé-Rahm in den Schaffhauser Nachrichten zitiert. "Doch wir sind glücklich, dass wir jemand so Gutes haben, mit dem das Unternehmen wieder erfolgreich werden kann. Unsere Mitarbeiter sind gut aufgehoben." 

Robert Rahm: "Hauptsache, die Arbeiter behalten ihren Job"

So schmerzhaft es für ihn auch sein muss: Firmen-Mitinhaber Robert Rahm (79) bleibt gefasst. Der "Blick" zitiert ihn so: "Mir ist lieber, wenn ich ein bisschen ärmer sterbe. Dafür behalten die Arbeiter ihren Job und die Winzer ihren Abnehmer. Die Lösung mit Davaz ist für uns ein Sechser im Lotto." Auch gegenüber dem ehemaligen Finanzchef hegt er keinen Groll. Mehr noch: "Ich habe seinen Kollegen gesagt, dass sie ihn nicht verstossen sollen, damit er nicht alles verliert."

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