Montag • 11. Dezember
Entscheidung
06. Dezember 2017

USA wollen Jerusalem offenbar als Hauptstadt Israels anerkennen

Die USA will ihre Botschaft voraussichtlich von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen und so die Stadt als Israels Hauptstadt anerkennen. Foto: picture-alliance/abaca
Die USA will ihre Botschaft voraussichtlich von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen und so die Stadt als Israels Hauptstadt anerkennen. Foto: picture-alliance/abaca

Jerusalem (idea) – Auf ein geteiltes Echo ist die Ankündigung der USA gestoßen, Jerusalem offiziell als Hauptstadt Israels anzuerkennen und die Botschaft des Landes von Tel Aviv dorthin zu verlegen. Regierungsvertreter hatten erklärt, dass US-Präsident Donald Trump eine entsprechende Entscheidung im Laufe des 6. Dezember offiziell verkünden werde. Die US-Botschaft solle allerdings nicht sofort verlegt werden. Ein Umzug werde „Jahre“ in Anspruch nehmen. Der höchste Repräsentant der EKD im Heiligen Land, Propst Wolfgang Schmidt (Jerusalem), äußerte auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, ein solcher Schritt wäre „ein Spiel mit dem Feuer“, denn er berge das Risiko einer unabschätzbaren Gewalteskalation auf palästinensischer Seite. Ihn erinnere die Ankündigung an den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen: „Es gibt in der Weltgemeinschaft einen weitgehenden Konsens, aus dem sich die USA nun einmal mehr zurückziehen.“ Aus gutem Grund habe bislang kein Land seine Botschaft in Jerusalem. Auch in der israelischen Gesellschaft stoße die Ankündigung auf gemischte Reaktionen, so Schmidt.

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Weltkirchenrat und Papst Franziskus sind besorgt

Der Weltkirchenrat zeigte sich besorgt angesichts der US-Pläne. Ein solcher Schritt könne den gesamten Nahen Osten destabilisieren und eine Zwei-Staaten-Lösung unmöglich machen, warnte der Generalsekretär des Weltkirchenrates, Olav Fykse Tveit (Genf). Auch Papst Franziskus äußerte sich besorgt. Jerusalem sei Juden, Christen und Muslimen gleichermaßen heilig, betonte Franziskus. Die Stadt habe eine besondere Berufung zum Frieden.

Sächsische Israelfreunde: „Wichtigste Entscheidung“ in Trumps Amtszeit

Der Geschäftsführer der Sächsischen Israelfreunde, Wilfried Gotter (Schönborn-Dreiwerden), bezeichnete den geplanten Schritt gegenüber idea hingegen als die „wichtigste Entscheidung“, die Trump in seiner bisherigen Amtszeit getroffen habe. Allerdings müsse er der Ankündigung nun Taten folgen lassen. „Damit steht und fällt seine Präsidentschaft“, so Gotter. Die Nahostpolitik der Europäischen Union sei auf ganzer Linie gescheitert: „Überall auf der Welt ist von Wiedervereinigung die Rede, nur Israel will man teilen.“ Er hoffe, dass dem US-Vorstoß weitere Staaten folgen. Denn es sei „schizophren“, einen Staat anzuerkennen, dessen Hauptstadt aber nicht. Um ein friedliches Miteinander von Israelis und Palästinensern in einem ungeteilten Israel zu ermöglichen, müsse Israel seinerseits allerdings davon abrücken, sich als „reinen Judenstaat“ zu bezeichnen.

Internationale Christliche Botschaft: Betet für Jerusalem!

Der Präsident der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ), Gottfried Bühler, rief alle Christen dazu auf, dafür zu beten, dass Jerusalem „ruhig, vereint und in jüdischen Händen bleibt“. Die Geschichte habe gezeigt, dass nur unter israelischer Souveränität die Religionsfreiheit für Christen, Muslime und Juden gleichermaßen gewährleistet ist. Rund 100 Gemeinden und Gebetskreise in Deutschland beteten am 6. Dezember im Rahmen der Jesaja-62-Gebetsinitiative der ICEJ für Israel und Jerusalem. Das schließe sowohl Juden als auch muslimische Araber und Christen ein. Es gebe bereits viele gute und segensreiche Projekte, in denen Juden, Araber und Christen zusammenarbeiten. Die Internationale Christliche Botschaft Jerusalem vertritt nach eigenen Angaben Millionen von Christen aus über 125 Ländern, die Israel und dem jüdischen Volk in Liebe und Solidarität verbunden sind. Sie bezeichnet sich als die größte christlich-zionistische Organisation mit Zweigstellen in über 90 Nationen. Ziel sei es, Christen aus aller Welt zu informieren und zu inspirieren, „sich gegen den immer stärker werdenden Trend der Israelfeindlichkeit und des Antisemitismus zu stellen“.

Gerloff: Muslime haben in Jerusalem mehr Freiheiten als in Deutschland

Der Theologe und Journalist Johannes Gerloff (Jerusalem) erklärte gegenüber idea, er verstehe die Aufregung über die Ankündigung der USA nicht. Seit 1995 gebe es dort ein Gesetz, das Jerusalem als Sitz der US-Botschaft vorschreibt. Es werde nur aller sechs Monate wieder ausgesetzt. Und für Israel sei Jerusalem ohnehin seit 70 Jahren die Hauptstadt des Landes: „Dass ausländische Staaten einem souveränen Land vorschreiben wollen, wo es seine Hauptstadt einrichtet, ist eine absolute Ausnahme.“ Gerloff rechnet nicht mit einem großen Aufstand der Palästinenser. Die radikalislamische Terrororganisation Hamas sei dazu nicht in der Lage und die palästinensische Autonomiebehörde wolle den Anlass nur nutzen, um sich auf der Bühne der Weltpolitik zu präsentieren. Gerloff: „Wo leben so viele Anhänger der drei großen Weltreligionen in dieser Weise zusammen wie in Jerusalem? Die Muslime dürfen hier laut zum Gebet rufen. Sie haben mehr Freiheiten als zum Beispiel in Deutschland.“ Das wollten die Palästinenser nicht aufs Spiel setzen.

Radikalislamische Hamas kündigt Terrorwelle an

Trump hatte Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und Jordaniens König Abdullah vorab über seine Absicht informiert, die Botschaft von Tel Aviv zu verlegen. Beide warnten vor den Folgen für den Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan drohte mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Israel. Die Hamas kündigte eine neue Terrorwelle an, sollte die Botschaft tatsächlich verlegt werden. Auch Deutschland und Frankreich rieten den USA von dem geplanten Schritt ab. Israel hatte 1967 während des Sechs-Tage-Kriegs den arabisch geprägten Ostteil der Stadt erobert. Der jüdische Staat beansprucht ganz Jerusalem als seine unteilbare Hauptstadt. Dies wird international nicht anerkannt. Nach Vorstellung der Europäischen Union soll der künftige Status der Stadt in Friedensgesprächen ausgehandelt werden.

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