24. Dezember 2020

Das Nahekommen Gottes

In der Sehschule des Glaubens

"Ich steh an deiner Krippe hier ...", Kirchenlied von Paul Gerhardt. Fotos: Kirchengesangbuch; Pixabay

(idea) - Die Flut an Bildern, die uns jeden Tag locken, erfreuen, erschrecken und ermüden, ist gross. Dieses alte Weihnachtslied fasst ein einziges Bildgeschehen, von dem alles Weitere ausgeht, in Worte: "Ich steh an deiner Krippe hier ..." Mit diesen Worten werde ich an der Hand genommen, zum Kind in der Krippe und zum Bekennen des Glaubens geführt. Es kommt zum innigen Zwiegespräch mit dem Heiland. Im Vordergrund steht nicht rechtes Denken und gutes Fühlen, sondern die Begegnung und heilvolle Verbindung mit dem, den ich als "Jesu, du mein Leben" anspreche. Das Sehen auf das Christkind öffnet den Blick auf alles Weitere, das Jesus Christus getan hat - auch für mich. Er ist der gekreuzigte und auferstandene Herr seiner Gemeinde. Im Sprechen und Singen äussert sich zwar jeder selbst, zugleich aber wird das Ich zum Wir: Die Gemeinde der Erlösten sammelt sich singend um die Krippe. Zeiten werden dabei übersprungen beziehungsweise "überblendet".

Mit geschlossenen Augen sehen

Sehe ich mit den inneren Augen die Krippe und mich beim Christkind stehen, spricht man von "Mystik". Das Wort ist griechischen Ursprungs und bedeutet "die Augen schliessen". Das Schliessen der Augen dient zum Freiwerden von äusseren Ablenkungen. Die geschlossenen Augen helfen, die inneren Augen zu öffnen, um die göttliche Wahrheit zu schauen. Insofern ist dieses Weihnachtslied eine Sehschule des Glaubens.

Wir sind nicht die Ersten, die an die Krippe treten. Die Zahl derer ist über die Jahrhunderte hinweg gross und reicht zurück bis zum Geschehen selbst: zur Mutter Maria und zu Joseph, ihrem Anvertrauten; zu den Hirten, die vom Felde, und den Weisen, die aus der Ferne kamen. Wo eine Futterkrippe steht, sind auch Tiere. Sie werden in der Weihnachtsgeschichte nicht erwähnt; beim Propheten Jesaja aber steht: "Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn ..." (Jesaja 1,3). Dieses Prophetenwort war der Auslöser, dass auf vielen Bildern und bei Weihnachtsaufführungen auch Ochs und Esel ihren Platz haben. Deren Futterkrippe ist freilich "belegt": Das Erlöserkind liegt darin; und es gereicht zur "Nahrung" für alle Welt, dieses Brot des Lebens! Mit denen, die kommen in der Heiligen Nacht, aber auch mit denen, die schon da sind - Maria und Joseph sowie Ochs und Esel - stehen wir an der Krippe und sagen, singen und bekennen: "Ich steh an deiner Krippe hier, o Jesu, du mein Leben ..."

Hier tut sich die Welt des Gebens auf

Mit dem Stehen an der Krippe ist Hingabe verbunden: Kommen, Bringen, Schenken. Es ist die Antwort auf Gottes Hingabe: "Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben." Was haben wir, was wir nicht von ihm hätten? Ist er doch Schöpfer, Retter und Vollender des Lebens. Und dann bitte ich, dass er es annehmen möge, es ihm gefallen darf, wenn ich als von ihm Beschenkter ihm mein Leben ausliefere: "Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dir's wohl gefallen." Wir leben in einer Welt, die haben will, die fordert, die nimmt - hier tut sich eine Welt des Gebens auf: Wer von Gott beschenkt und von Christi Liebe genährt ist, vermag zu schenken. So, wie die Weisen aus dem Morgenland ihre Gaben vor das Kind legen, tut es der Betende und Singende mit dem Lob der Lippen. Gaben, Talente und Geschenke sind das eine; das Tiefste aber ist die Selbsthingabe - mit allem, was mich ausmacht an Freude und Not, an Licht und Dunkelheit, an Gaben und Grenzen.

Der zusätzliche Akzent in der Corona-Zeit

Die Selbsterniedrigung Gottes in der Menschwerdung und die darauf antwortende Selbsthingabe bekommen angesichts der in Corona-Zeiten auferlegten "Distanzhaltung" und "Distanzierung" einen zusätzlichen Akzent: Das Nahekommen Gottes zur Erlösung ist unfassbar gross und lässt uns - in staunendem Dank und in Hingabe an Gott und die Menschen - ihm nahekommen!

Der innige Wechsel von Gottes Schenken und meinem Mich-ihm-Schenken als Antwort setzt sich in der zweiten Liedstrophe fort. Innerlich beim neugeborenen Christuskind stehend, verbinden sich die Gedanken und Worte nun mit der eigenen Geburt: "Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren ..." Doppelsinnig werden leibliches und geistliches Geschehen verbunden. Die Geburt von Jesus und davon ausgehend sein Heil sind Auslöser und Grundlage meines Heilwerdens, meiner von Gott her geschenkten Neugeburt. Dabei wird das erwählende und erlösende "Zuvor" durch Christus betont und Grund dankbaren Staunens: "... und hast mich dir zu Eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren."

Es ist das Sehnen und Suchen des Liebenden, das schon vor meiner Zeit da war und mich gefunden hat. Die Worte lehnen sich an Psalm 139,16 an: "Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war ..." Bevor mein Herz zu schlagen anfing, bin ich von Gott gewollt und in seinem Herzen "gezeugt" worden - unabhängig von meinen leiblichen Eltern. Im Lied singen wir es mit diesen Worten: "Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden. Du warest meine Sonne ..."

Lade ich den Gast bei mir ein?

Mit dem Stehen an der Krippe hatte das Lied begonnen. Wer den Liedweg mitgegangen ist, kommt am Ende in den Strophen 6 und 7 beim Wunsch an, dass sein eigenes Leben zur "Krippe" und zum bescheidenen Herbergsort für den Heiland in dieser Welt werden darf.

Strophe 6: Eins aber, hoff ich, wirst du mir, / mein Heiland, nicht versagen: / dass ich dich möge für und für / in, bei und an mir tragen. / So lass mich doch dein Kripplein sein; / komm, komm und lege bei mir ein / dich und all deine Freuden.

Strophe 7: Zwar soll ich denken, wie gering / ich dich bewirten werde: / Du bist der Schöpfer aller Ding, / ich bin nur Staub und Erde; / doch bist du so ein lieber Gast, / dass du noch nie verschmähet hast / den, der dich gerne siehet.

Selbstverständlich ist es ja keineswegs, dass der heilige Gott, der Auferstandene, durch seinen Geist in meiner Bedürftigkeit heimisch werden will! Doch er hat es zugesagt. Es ist gewiss, dass er als "ein lieber Gast" keinen verschmäht, der ihm die Tür öffnet - gemäss dem letzten Buch der heiligen Schrift, wo der Auferstandene sich mit diesen Worten an die Gemeinde richtet: "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir." (Offenbarung 3,20)

Ich bin Staub und Erde; eines Tages werde ich mein "irdisches Kleid" ablegen (vgl. Psalm 90). Doch der Ewige möge auf Erden nicht ein lieber Gast sein, der sich wieder verabschiedet! Vielmehr möchte ich ihn für und für in, bei und an mir tragen - bis ich einmal in Ewigkeit bei ihm nicht nur Gast, sondern zu Hause sein werde.
(Autor: Beat Weber)

"Ich steh an deiner Krippe(n) hier"

Das Kirchenlied "Ich steh an deiner Krippe(n) hier ..." stammt von Paul Gerhardt (1607-1676), einem der grössten Dichter evangelischer Kirchenlieder. Das Lied ist ab 1653 nachweisbar und findet sich in vielen Kirchengesangbüchern. Im Gesangbuch der evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz (RG) figuriert es unter der Nummer 402 und enthält 7 der ursprünglich insgesamt 15 Strophen (Originaltext 1653 siehe bei Wikipedia). Weiter findet sich das Lied im deutschen Evangelischen Gesangbuch (EG 37, 9 Strophen) sowie in Liederbüchern von Freikirchen und Gemeinschaften. Es ist auch in den römisch-katholischen Gesangbüchern der Schweiz (KG 333) und Deutschlands (GL 256) enthalten. Die Melodie soll von Johann Sebastian Bach stammen (singbar ist das Lied auch zur Luthermelodie des Liedes 291 im reformierten Gesangbuch).

Beat Weber, Pfr. Dr. theol., ist zusammen mit seiner Frau, Sonja Weber-Lehnherr, teilzeitlicher Mitarbeiter der Evangelischen Stadtmission Basel im Bereich Seniorenseelsorge und Verkündigung (2017-2020). Zuvor war er lange Jahre in einem Emmentaler Landpfarramt. Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Trouvaille Nr. 25 der Evangelischen Stadtmission Basel, www.stadtmissionbasel.com/trouvaillen.