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Christenverfolgung in Westafrika
24. Januar 2020

Am WEF wird die Religionsfreiheit zum Thema

Panel am WEF: Information über die wachsende Destabilisierung von Wirtschaft und Gesellschaft in Westafrika. Foto: SEA
Panel am WEF: Information über die wachsende Destabilisierung von Wirtschaft und Gesellschaft in Westafrika. Foto: SEA

Davos (idea/sea) - Vor wenigen Tagen kam die Nachricht per Twitter: Lawan Andimi, Pastor und Präsident des Verbandes der nigerianischen Christen (Christian Association of Nigeria CAN) wurde von Mitgliedern der radikal-islamischen Terrormiliz Boko Haram entführt und später hingerichtet. Von den 188 Millionen Einwohnern Nigerias sind 48 Prozent Christen und 51 Prozent Muslime. Andamis Ermordung ist ein weiteres schreckliches Ausrufezeichen der sich zuspitzenden Lage in der Sub-Sahara. Während Muslime und Christen früher friedlich nebeneinander gelebt haben, gibt es heute Regionen in Mali, Niger, Kamerun und Burkina Faso, wo sich Islamisten zunehmend radikalisieren und die Christen bedrohen. Das soziale Gefüge gerät aus dem Gleichgewicht. Allein im Jahr 2019 sind 3500 Angriffe registriert worden, Tendenz steigend. Rund 260 Millionen Menschen in der Sub-Sahara sind betroffen.

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Der soziale Zusammenhalt ist gefährdet

"Unternehmen und Wirtschaftsführer spielen eine wichtige Rolle, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern, zu friedensfördernden Massnahmen beizutragen und ein Umfeld zu schaffen, das die Christen vor den zunehmenden islamistischen Angriffen in Westafrika schützt", sagte Wissam al-Saliby, Advocacy Officer der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) und Moderator des Panels am WEF. Unter dem Titel "Mehr Unsicherheit in West-Afrika: Auswirkungen auf die sozialen, religiösen und wirtschaftlichen Verhältnisse" wurde im "Tradeshift-Sanctuary", einer fürs WEF umgebauten Kirche, diskutiert.

Die Lage verschlechtert sich

"Die Angriffe haben deutlich zugenommen", erklärte Illia Djadi, Journalist und Analytiker für Religionsfreiheit in Westafrika. Dies habe massive Auswirkungen auf die Bevölkerung in diesen Ländern, die zu den ärmsten der Welt gehörten. Mehr als 2000 Schulen hätten in Burkina Faso schliessen müssen, über 300'000 Kinder seien ohne Bildung, sagte Djadi. In Mali und Niger sei die Lage ähnlich: "Ethnische und religiöse Gruppen, die früher friedlich zusammenlebten, werden nun gegeneinander aufgerieben. Moderate Muslime sind ebenfalls zu Zielen geworden."

Aufwiegelung destabilisiert Nigeria

Pastor Gideon Para-Malla aus Jos, Zentralnigeria ist Gründer der "Para-Mallam Friedensstiftung", schilderte die Lage in seinem Land. Christen und Muslime hätten einst als gute Nachbarn nebeneinander gelebt. Durch die Aufwiegelung seitens radikaler Muslime seien viele Christen angegriffen und auch umgebracht worden. Muslimische Fulani-Milizen würden Schutzgelder erpressen. Wachsende Unsicherheit gebe es aufgrund der Agitationen durch Anhänger von Boko Haram und IS. Das destabilisiere die Wirtschaft.

Täter werden laufen gelassen

Para-Malla sagte, es sei verheerend, dass die Täter straffrei laufen gelassen würden. Das Aufrechterhalten von Gerechtigkeit sei dringend nötig, um den Frieden zu fördern. "Die Jugend ist gefährdet, weil sie beginnen will, sich zu wehren und zu rächen." Wichtig sei jetzt, dass die Weltgemeinschaft Nigeria beistehe und die Regierung die Täter zur Rechenschaft ziehe. Para-Malla: "Seit Jahren geschehen täglich Morde, Vergewaltigungen und Entführungen. Die Regierung muss mehr tun. Dazu braucht es diplomatischen Einfluss. Die internationale Gemeinschaft muss mehr Interesse zeigen."

Burkina Faso neu auf dem Weltverfolgungsindex

Früher war Burkina Faso bekannt für das friedliche Miteinander der Religionen. Mit dem Aufkommen militanter muslimischer Gruppen, die von Mali aus eindrangen, gibt es inzwischen No-Go-Areas für Europäer. "Kirchen wurden niedergebrannt, Pastoren und Gottesdienstbesucher wurden umgebracht", bilanzierte der Journalist Illia Djadi. "Die Menschen werden getötet wegen ihres Glaubens." Die Instabilität nehme zu. Erstmals findet sich Burkina Faso auf dem Weltverfolgungsindex von Open Doors, und zwar auf Platz 28. Sollte die Entwicklung des Landes nicht unterstützt werden, drohe eine Übernahme durch wirtschaftlich potente Islamisten-Gruppen, die damit drohen, die gesamte Sub-Sahara-Region zu destabilisieren. "Die Lage ist düster. Um darauf aufmerksam zu machen, sind wir hier", hielt Wissam al-Saliby von der WEA fest.

Thema nun womöglich alljährlich am WEF

Hinter dem Panel in Davos stand neben der WEA deren Schweizerzweig, die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA-RES). Philippe Fonjallaz, Vize-Präsident der SEA-RES-Arbeitsgemeinschaft Religionsfreiheit (AGR) und Direktor von "Open Doors" Schweiz bilanzierte: "Es geht nicht einzig um die Christen, sondern um eine Krise, die einen Einfluss auf die ganze Gesellschaft in diesen Ländern hat. Ebenso wird die Politik destabilisiert - was auch Folgen für die Wirtschaft und Sicherheit in Europa haben kann." SEA-RES-Generalsekretär Marc Jost zeigte sich von den Berichten aus Afrika und der Möglichkeit, das wichtige Anliegen in Davos zu präsentieren, beeindruckt: "Wir sind gewillt, die Arbeitsgemeinschaft für Religionsfreiheit darin zu unterstützen, dass die Religionsfreiheit künftig alljährlich am WEF aufgenommen und zur Sprache gebracht werden kann."

Arbeitsgemeinschaft für Religionsfreiheit

Die SEA-Arbeitsgemeinschaft für Religionsfreiheit (AGR) setzt sich aus den Organisationen Open Doors (OD), Hilfe für Mensch und Kirche (HMK), Christliche Ostmission (COM), Christian Solidarity International (CSI) Schweiz, Aktion für verfolgte Christen (AVC), Licht im Osten (LIO) und Osteuropa Mission Schweiz (OEM) zusammen. Das Ziel der AGR ist die Sensibilisierung und Mobilisierung der Öffentlichkeit für Verfolgung und Diskriminierung aus religiösen Gründen. Sie ermutigt insbesondere die Kirche zum Zeugnis und zur Unterstützung der Christen in ihren jeweiligen Ländern, damit sie durch christliche Werte wie Liebe und Vergebung für den Frieden einstehen können.

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