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Freikirchen für Ehe für alle?
19. August 2019

Die Beobachter-Schlagzeile irritiert

Ehe für alle: Der Beobachter wittert ein Umdenken. Foto: Screenshot/Livenet
Ehe für alle: Der Beobachter wittert ein Umdenken. Foto: Screenshot/Livenet

Zürich (Livenet/idea) - Eines hat die Schlagzeile des Beobachters also sicher erreicht: Sie weckt die Neugier. Sucht man die Hard News im Text - erweist sich die Faktenlage als ziemlich dünn. Auf drei Seiten versucht der Autor Sascha Britsko in der Ausgabe vom 16. August 2019 mit Interviews mit Leo Bigger (ICF) und Andreas "Boppi" Boppart (Campus für Christus) sowie Religionsexperte Georg Schmid zu belegen, "warum sich Freikirchen plötzlich öffnen" oder sich "vermehrt liberal geben". Doch die zitierten Leiter und Experten wollen die These des Autors nicht so recht bestätigen.

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"Kein Tabu mehr"

Andreas Boppart räumt ein, dass Themen wie Scheidung oder Homosexualität für Freikirchen kein Tabu mehr seien. Freikirchen hätten erkannt, dass man die gesellschaftlichen Realitäten nicht ignorieren könne. Der Autor erwähnt dazu den Scheidungskurs mit Campus-Mitarbeiter Daniel Hubacher. Leo Bigger, zum Thema Homosexualität befragt, will nichts von einer Öffnung der Freikirchen wissen. Mit Homosexuellen habe das ICF aber kein Problem. Und er weist auf die bekannte Position des ICF hin: "Wir können die Gottesdienstbesucher nicht zwingen, an unsere Werte zu glauben", und fügt an: "Ich bin kein Guru."

Vor einer Anerkennung homosexueller Lebensweise?

Erwähnt wird Eva Kaderli, Co-Präsidentin des Vereins Zwischenraum, die sich für die Anerkennung von homosexuellen Beziehungen in Freikirchen einsetzt. Sie hofft, dass die Freikirchen den Mut haben, die Bibel anders zu lesen. Der Beobachter-Autor zitiert dazu weiter Religionsexperte Georg Otto Schmid, der prophezeit, dass es in 20-30 Jahren normal sein werde, dass verheiratete Homosexuelle einer Freikirche angehören. Darüber sprach Georg Otto Schmid auch bereits vor knapp einem Jahr im Livenet-Talk vom 3. November 2018. Dort forderte der Vertreter von "relinfo", der Evangelischen Informationsstelle Kirchen-Sekten-Religionen, die Freikirchen-Verbände direkt heraus: "Macht einen tapferen Schritt und setzt euch für die Ehe für alle ein!"

Freikirchen-Studie von Jörg Stolz zeigt differenziertes Bild

Der Beobachter-Artikel erwähnt weiter die 2014 erschienene Studie von Jörg Stolz über die Freikirchen: Die klassischen Freikirchen seien weniger dogmatisch und hielten weniger stark an traditionellen Wertvorstellungen fest. Diese hielten an einem "harten Kern" von Überzeugungen fest und übernähmen gleichzeitig gesellschaftliche Entwicklungen. Konkret betont Jörg Stolz dort: "In diesem Doppelspiel von Öffnung und Abschottung, von Anpassung und Ablehnung, von Moderne und Konservativismus findet sich unserer Auffassung nach der Schlüssel zum Rätsel der Widerstandsfähigkeit des evangelisch-freikirchlichen Milieus."

Freikirchenverband sprach Klartext

Wenn es allerdings um die Kernfrage der "Ehe für alle geht", hat der Freikirchenverband in seiner Antwort auf die Vernehmlassung Klartext gesprochen. Er lehnt die vorgeschlagene Gesetzesänderung ab und spricht sich für eine Stärkung von Ehe und Familie aus. Aus der Vernehmlassungsantwort VFG: "Für den VFG ist die Ehe zwischen Mann und Frau die Keimzelle jeglicher Gesellschaft. Im Blick auf das Gesamtgefüge der Gesellschaft beruht das Zusammenleben auf einem funktionierenden "Lebensbund" zwischen Mann und Frau." Manches, was die Ehe regle, gelte auch für eingetragene Partnerschaften. Zwischen Ehe und eingetragener Partnerschaft werde nach dem juristischen Grundsatz differenziert, dass "Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln" sei. "Die Tatsache, dass eine eingetragene Partnerschaft in der jetzigen Form heterosexuellen Paaren ebenso wenig offensteht, entspricht einer wohlbegründeten Differenzierung und nicht einer Diskriminierung", schreibt der VFG. Mit der Schaffung des Partnerschaftsgesetzes hätten gleichgeschlechtliche Paare eine gleichwertige Alternative zur Ehe erhalten.

Fazit zum "Beobachter"-Artikel: Schlagzeilen sind das eine, sie sollen die Aufmerksamkeit des Lesepublikums wecken. Verantwortlich dafür ist in der Regel nicht der Autor des Artikels. Die recherchierte Realität ist dann oft eine andere. Und anders ist es auch, wenn es um eindeutige Fakten und offizielle Stellungnahmen geht. (Autor: Fritz Imhof/Livenet, ergänzt durch die idea-Redaktion)

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