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Sportlerpfarrer Jörg Walcher
30. Dezember 2020

„Glauben kann man wie einen Muskel trainieren“

Jörg Walcher (Bild: Facebook)
Jörg Walcher (Bild: Facebook)

„Die Religion Fussball wird uns nicht erlösen“ – Unter diesem Titel publizierte die Aargauer Zeitung am 24. Dezember ein zweiseitiges Interview mit dem Sportlerseelsorger, der aus seinen Überzeugungen kein Hehl machte und auch auf heikle Fragen eine Antwort hatte.

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Gleich zu Anfang machte Jörg Walcher im Interview mit François Schmid-Bechtel und Simon Häring klar, was ihn auf den Weg zum Sportlerseelsorger gebracht hat: „Mein Vater war Alkoholiker und hatte Depressionen. Meine Mutter musste die ganze Last tragen, bis sie zusammengebrochen ist. Mein Herz wurde richtig hart. Ich war ein Suchender, habe vieles ausprobiert – Esoterik, Yoga, positives Denken, habe den Dalai Lama getroffen. Ich kannte meinen wahren Wert lange Zeit nicht.“

Die Wende

Doch dann geriet er in einen Gottesdienst, der alles änderte: „Ich war 22-jährig und ein ehemaliger Surfer, der Südafrikaner Sean Morris, hat seine Geschichte erzählt. Gleich zu Beginn sagte er, er bete jetzt für alle jungen Menschen. Da habe ich mir gesagt: Jetzt vergesse ich alle komischen Leute um mich herum. ‚Wenn es dich wirklich gibt, lieber Gott, dann zeige dich, hier bin ich.‘ Dann hat mich eine Liebe durchströmt, wie ich sie noch nie zuvor gespürt habe. Ab diesem Moment wusste ich: Mit dieser Liebe ist alles möglich. Und begann, in der Bibel zu lesen.“

Ein Gebet mit Folgen

Er erzählt den Journalisten auch, wie er später seinem Vater, der vom Erstickungstod bedroht war, die Hände auflegte und mit ihm betete. Und wie dieser danach nicht nur Heilung erfuhr, sondern auch von Alkoholsucht und Depressionen befreit wurde. Und wie es zur Ehe mit der gläubigen Turmspringerin Jacqueline Schneider kam, die er erstmals unter dem Goldenen Dachl in Innsbruck traf.

Eine Performance-freie Zone schaffen

Über seinen Dienst an Sportlern an Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und Weltcup--Rennen der Skifahrer, Biathleten, Bobfahrer, Rodler, Leichtathleten, Schwimmer, oder bei der Vierschanzentournee sagt er: „Es geht darum, eine ‚Performance-Free-Zone‘ zu schaffen. Einen Ort, wo die Athleten nicht über ihre Leistung definiert werden, und eine Zeit, in der sie sich selber sein können.“ Oft lese er ihnen auch aus der von ihm herausgegebenen Wintersportbibel vor. Dann könnten die Sportler Dinge, die sie beschäftigen, auf einen Zettel schreiben, diese in ein Feuer werfen und ihre Sorgen damit symbolisch loslassen.

Belastungen ablegen

Er spreche mit den Sportlern dann über Dinge, über die sie mit ihrem Trainer nicht reden könnten. Wenn zum Beispiel der Grossvater stirbt. „Dann ist es wichtig, dass jemand für diese Sportler da ist. Und auch Angst ist ein grosses Thema, zum Beispiel im Skifliegen bei schlechten Windbedingungen. Wir sehen, wie unsere Andachten es Athleten ermöglichen, Druck und Belastungen abzulegen, innere Ruhe zu finden und am nächsten Tag ihr Bestes zu geben.“

Die Bibelstelle für Sportler

Auf die Frage, wie empfänglich Sportler für Glaubensfragen sind, zitiert Walcher den neutestamentlichen Hebräerbrief Kapitel 4, Vers 11: „Der Glaube ist eine Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Er hat die Überzeugung gewonnen: „Sportler sind dem Glauben grundsätzlich schon sehr nah. Wenn sie überzeugt sind von einer Wirklichkeit, die sie erhoffen, und von einem Nichtzweifeln an dem, was sie nicht sehen können.“

Aus Confidence wird Godfidence

Jörg Walcher hat erfahren, dass der Glaube auch zu seinem gesunden Selbstbewusstsein führt, und er zitiert dazu ein englisches Wortspiel: „Aus Confidence, also Selbstbewusstsein, wird dann Godfidence. Das ist der Glaube an deine eigene Stärke. Dann aber auch der Glaube in Gott, der dir diese Stärke und Talente gegeben hat.“ Es gehe dabei nicht um einen Glauben an sich selbst. „Aber der Glaube ist etwas, das man wie einen Muskel trainieren kann.“

Walcher ist klar: „Sportler werden dauernd an ihrer Leistung gemessen – von den Trainern, von den Medien, der Öffentlichkeit.“ Er zeigt ihnen eine andere Dimension auf: „Ich möchte ihnen vermitteln, dass es noch andere Quellen der Kraft und Freude gibt.“

Gespräche mit Dopern

Auf die Versuchung von Sportlern, sich zu dopen, angesprochen, stellt er fest: „Diejenigen, die ein gutes Fundament haben in ihrem Leben – sei es das Elternhaus, oder dann der Glaube – da machst du gewisse Sachen nicht.“ Das bedeutet allerdings nicht, dass er auch Gespräche mit Sportlern führt, denen er dann ans Herz legt, „reinen Tisch zu machen“.

Ersatzreligion Fussball

Beim Thema Fussball wird Walcher zu einer Antwort auf die Frage gedrängt, weshalb einige Fussballer sich auf dem Platz bekreuzigen und dennoch ein wenig überzeugendes Leben führen. Zum Beispiel Diego Maradona: „Was halten Sie davon, wenn Sport zur Religion wird?“ Walcher dazu: «Das ist schlimm. Aber keiner ist ohne Sünde. So schön der Sport ist, so begeisternd ist er. Er ist ein Geschenk Gottes, wenn er aus der richtigen Motivation heraus gelebt wird. Aber die Religion Fussball wird uns nicht von unseren Sünden erlösen.“

Corona und Spitzensport

Und auf die Auswirkungen der Pandemie auf die Spitzensportler befragt, meint er: „Corona ist ein unfairer Gegner. Noch nie waren so viele Menschen mit einer innerlichen Krise konfrontiert wie momentan. Noch nie haben so viele Sportler mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören. Deshalb ist es nun besonders wichtig, für sie da zu sein. Wir brauchen in dieser Zeit ein Licht im und am Ende des Tunnels.“

(Autor: Fritz Imhof; Quelle: Livenet)