Montag • 25. Januar
Hoffnungsbarometer 2021
07. Januar 2021

Lebenszufriedenheit trotz Pandemie

Einkaufshilfe. Bild: Instagram
Einkaufshilfe. Bild: Instagram

St. Gallen (Livenet) - Das Hoffnungsbarometer 2021 mit dem Titel "Wie resilient ist die Bevölkerung in Zeiten von Corona?" basiert auf den Ergebnissen einer schweizweiten Online-Befragung. Diese wurde im November 2020 mit rund 7'000 Teilnehmern durchgeführt. Für die Studie arbeitete die Universität St. Gallen mit Swissfuture, der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung, und Swippa, der Schweizerischen Gesellschaft für Positive Psychologie, zusammen.

ANZEIGE

Florian Wüthrich fragte bei Studienautor Andreas Krafft nach, welche Erkenntnisse aus der Befragung resultierten. Krafft ist akademischer Leiter des Hoffnungsbarometers in der Schweiz und Dozent an der Universität St. Gallen.

Livenet: Andreas Krafft, was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Hoffnungsbarometer 2021?

Andreas Krafft: In Krisenzeiten besinnen sich die Menschen noch stärker darauf, was ihnen besonders wichtig und wertvoll ist. So beziehen sich die wesentlichen Hoffnungen auch in diesem Jahr vor allem auf eine gute Gesundheit, auf eine glückliche Ehe, Familie oder Partnerschaft, auf ein harmonisches Leben, auf gute und vertrauensvolle Beziehungen, auf mehr Autonomie und Selbstbestimmung sowie auf eine sinnerfüllende Aufgabe. Im Vergleich zum vorherigen Jahr haben diese Lebensbereiche sogar an Bedeutung gewonnen, während Dinge wie Geld, Sex und romantische Beziehungen oder sogar Erfolg an Wichtigkeit verloren haben. Lediglich zwei Bereiche haben im Laufe von 2020 an Stellung gewonnen: In wirtschaftlich unsicheren Zeiten hoffen viele Menschen auf den Fortbestand und die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes. Zudem rückt der Wunsch auf Hilfsbereitschaft anderen Menschen gegenüber vermehrt ins Bewusstsein.

Am Forum Christlicher Führungskräfte Mitte September in Winterthur sagten Sie, dass Sie keine starke Veränderung des Hoffnungsbarometers aufgrund der Corona-Pandemie erwarten. Lagen Sie mit dieser Einschätzung richtig?

Ja, es mag erstaunlich klingen, aber sowohl die Lebenszufriedenheit als auch das persönliche Wohlbefinden sind Ende 2020 auf ähnlichem Niveau wie in 2019. Und die Hoffnung hat von einem Jahr zum anderen sogar signifikant zugenommen. Lediglich das soziale Wohlbefinden hat unter den Geschehnissen in 2020 gelitten. So unglaublich diese Ergebnisse klingen mögen, sie sind in der Natur des Menschen begründet. Die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben ist eben nicht nur ein Ausdruck dafür, dass wir ein besonders leichtes oder angenehmes Leben haben. Mit unserem Leben sind wir auch dann zufrieden, wenn wir zurückschauend erkennen, dass wir die Aufgaben und Herausforderungen im Alltag gut gemeistert haben. In solchen Fällen sind wir gerade in widrigen Umständen besonders zufrieden, weil wir etwas Beachtliches geschafft haben.
Mit der Hoffnung verhält es sich ähnlich. Hoffnung ist eine Haltung und ein Gefühl, welche besonders in der Not oder in schwierigen Situationen von Bedeutung sind. Während einer Rezession hofft man auf wirtschaftliches Wachstum und während eines Krieges hofft man auf Frieden. So wurde vielen Menschen gerade in der aktuellen Lage der Wert der Hoffnung bewusst. In Krisenzeiten bewährt sich die Hoffnung gegen Ängste, Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit. 

Sie schreiben in der Studie, dass die Nächstenhilfe an Bedeutung gewonnen hat. Kann man daraus auch schliessen, dass das Bewusstsein für die Mitmenschen oder sogar die Nächstenliebe gewachsen ist?

Die Studie bestätigt nur das, was wir während der letzten Monate sehr häufig im Alltag erlebt haben. Viele Familien und Freunde sind in der Not noch enger zusammengerückt. Aber auch mit Nachbarn oder im Quartier sind Menschen untereinander fürsorglicher geworden. Wir konnten auch eine starke Solidarität beobachten, mit älteren Menschen, mit dem Pflegepersonal aber auch mit Personen, die von der Krise besonders hart getroffen wurden. Viele Hilfswerke sind aktiv geworden und haben Spenden für Notleidende gesammelt.
In einer Krise werden die wahren Werte einer Gesellschaft sichtbar. Die grundsätzliche Frage ist, ob in solchen Situationen die Angst oder die Hoffnung die Oberhand gewinnt. Wenn die Angst stärker ist als die Zuversicht, dann schliessen sich die Menschen und schauen nur für sich. Die Folgen davon sind Egoismus und Rücksichtslosigkeit. Die Hoffnung dagegen ist in ihren Grundzügen von sozialer Natur. Nicht umsonst sagt der Apostel Paulus, dass Hoffnung und Liebe zusammengehören. Dort wo Hoffnung herrscht, öffnen sich die Menschen, schauen aufeinander und helfen sich gegenseitig. In der aktuellen Krise haben wir wieder zu spüren bekommen, wie verletzlich wir als Einzelne sind und wie wichtig es ist, Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Überraschend ist vielleicht, dass die Hoffnung auf Geld im Vergleich zum letztjährigen Barometer gesunken ist. Wie lässt sich das gerade in so unsicheren Zeiten erklären?

Wir leben in einer wohlhabenden Gesellschaft und die aktuelle Krise hat bisher nicht viel daran geändert. Die meisten Menschen wurden finanziell nicht oder nicht allzu stark von den Massnahmen wie dem Lockdown getroffen. Dies ist selbstverständlich auch den Zuwendungen des Bundes in Form von Kurzarbeit und anderen Ausgleichszahlungen zu verdanken. Natürlich gibt es Personen, die grosse Einbussen in ihren Einnahmen hatten oder sogar ihr Geschäft oder ihre Stelle verloren haben. Diese benötigen die Zuwendung des Staates, um wieder auf die Beine zu kommen. Aber die grosse Mehrheit konnte ihren Job behalten. Dies zeigt, wie resilient unsere Gesellschaft ist. Zudem wurde uns durch die Pandemie eindrücklich vor Augen geführt, wie wichtig die Gesundheit und gute sozialen Beziehungen sind, die man eben nicht einfach mit Geld kaufen kann.

Was die gesamtgesellschaftliche Entwicklung betrifft, sind die Menschen eher pessimistisch. Sie erklären dies in der Studie mit den vielen schlechten Nachrichten und Verschwörungstheorien, welche kursierten. Haben Sie Hoffnung, dass diese Dynamik, die ja oft auch mit einem "Klima der Angst" einhergeht, im 2021 gebrochen werden könnte?

Die Geschehnisse im Jahr 2020 haben die Empfindung der Menschen noch weiter zugespitzt, die Welt würde langsam aber sicher aus den Fugen geraten. Die aktuelle Pandemie hat die ganze Welt und nahezu alle Menschen getroffen und gezeigt, wie verletzlich und teilweise auch wie rat- und machtlos wir sind. Auch wenn die Pandemie hoffentlich bald eingedämmt werden kann und sich damit ein Gefühl der Erleichterung breit macht, wird dies nicht viel an der allgemeinen Weltlage verändern. Vielleicht sogar im Gegenteil.
Die armen Länder werden die Folgen der Krise noch viel stärker und länger spüren als die reichen Gesellschaften, was das Ungleichgewicht verschärfen wird. Es wird in Zukunft viele neue Möglichkeiten, aber auch neue Krisenquellen geben. Wir müssen lernen, wie wir in Zukunft mit potenziellen neuen Krisen umgehen und als Gesellschaft nachhaltiger, robuster und damit krisenresistenter werden. Eine wichtige Erkenntnis aus der jetzigen Krise müsste sein, dass die Welt ökologischer und sozialer werden muss, wenn sie weitere Krisen in Zukunft vermeiden möchte.

Laut einer deutschen Studie denken auch deutlich mehr Menschen über den Sinn des Lebens nach. Stützen die Ergebnisse des Hoffnungsbarometers diese Aussage?

Eine sinnerfüllende Aufgabe im Leben gehört nach wie vor zu den prominentesten Hoffnungen der Menschen. Einige Personen haben sich im Laufe des vergangenen Jahres sicherlich vermehrt darüber Gedanken gemacht. Kürzlich wurde ich mit der Erfahrung konfrontiert, dass gerade in 2020 mehrere Menschen etwas ganz neues im Leben gewagt, sich beispielsweise selbständig gemacht oder den Job gewechselt haben. Das Wort "Krise" kommt vom Griechischen und bedeutet so viel wie Zuspitzung oder entscheidende Wende. Krisen sind von Natur aus mit einer fundamentalen Unsicherheit und einem Vertrauensverlust in die bisherigen Annahmen, Selbstverständlichkeiten, Praktiken sowie gängigen Konventionen verbunden. Jede persönliche Krise ist mit einer gewissen Orientierungslosigkeit verbunden und löst im Menschen das Bedürfnis nach einer festen Grundlage aus. In einer existenziell schwierigen Situation gibt der Lebenssinn ein solches Fundament.

Andreas Krafft, Sie waren ja im letzten Jahr auch ab und zu in den Livenet-Talks dabei und versprühten dort auch immer eine Zuversicht, dass gerade auch der Glaube an Wichtigkeit gewinnen könnte. Steigt das Interesse an Spiritualität tatsächlich?

Aufgrund unserer Forschungsergebnisse muss ich sagen, dass ein solcher Trend nicht festgestellt werden kann. Eher findet eine noch stärkere Polarisierung statt. Menschen, die bereits offen für spirituelle oder religiöse Themen sind, haben sich in 2020 noch stärker damit befasst.
Etwa 15 Prozent unserer Befragten haben in 2020 Halt im Glauben gefunden, d.h. haben gebetet oder auf Gott vertraut. Auf die Frage hin, ob es in Folge der Pandemie-Krise zu einer Zunahme oder Abnahme im Glauben gekommen ist, sagten knapp 70 Prozent, dass ihr Glaube an und ihr Vertrauen in Gott weder gestiegen noch zurückgegangen sind. Für ca. 15 Prozent haben Glaube und Vertrauen zugenommen und für weitere 15 Prozent haben diese abgenommen. Was eindeutig festgestellt werden kann ist der positive Zusammenhang zwischen Religiosität und Hoffnung. Menschen, die regelmässig beten, sich aktiv in der Kirche engagieren und im Glauben einen Lebenssinn erkennen und ihr Leben danach ausrichten, sind (unabhängig vom Alter) hoffnungsvoller als Menschen, die das alles nicht tun. 

Zum Schluss noch diese Frage: Warum macht es für Sie Sinn, die Hoffnungen der Menschen zu erforschen? Was ist Ihr Antrieb bei dieser Arbeit?

Hoffnung ist ein zentrales menschliches Phänomen, das in unserer Gesellschaft noch nicht ausreichend verstanden wird. Erst in der Krise wurden die Bedeutung und der Wert der Hoffnung so richtig bewusst. Wenn wir unsere ganz persönliche sowie unsere gemeinsame Zukunft proaktiv und positiv gestalten möchten, dann ist Hoffnung eine wesentliche Voraussetzung dafür. Ein gutes und erfülltes Leben ist ohne Hoffnung überhaupt nicht denkbar. Ich möchte die wissenschaftlichen Grundlagen für ein besseres Verständnis von Hoffnung bereitstellen und darüber hinaus konkrete Initiativen wie beispielsweise die Hoffnungswerkstatt in Schulen und Unternehmen durchführen. Einige Projekte sind diesbezüglich bereits in der Umsetzung. So möchte ich einen Beitrag leisten, damit  Menschen und vor allem Jugendliche für sich selbst und für die Gesellschaft als Ganzes hoffnungsvoll in die Zukunft schauen und eine Gemeinschaft der Hoffnung bilden können. (Interview: Florian Wüthrich/LIvenet)