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Symposium
01. Juli 2018

Islamwissenschaftlerin: Das Gespräch mit liberalen Muslimen suchen

Die Mehrheit der weltweit rund 1,7 Milliarden Muslime sei nicht an einem politischen Islam interessiert, so die Islamwissenschaftlerin Prof. Christine Schirrmacher (links). Foto: idea/ Klaus Rösler
Die Mehrheit der weltweit rund 1,7 Milliarden Muslime sei nicht an einem politischen Islam interessiert, so die Islamwissenschaftlerin Prof. Christine Schirrmacher (links). Foto: idea/ Klaus Rösler

Gießen (idea) – Die Islamdebatte in Deutschland darf nicht auf die Angst vor dem islamischen Terrorismus reduziert werden. Das forderten Redner bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Der Islam als gesellschaftliche Herausforderung“ am 30. Juni in Gießen. Laut der Islamwissenschaftlerin Prof. Christine Schirrmacher (Bonn) ist die Mehrheit der weltweit rund 1,7 Milliarden Muslime nicht an einem politischen Islam interessiert. Allerdings gewinne er immer mehr an Boden, etwa im Iran, in der Türkei und in den Golfstaaten. Er mache sich die Argumente des Propheten Mohammed zu eigen, wonach Glaube und Politik nicht getrennt werden dürften. Diese Sicht sei im 20. Jahrhundert wiederbelebt worden. Schirrmacher regte an, verstärkt auch das Gespräch mit progressiven und liberalen Muslimen zu suchen, die für eine Trennung von Glauben und Politik eintreten. Sie bedauerte, dass deren Überzeugungen in der gesellschaftlichen Debatte weithin ausgeblendet würden. Viele meinten zudem, dass liberale Muslime nicht für „den wahren Islam“ stünden. Damit übernehme man aber die Position des politischen Islams: „Wir dürfen die Auseinandersetzung nicht auf Schlagworte reduzieren. Es gibt keine einfachen Antworten.“

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Islamwissenschaftler: Das Böse nicht ausblenden

Der Islam-Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), Friedmann Eißler (Berlin), warnte in der Diskussionsrunde davor, den westlich geprägten Religionsbegriff auf den Islam zu übertragen. Man gehe davon aus, dass alle Religionen dem Frieden und der Mitmenschlichkeit dienten. Doch das führe im Blick auf den Islam zu Fehleinschätzungen. Probleme dürften nicht verharmlost werden. Der Islamwissenschaftler Carsten Polanz (Gießen) kritisierte, dass in Diskussionsrunden im Fernsehen der Islam allein unter sicherheitspolitischen Aspekten behandelt werde. Dabei werde der Glauben außer Acht gelassen. Ferner bedauerte Polanz, dass Muslime mit Interesse an Gesprächen über den Glauben immer weniger auf sprachfähige und -willige Christen träfen. Die Podiumsdiskussion war Teil des Symposiums „Islam – Kirche – Mission“ anlässlich des 80. Geburtstags von Pfarrer Eberhard Troeger (Wiehl bei Gummersbach), einem der führenden Islam- und Nahostexperten in Deutschland.

Ex-Muslime schließen sich zu einer neuen Bewegung zusammen

In einer Videoeinspielung erläuterte der Leiter des Europäischen Instituts für Migration, Integration und Islamthemen (Korntal bei Stuttgart), Yassir Eric, dass sich weltweit immer mehr ehemalige Muslime, die Christen geworden sind, zu einem Netzwerk zusammenschlössen. Sie wollten sich nicht den bestehenden Konfessionen anschließen. Sie seien der Überzeugung, dass sie so besser evangelistisch unter Muslimen wirken könnten. Nach Einschätzung des stellvertretenden Generalsekretärs der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher (Bonn), hat dieses Netzwerk inzwischen rund 1,7 Millionen Mitglieder. Er schätzt die Gesamtzahl der zum Christentum konvertierten Ex-Muslime auf bis zu vier Millionen. Troeger sagte in seinem Schlusswort, dass zurzeit so viele Muslime und Juden Christen würden wie nie zuvor: „Das ist ein Phänomen.“ Dass sich viele in eigenen Netzwerken und Kirchen treffen, beobachte er auch mit einem weinenden Auge. Ziel muss es ihm zufolge sein, dass alle Nachfolger Jesu in einer Kirche zusammenkommen. Troeger leitete von 1975 bis 1998 die Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten (EMO) mit Sitz in Wiesbaden. Davor hatte er neun Jahre Auslandserfahrungen im Missionsdienst in Ägypten gesammelt. Bis zum Eintritt in den Ruhestand 2003 engagierte er sich bei der EMO im Reise-, Vortrags- und Lehrdienst. Zu den Organisatoren des Symposiums gehörten die Freie Theologische Hochschule Gießen, die EMO sowie das Evangelische Forum für Mission, Kultur und Religion (Missiotop/Gießen), das Institut für Islamfragen der Evangelischen Allianz in Deutschland, Österreich und der Schweiz (Bonn) sowie das Internationale Institut für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz.

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