Samstag • 7. Dezember
Konferenz zu einem Tabuthema
25. November 2019

Es braucht mehr Prävention in Sachen Pornografie

Psychologin Tabea Freitag:
Psychologin Tabea Freitag: "Warum wird Pornografie nicht ernster genommen?" Foto: Martin Schlorke

Aarau (idea/Livenet) - Die Zahlen, welche Tabea Freitag, Psychologin aus Hannover, am 23. November 2019 an einer Fachtagung über Pornografie in Aarau präsentierte, liessen die 300 Teilnehmenden aufhorchen. Der Konsum pornografischer Inhalte sei keineswegs nur ein Problem von Teenagern oder Erwachsenen, erklärte Freitag. Sie habe es zunehmen mit Betroffenen zu tun, die acht, neun oder zehn Jahre alt seien. Mittlerweile würden mindestens 50 Prozent aller 11- bis 13-jährigen pornografische Filme schauen. Diese Entwicklung fördere sexuellen Missbrauch, meinte Psychologin Freitag. Kinder bekämen ein gestörtes Bild von Sexualität und wollten das Gesehene nachspielen.

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Pornosucht wird verharmlost

Es sei ein Problem, dass Pornosucht in der Gesellschaft nicht ernst genommen werde, stellte Tabea Freitag fest. Denn Pornografie sei ein gesellschaftlicher Flächenbrand, der grossen Schaden anrichte. Man lasse Kinder mit dem Feuer spielen. Jegliche Grenzen würden überschritten. Dabei müsse der Sexualität ein Rahmen gegeben werden. 

"Staat bricht eigene Gesetze"

Entsetzt zeigte sich Freitag über die deutsche Politik, die den Stimmen führender Sexualpädagogen folge. Gebetsmühlenartig werde behauptet, Pornos seien "harmlos" oder sogar "nützlich" und Minderjährige könnten "kompetent" damit umgehen. Der Staat breche sogar seine eigenen Gesetze, erklärte Referentin. Denn an sich sei in Deutschland das Zugänglichmachen von Pornografie an unter 18-Jährige strafbar (Schweiz: bis 16 Jahre). Solange der Staat dagegen nichts unternehme, erfülle er seine eigenen Gesetze nicht. Weiter warf sie Vertretern der "Digitalisierung first"-Politik und der "Ethik einer pluralistischen Beliebigkeit" vor, den Schutz vor verstörenden, traumatisierenden Inhalten "den kleinen Schultern von Kindern" aufzuerlegen. Sie forderte die Gesellschaft auf, nicht mehr kollektiv wegzuschauen. Vielmehr müsse die Devise lauten: "Das Wohl der Kinder first, Digitalisierung second". Es gehöre nicht zur gesunden Entwicklung von Kindern, sich vorzeitig und allein mit Sexualität durch Pornografie auseinanderzusetzen.

Prävention an Schulen

In ihrer Arbeit mit der Fachstelle Mediensucht "return" in Hannover bieten Tabea Freitag und ihre Kollegen nicht nur Hilfe für Betroffene an, sondern führen mit ihrem Präventionsprogramm "Fit for Love?" auch Schulstunden und diverse Präventionsprojekte mit Jugendlichen durch. Dabei gehe es vor allem auch um die Vermittlung eines ganzheitlichen Verständnisses von Sexualität. "Viele Mädchen schauen beispielsweise Pornos, um herauszufinden, was von ihnen erwartet wird - unabhängig von ihren eigenen Wünschen. Die Erwartungen der Jungs werden im Umkehrschluss ebenfalls von vornehmlich harter und gewaltsamer Pornografie gefüttert." Die Auswirkungen dieses Selbststudiums seien fatal, denn Sex sei viel mehr als nur ein körperlicher Trieb. Sexueller Missbrauch zerstöre das Gefühl für die eigene Würde, für die Grenzen und die Sicherheit der Opfer. Psychologin Freitag beklagte, dass an Schulen so wenig Zeit für Mediensuchtprävention eingeplant werde. Gerade das Thema der Pornografie sollte viel mehr Platz in Schulen und Kirchen finden, betonte sie.

Initiative "Porno-frei"

Neben diversen Fachvorträgen bot die Tagung in Aarau Raum für Wahlseminare und Erfahrungsaustausch. Die Initiative Porno-frei.ch ist ein Kooperationsprojekt verschiedener Organisationen im deutschsprachigen Raum. Ziel ist es, Menschen in eine Beziehungssexualität zu führen. Sie richtet sich an Pornokonsumenten sowie deren Angehörige, Pastoren und Seelsorger. (Autor: Martin Schlorke, Livenet)