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Deichmann
09. April 2018

„Dann können die Menschen in die Kirche gehen“

Der Chef von Europas größter Schuhhandelskette, Heinrich Deichmann. Foto: Deichmann
Der Chef von Europas größter Schuhhandelskette, Heinrich Deichmann. Foto: Deichmann

Essen (idea) – Der Chef von Europas größter Schuhhandelskette, Heinrich Deichmann (Essen), hält nichts davon, Läden verstärkt an Sonntagen zu öffnen, um gegen Internethändler wie Amazon bestehen zu können. „Das würde wirtschaftlich wenig bringen. Die Kunden kaufen ja nicht mehr ein, nur weil Sonntag ist, sondern sie verschieben ihre Einkäufe“, sagte er der Zeitschrift „Wirtschaftswoche“ (Düsseldorf). Unabhängig davon sei es gut, einen Tag in der Woche zu haben, an dem die Arbeit ruht. „Wenn das der Sonntag ist, umso besser. Dann können die Menschen in die Kirche gehen“, sagte der Unternehmer, der Mitglied einer Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) ist. Sein Unternehmen verkaufte im vergangenen Jahr 176,6 Millionen Paar Schuhe und machte in den knapp 4.000 Filialen mit rund 40.000 Mitarbeitern in 26 Ländern 5,8 Milliarden Euro Umsatz. Sein christlicher Glaube bestimme auch sein unternehmerisches Handeln, so Deichmann. Er verwies auf ein Grundprinzip: „Das Unternehmen muss den Menschen dienen.“ Für ihn heiße das, „dass es jenseits von Umsatz und Gewinn einen tieferen Sinn gibt, dem wir folgen“. Kunden und Mitarbeiter sollten von Deichmann profitieren, wie auch Menschen in Not.

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Kontroverse um die Essener Tafel: „Wir müssen uns alle noch mehr anstrengen“

Deshalb engagiere sich seine Firma in der Flüchtlingshilfe. Man habe „sehr früh zusätzliche Ausbildungsstellen und Praktikumsplätze für Flüchtlinge geschaffen“. In einem speziellen Projekt betreue man 50 Flüchtlinge intensiv, um ihnen zu helfen, sich kulturell und sozial in Deutschland einzufügen. Deichmann ging auch auf die Kontroverse um die Essener Tafel ein. Deren Vorstand hatte Ende Februar entschieden, vorübergehend keine Migranten mehr aufzunehmen, nachdem deren Anteil unter den 6.000 Kunden von 25 Prozent im Jahr 2015 auf heute 75 Prozent gestiegen war. Inzwischen wurde dieser Beschluss aufgehoben. Dazu Deichmann: „Das Ganze wirkt auf mich eher wie ein Hilferuf.“ Es dürfe nicht darum gehen, eine Gruppe gegen eine andere auszuspielen: „Man sollte sehen, dass überhaupt möglichst wenige Menschen diese Hilfeleistungen brauchen.“ Der Unternehmer: „Da müssen wir uns alle noch mehr anstrengen.“

In der Familie zur Sparsamkeit erzogen

Kritisch äußerte sich Deichmann zu Veröffentlichungen, nach denen er zu den reichsten Unternehmern Deutschlands gehöre: „Diese Listen suggerieren, dass die Beträge, die dort genannt werden, zur freien Verfügung stehen. Das ist Unsinn: Mein Vermögen steckt in der Firma.“ Ein Teil der Gewinne fließe als Spende an die Deichmann-Sozialstiftungen oder andere wohltätige Organisationen. Alles andere bleibe im Unternehmen. Das habe den Vorteil, dass man trotz des Firmenwachstums nicht auf Banken angewiesen sei. Deichmann wurde nach eigenen Angaben in seiner Familie zur Sparsamkeit erzogen worden. Er gönne sich aber im Urlaub einen privaten Bergführer beim Skifahren oder Klettern und hin und wieder ein Kunstobjekt. Wie die „Wirtschaftswoche“ berichtet, steht in seinem Büro eine Plastik des Bildhauers Ernst Barlach (1870–1938). Sie heiße „Die lesenden Mönche“ und zeige zwei Männer, die in eine Bibel vertieft sind.

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