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"Vikar von Bagdad"
12. Januar 2018

Andrew White: "Wird ein Teil verfolgt, trifft das alle!"

Feinden ermöglichen, zu Freunden zu werden: Andrew White an der Explo. Foto: Explo/Schneider
Feinden ermöglichen, zu Freunden zu werden: Andrew White an der Explo. Foto: Explo/Schneider

Luzern (idea/Livenet) - Auf eine Begegnung mit einem Mann wie Andrew White kann man sich eigentlich nicht vorbereiten. Als westlicher Christ, der von den Gräueln des IS nur aus sicherer Distanz gehört und gelesen hat und der kaum je aufgrund seines Glaubens Nachteile - geschweige denn Verfolgung - erfahren hat, fragt man sich, wie es wohl sein wird, diesem "Pfarrer von Bagdad" zu begegnen.

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Schwer erkrankt

Aufgrund seiner MS-Erkrankung ist White heute im Rollstuhl. Wenn er spricht, wirkt er etwas apathisch, was ebenfalls auf die Multiple Sklerose zurückzuführen ist. In seiner Gegenwart fühlt man sich aber nicht etwa klein und unwichtig, weil man ein sicheres Leben als Christ in einem der sichersten Länder der Welt führt; man fühlt sich ernstgenommen und geliebt. Ein paar Tage zuvor lag Andrew White nach einem MS-Schub auf der Intensivstation und wusste nicht, ob er den Jahreswechsel noch erleben würde.

"Vergesst nicht zu teilen!"

"Ihr Christen in der Schweiz habt so viel. Vergesst deshalb nie, mit denen zu teilen, die in Not sind! Wir sind eine Familie. Wenn ein Teil verfolgt wird, betrifft das alle", sagt er eindringlich. In gewisser Weise fehle den Christen im Westen etwas Wichtiges. White sagt zugespitzt: "Euch fehlt die Verfolgung. Deshalb ist es für euch schwieriger, nah bei Jesus zu bleiben." Für verfolgte Menschen sei es ganz klar, dass sie ganz nah am Messias dranbleiben müssen. "Jesus ist in Zeiten grausamer Verfolgung und Gewalt für viele das einzige, was sie noch haben!"

Unter Druck fallen die konfessionellen Grenzen

Im Irak hat der "Pfarrer von Bagdad" unmittelbar erlebt, was Verfolgung mit den Menschen macht. Im Bezug auf die christliche Gemeinschaft sei ihm aufgefallen, wie sämtliche konfessionellen Grenzen wegfielen, als die schreckliche Herrschaft des IS begann. "Die Christen waren zuvor aufgeteilt in ganz viele Richtungen." Es habe Chaldäisch-Katholische, Syrisch-Orthodoxe, Armenisch-Katholische, usw. gegeben. Doch als die Verfolgung anfing, seien alle diese Geschmacksrichtungen weggefallen. "Plötzlich waren alle nur noch messianisch und bezeichneten sich ganz einfach als Nachfolger Jesu!" Wir sollten nicht an "unseren Denominationen festkleben und ihre Unterschiede betonen", sagt White. Wir sollten es so tun, wie es die verfolgte Kirche tut - "vereint als Kinder des Messias leben". White: "Wir alle sollten dem einen Gesalbten Gottes folgen. Wir sollten die lieben, welche die Welt nicht liebt. Wir sollten uns zu denen stellen, welche ausgegrenzt und ihrer Sicherheit beraubt wurden. Wir sind berufen, die Menschen, welche kein Land mehr haben, ins verheissene Land mitzunehmen, wo auch immer dieses ist."

Jesus begegnet Menschen im Traum

Und Jesus stellt sich auch immer wieder zu seinen Nachfolgern, wie White am Beispiel einiger konvertierter Terroristen berichtet. "Ich weiss von 58 Männern, die aufgrund eines Traums zum christlichen Glauben konvertiert sind. Sie alle gaben Zeugnis von einem 'Mann in Weiss', der ihnen begegnet sei." Solche spektakulären Gotteserfahrungen geschehen laut Andrew White immer wieder im Nahen Osten - "sie geschehen sicher nicht tausendfach, aber doch in beachtlicher Zahl."

Die einmalige Chance der Schweiz - Frieden stiften

Einheit ist eines der grossen Herzensanliegen von Reverend White. Das andere, wohl noch stärkere, ist das des Friedensstiftens. Wie ein roter Faden zieht sich sein Herzensanliegen des Friedensstiftens durch alles, was er sagt, hindurch. Sein Referat an der Explo 17 beginnt er mit einem Satz aus der Bergpredigt, Matthäus 5,9: "Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heissen." Wir alle seien berufen, Frieden zu stiften. Friedenstiften hänge mit dem Reich Gottes zusammen, so White. Und es sei auch politisch. "Ihr Schweizer habt als neutrales Land eine einmalige Gelegenheit, international Frieden zu stiften. Nutzt diese Chance, die Gott euch gegeben hat!"

"Wer ist mein Feind? - Die Person, deren Geschichte ich nicht kenne!"

Er selbst könnte wohl Hunderte Geschichten erzählen, wie er im Nahen Osten als Friedensstifter zu wirken versuchte. Einmal habe ihm Gott aufs Herz gelegt, irakische Ajatollahs (hohe Amtsträger im Islam) mit israelischen Rabbis (hohe jüdische Amtsträger) zusammenzubringen. "Aber wie, Gott?", habe er gefragt. Er habe viel gebetet und mit den religiösen Führern gesprochen. Dann habe er die Ajatollahs und Rabbiner zu einem Treffen in ein Hotel eingeladen. "Drei Tage sind alle dort zusammen gewesen und haben einander ihre Geschichte erzählt", berichtet Andrew White. Am Ende sei ein Ajatollah auf ihn zugekommen und habe gesagt: "Ich kenne jetzt deine Geschichte und ich liebe dich!" Alle diese Erlebnisse führten White zur Überzeugung, dass es tatsächlich möglich ist, seine Feinde zu lieben. "Wer ist mein Feind? Es ist die Person, deren Geschichte ich noch nicht kenne!" Die Essenz von Versöhnung sei es, Feinden zu ermöglichen, Freunde zu werden. Genau dort finde man auch Hoffnung: Da, wo Feinde Freunde werden und wo sie erkennen, dass sie nur dann vorwärts kommen, wenn sie lernen, den anderen zu lieben. Es gehe darum, die Geschichte des anderen zu hören, die Waffen niederzulegen und stattdessen die Hoffnung zu ergreifen. (Autor: Florian Wüthrich)

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