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Glaube

Zurück zu den jüdischen Wurzeln?

11.01.2022

Stefan Schweyer (oben) und Gregor Emmenegger: Praktischer Theologe und der Kirchengeschichtler im Gespräch. Fotos: shutterstock/ryan carter; IDEA/rh
Stefan Schweyer (oben) und Gregor Emmenegger: Praktischer Theologe und der Kirchengeschichtler im Gespräch. Fotos: shutterstock/ryan carter; IDEA/rh

(IDEA/dg) - Über die alte Kirche wird oft gesagt, sie habe sich von der griechischen, hellenistischen Philosophie und Kultur überfremden lassen. Die Professoren Gregor Emmenegger und Stefan Schweyer teilen diese These nicht. Wenn heute unter Christen für ein Zurück zu den jüdischen Wurzeln plädiert werde, müsse man sich fragen, um welche Wurzeln es gehe. „Das Judentum von heute darf nicht mit dem Judentum aus der Zeit von Jesus verwechselt werden“, betont Emmenegger. Nach der Zerstörung des jüdischen Tempels im Jahr 70 nach Christus hätten von den jüdischen Gruppierungen nur die Pharisäer überlebt. Ein rabbinisches Judentum sei entstanden, das besonderen Wert auf die Einhaltung des Gesetzes lege. Dies habe Jesus in gewisser Weise bereits kritisiert. Emmenegger mahnt zur Unterscheidung: „Ich darf nicht das heutige Judentum mit einer christlichen Brille lesen und ein christianisiertes Judentum rekonstruieren, das mit dem heute existierenden Judentum nichts zu tun hat.“ Und Stefan Schweyer erklärt: „Als nicht­jüdischer Christ zu meinen, man komme zu einem tieferen geistlichen Leben, indem man stärker jüdisch werde, wird bereits im Neuen Testament kritisch betrachtet.“ Im Neuen Testament sei klar, dass Nichtjuden nicht Juden werden oder nach jüdischen Regeln leben mussten, um Christen zu sein. Gleichzeitig habe man ein volles Ja gehabt für Menschen, die aus dem Judentum kamen und Jesus als Messias anerkannten. Dass Jesus Jude war und dass sich Christen nicht vom Alten Testament abschneiden dürfen, halten Emmenegger wie Schweyer für wichtig. Jüdische Wurzeln seien zu ehren und antisemitische Tendenzen konsequent abzulehnen.

Wurden Christen hellenisiert?

„Bis heute gilt, dass niemand vom Evangelium ausgeschlossen ist, weil er in einer gewissen Kultur oder Philosophie lebt“, erklärt Stefan Schweyer. Die alte Kirche habe dies sehr klar erkannt und keine Angst vor der sie umgebenden Kultur gehabt, sondern sich darauf eingelassen. „Wir wären überheblich, zu denken, die alten Kirchenväter hätten sich naiv auf die griechische Philosophie eingelassen. Das waren intelligente Personen, die mit der Bibel in der Hand weise überlegten, wo Verbindungspunkte zur griechischen Philosophie bestehen und wo sie durch das Evangelium aufgesprengt wird“, betont er und sieht dies eher als guten Anschauungsunterricht von Kontextualisierung und nicht als Überfremdung. Das Evangelium von Jesus könne sich auf jede Kultur einlassen, werde aber auch jede Kultur verändern.

Das Evangelium in allen Epochen verständlich machen

Gregor Emmenegger weist darauf hin, dass das Judentum im ersten Jahrhundert ebenfalls eine Hellenisierung erlebte, was bei jüdischen Autoren wie Philo und Josephus sichtbar sei. Frühe Christen hätten sich stark an diesen beiden orientiert. Ein Hauptgrund für die explosions­artige Ausbreitung des Christentums sieht Emmenegger darin, dass viele christliche Wahrheiten in der damaligen Philosophie, die von Platon und Aristoteles geprägt war, auch schon angelegt gewesen seien: Zum Beispiel, dass es nur einen einzigen höchsten Gott gibt, dessen Liebe das Grundprinzip bildet von allem, was existiert. Darauf konnten die Christen bauen, wenn sie das Evangelium verkündeten. Dies im Gegensatz zur heutigen, von Nietzsche und Darwin geprägten Philosophie, wo Gott gar nicht mehr vorkomme. „Das erschwert es Christen, das Evangelium zu verkünden, weil es heute weniger philosophische Anknüpfungspunkte gibt“, ist der Patristiker Emmenegger überzeugt. Christen müssten in allen Epochen das Evangelium neu verständlich machen.

Unter dem Titel „Alte Kirche topaktuell?“ finden Sie im Wochenmagazin IDEA 02.2022 ein ausführliches Gespräch mit Stefan Schweyer und Gregor Emmenegger über frühe Christen und was man von ihnen lernen kann. Stefan Schweyer ist Professor für Praktische Theologie an der STH Basel. Gregor Emmenegger ist Lehr- und Forschungsrat für Patristik und Dogmengeschichte an der Universität Freiburg.

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