- ANZEIGE -
E-Paper Abo Anmelden
Ressorts
icon-logo

Kolumne

Vor einem grauen Haupt …

27.05.2024

… sollst du aufstehen. Das 19. Kapitel des 3. Mosebuches erinnert uns daran, Älteren Ehre und Respekt zu erweisen.

An einem Morgen auf einem schon munter be­lebten Platz in einer Kleinstadt in der Nähe. Ein alter Mann versucht, ein Busticket zu lösen. Eine Steele mit zwei Bildschirmen, einem grossen und einem kleinen, ist an dieser Haltestelle eigens dafür aufgestellt. Tasten hat sie keine, der obere, grössere Bildschirm wird über Berührungen bedient, der untere, kleinere ist dazu da, Zahlungsmittel zu lesen. Idealerweise ist das Zahlungsmittel eine Karte, die am Schalter der lokalen Verkehrsbetriebe erworben und aufgeladen werden kann. Oder aber eine Kreditkarte. Eine solche hat der alte Mann offenbar nicht, und die empfohlene Bezahlkarte hat er auch nicht. Dazu, das zu bedauern oder zu beklagen, kommt er aber nicht, denn sein Zeigefinger hat sich längst verirrt auf dem oberen Bildschirm, wo er die Zonen, die er zu befahren beabsichtigt, und die Gültigkeitsdauer seiner Fahrerlaubnis eingeben sollte. Auch das ist nicht mehr seine Welt. Er will doch einfach an den Eichenweg, an die Haltestelle dort.

Der alte Mann steht vor den beiden Bildschirmen, ratlos, mit hängenden Schultern, hilflos vor so viel intuitiver Elektronik, die nicht seine Intuition ist. Nein, er ist nicht überfordert, er kommt in diesem Spiel einfach nicht vor. Wie gäbig war doch die Mehrfahrtenkarte, die man im Bus entwerten konnte.

Technik ist etwas Wunderbares, und viele Lebens­bereiche erfahren durch sie eine echte Erleichterung. Wo aber Menschen – gerade alte – dadurch ausgeschlossen, abgeschnitten werden, stimmt etwas nicht mehr. Technik ist für uns Menschen da – und nicht wir, um der Technik zu genügen.

Es war ein Schüler, der dem alten Mann mit den richtigen Touches und mit seiner Zahlkarte zu einer Fahrerlaubnis verhalf. Und gleich mit ihm in den Bus stieg. Der aufgestanden ist vor dem grauen Haupt …

Christoph Zingg ist Pfarrer, Geschäftsführer der Stiftung „Tür auf – Mo Vinavon“ und Projektleiter der Mbara Ozioma Foundation.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

IDEA liefert Ihnen aktuelle Informationen und Meinungen aus der christlichen Welt. Mit einer Spende unterstützen Sie unsere Redakteure und unabhängigen Journalismus. Vielen Dank. 

Jetzt spenden.