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Kolumne

Relativismus relativiert sich selbst

02.04.2022

Andi Bachmann-Roth
Andi Bachmann-Roth

In Europa tobt der schrecklichste Krieg seit 77 Jahren. Schonungslos deckt er die hässliche Fratze des moralischen Relativismus auf. Dieser begegnet mir in Aussagen, man könne nicht so genau sagen, wer an der Eskalation schuld sei; beide Parteien hätten Fehler gemacht. Differenzierte und freundliche Mitmenschen sprechen von „verschiedenen Perspektiven“ und „Propaganda auf beiden Seiten“. Wir haben offenbar so lange die Luft des moralischen Relativismus geatmet, dass auch offensichtliches Unrecht weder erkannt noch benannt wird. Miroslav Volf schrieb zu Beginn des Krieges den bemerkenswerten Tweet: „…die Täter nicht zu verurteilen und sie nicht von den Opfern zu unterscheiden, bedeutet, die Situation mit einer moralischen Finsternis zu überziehen, in der ‚alle Katzen grau‘ sind.“ Die Postmoderne hat sich zu Recht von der naiven Vorstellung der Moderne verabschiedet, es gebe nur Schwarz und Weiss. Nur EINE vernunftbasierte, objektive Sicht auf Wahrheit und Gerechtigkeit. Und so ist auch unsere Sichtweise tatsächlich nicht einfach nur rein und wahr. Heute betonen wir die vielfältigen Perspektiven und schätzen die Differenzen. Alle haben ein bisschen recht. Oder im Falle des Relativismus liegen wir alle gleichermassen falsch. Wer will sich schon ein Urteil anmassen!

Eine solche postmoderne Sichtweise ist ebenso problematisch. Denn sie kann weder dem Bösen etwas entgegensetzen noch den Weg zur Versöhnung weisen. Nein, es geht nicht darum, alle Russen als Mörder zu verunglimpfen oder Putin die Menschlichkeit abzusprechen. Es geht um eine legitime Differenzierung von Gut und Böse. Echte Versöhnung benennt das erlittene Unrecht, aber rechnet dieses dem Übeltäter nicht an. Er verdient Strafe, aber erhält Gnade. Was Putin und seine Armee in der Ukraine anrichten, muss aufs Schärfste verurteilt werden. Denn ohne Wahrheit und ohne Gerechtigkeit wird es keinen Frieden geben.

Andi Bachmann-Roth ist Co-Generalsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz SEA.

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