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Interview

Myanmar: Beten im Bürgerkrieg

09.09.2022

Zahlreiche buddhistische Tempel stehen in Myanmar. Foto: pixabay.com
Zahlreiche buddhistische Tempel stehen in Myanmar. Foto: pixabay.com

In dem vergessenen Bürgerkrieg in Myanmar setzen Christen auf die Macht des Gebets. Wie das praktisch aussieht, fragte Traugott Farnbacher einen einheimischen Kirchenleiter bei dessen Deutschlandbesuch.

In Myanmar werden Christen und Kirchen von der herrschenden Militärjunta kritisch beäugt. Deshalb will der führende Geistliche der Evangelischen Kirche der Mara in Myanmar (MEC) anonym bleiben. Ich treffe Pfarrer K. W. im Rahmen seiner Teilnahme an der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Karlsruhe, wo er seine Kirche vertritt. Die Gemeinden der MEC liegen im Chin-Staat im Südwesten des ostasiatischen Landes mit seiner christlichen Mehrheit.

Vor anderthalb Jahren putschten sich die Militärs an die Macht. Lebensmittelversorgung, Gesundheits- und Bildungswesen sowie Infrastruktur sind zusammengebrochen. Die Kirchen leiden wie die Zivilbevölkerung im Spannungsfeld der Konflikte zwischen den Junta-Militärs und Widerstandsgruppen. Zehntausende Menschen flohen aus dem Land. Viele wurden verhaftet, gefoltert oder getötet.

Wie der Leiter erzählt, sind kirchliche Aktivitäten sehr eingeschränkt. Kirchen und Christen werden angegriffen; Häuser und ganze Dörfer abgefackelt. Die Christen werden müde. Viele sind deprimiert und verängstigt. Sie sehnen sich nach seelischen und geistlichen Schutzräumen. „Gott allein ist unsere Zuflucht. Das lernten wir und das lehren und leben wir“, so Pfarrer K. W.

Woher kommt Hoffnung?

„Wie behalten sie mitten im Bürgerkrieg ihr Gottvertrauen?“, will ich von ihm wissen. Durch die Krise haben sie ihr Gebetsleben intensiviert, antwortete der Geistliche: „Für alle Familien und Gemeinden sind die täglichen Gebetstreffen in den Gemeindehäusern Pflicht. Morgens von fünf bis sechs und abends von sieben bis acht Uhr. Gemeindeälteste, auch Frauen, begleiten die Andachten. Hier singen wir, lesen Bibelpassagen und beten miteinander. Unsere Gebetsvorbilder sind Personen der Bibel wie Elia, aber vor allem das Gebetsleben Jesu.“

Ein Ventil für Frust

Wie der Geistliche erzählt, flehen sie Gott für Frieden in Myanmar an, das Ende des Kriegs in der Ukraine und in anderen Ländern, und sie beten für die Kranken. Es fehlt an Ärzten und Medikamenten.

Die Ältesten suchen alle Gemeindemitglieder auch zu Hause auf und beten für ihre Alltagsanliegen. Alle Entscheidungen treffen sie nach intensiven Gebetszeiten. Dazu gehört auch, zu prüfen, wann eine Flucht nötig werden mag. K.W.: „Wir klagen Gott unsere Frustration und wollen Verzweifelte zur Hoffnung anstiften. Beten ist wie ein Ventil, eine Kraftquelle.“

Jedes Gebetstreffen endet mit dem Vaterunser. „Zuweilen beten und fasten wir tagelang“, so der Pfarrer. Einige Frauen hätten prophetische Gaben, mit denen sie Gottes Perspektive entfalten. „Wir beobachten, dass unsere Gebetspraxis die Einstellungen der Menschen kolossal verändert“, so der Pfarrer. „Menschen finden im Evangelium inneren Frieden und neue Zuversicht, obwohl ihnen äußerlich alles geraubt wurde. Hätten wir diese Praxis nicht, so würden wir austrocknen. Im Gebet gestehen wir unsere Schwächen und werden dadurch stark. Gebet lehrt uns neu glauben.“

Der Autor Traugott Farnbacher (Neuendettelsau) war Referatsleiter für Beziehungen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern mit dem Pazifik und Ostasien im „Centrum Mission EineWelt“ (Neuendettelsau).

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