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„Menschen mit einem gesunden Glauben sind insgesamt resilienter“

29.06.2021

Jonas Baumann. Foto: zvg
Jonas Baumann. Foto: zvg

Wie schätzt ein Fachpsychologe für Psychotherapie (FSP), der in seiner Praxis täglich Jugendlichen gegenübersitzt, deren momentane Befindlichkeit ein? IDEA sprach mit Jonas Baumann.

IDEA: Wie geht es den Teenagern und Jugendlichen?

Baumann: In der Praxis bin ich vermehrt mit Angst- und Depressionserkrankungen konfrontiert. Die psychische Belastung und auch die emotionale Instabilität junger Menschen hat insgesamt zugenommen. Einsamkeitsgefühle aufgrund sozialer Distanzierungsanweisungen wurden pandemiebedingt akzentuiert. Gerade die Frage, was die Zukunft bringt, beschäftigt viele junge Menschen. Wie Eltern mit der Pandemie umgegangen sind und umgehen, wirkt sich sehr stark auf das Wohlbefinden ihrer Kinder aus. Dabei spielt auch eine Rolle, wie die psychische Gesundheit – Resilienz, Emotionsregulation,  Stressmanagement – vor der Pandemie aussah. Aber es gab auch Jugendliche, die sich in der Coronazeit positiv entwickeln konnten.
Weniger mit der Pandemie in Verbindung – aber trotzdem zunehmend – sind Cybermobbing und Sinnkrisen.

Sind die Problemstellungen der jugendlichen Klienten komplexer geworden?

Die Komplexität hat meiner Ansicht nach nichts mit Corona zu tun, sondern ist ein gesellschaftliches Phänomen. Unsere Welt wird einfach immer komplexer, was die Gefahr mit sich bringt – gerade auch für christliche Organisationen –, zu schnell mit Vereinfachungen punkten zu wollen.

Was für langfristige Auswirkungen könnten die durch Corona veränderten Lebensgewohnheiten auf die Entwicklung der Teens und Jugendlichen haben?

Ich bin da nicht so pessimistisch, weil ja hoffentlich auch wieder eine  gewisse Normalität Einzug halten wird. Besonders für junge Menschen sind soziale Kontakte, die Peergroup, sehr wichtig, da gibt es bereits wieder etwas Entspannung. Wie sich die Wirtschaft erholt und damit auch die Zukunft unserer jungen Menschen aussehen wird, kann noch nicht abschliessend beurteilt werden. Sicher beschäftigt die jungen Menschen die Frage, ob der Status in Zukunft gehalten werden kann. Oder ist der Zenit mit der Generation der Eltern erreicht?

Wie erklären Sie sich, dass Jugendliche, die in christlichen Gemeinden eingebunden sind, scheinbar die Pandemie grösstenteils gut bewältigen?

Menschen mit einem gesunden, gelebten Glauben sind insgesamt resilienter, nicht nur bei Corona. Dabei gewichten wohl folgende Aspekte: Hoffnung auf eine Zukunft, einen Ansprechpartner zu haben, sich gehalten wissen, das Leben feiern, Rituale, aber auch die soziale Einbindung in einer Kirche, Gemeinde mit Gleichgesinnten. Als Psychologe würde ich diese Aspekte unter Spass, Sinn und Sicherheit subsumieren.

Ist der Glaube eine Ressource oder eine zusätzliche Repression?

Das hängt stark davon ab, wie der Glaube gelebt wird. Meine Beobachtung ist, dass es sowohl Gewinn wie Last sein kann. Letztendlich hängt es auch stark davon ab, welche Vorbilder junge Menschen haben und wie Glaube im Elternhaus vorgelebt wird. Dann aber, wie erwähnt, auch von den Gemeinden, wie die Ausgestaltung des täglichen Glaubens vermittelt wird.

Welche Signale sollten Leiter bei ihren Teens und Jugendlichen unbedingt beachten?

Krisen und Nöte müssen insgesamt ernst genommen werden. Dafür sind halt primär gute Beziehungen entscheidend. Nur so können Hilfeleistungen adressiert und schwierige Momente gemeinsam gemeistert werden. Zudem ist der Einbezug von fachlich gut ausgebildeten Seelsorgern sowie Therapeuten in Krisenzeiten sehr sinnvoll.

Wartelisten bei Fachstellen, Jugendpsychiatern und -psychologen seien länger geworden, hört man. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Ich führe keine Warteliste, denn wenn Menschen Hilfe brauchen, dann möglichst bald. Aber die Zahl der Absagen hat weiter zugenommen und die Herausforderung, einen guten Therapieplatz zu ergattern, ist nach wie vor hoch. Deshalb bin ich auch froh, dass die Psychotherapie ab Mitte 2022 endlich vollständig eigenständig wird.
(Interview: Helena Gysin)
psychologis.ch

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