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Mennoniten – jenseits der Klischees

07.08.2022

Jürg Bräker sprach an der Weltversammlung der Mennoniten in Indonesien. Foto: Tiz Driharkoro
Jürg Bräker sprach an der Weltversammlung der Mennoniten in Indonesien. Foto: Tiz Driharkoro

(IDEA) - Jürg Bräker sprach an der weltweiten Mennonitenkonferenz in Indonesien. Er erklärt die heutige Vielfalt der 500 Jahre alten Bewegung dieser täuferischen Freikirchen.

Thema der Versammlung der Mennonitischen Weltkonferenz war „Gemeinsam Jesus nachfolgen, über jegliche Trennung hinweg“ (Following Jesus together across barriers). Was braucht es, um als Mennonit in der weltweiten Gemeinschaft anerkannt zu werden?

Jürg Bräker: Die kurze Antwort ist: Man gehört zu einer Gemeinde, die sich zur täuferisch-mennonitischen Tradition zählt.

Und was heisst dies konkret?

Diese weltweite Gemeinschaft ist sehr vielfältig. Alle beziehen sich in einer Weise auf die Anfänge des Täufertums im 16. Jahrhundert zurück, aber mit unterschiedlichen Rückbezügen. Grundsätzlich kann man zwei Bewegungen unterscheiden, wie sich das Täufertum weltweit verbreitet hat. Zum einen durch die – meist erzwungene – Auswanderung aus den Ursprungsgebieten in Europa in die heutige Ukraine und nach Russland, Nordamerika und im 20. Jahrhundert auch nach Südamerika, wo in verschiedenen Ländern Kolonien gegründet wurden. Zum andern geschah die Ausbreitung durch Mission von Mennoniten. Diese Gemeinden in Lateinamerika, Afrika und vielen asiatischen Ländern, und auch wieder in der Ukraine, in Litauen, Spanien und Portugal machen heute die grosse Mehrheit der Täufer aus und sind eigenständige Mitglieder der weltweiten Täuferbewegung. Das grosse Wachstum der Kirchen im globalen Süden geht auf ihre eigenständige Verkündigung des Evangeliums zurück. Die zahlenmässig grössten Kirchen der Bewegung findet man heute in Äthiopien und in der Demokratischen Republik Kongo.

Was bedeutet diese Vielfalt auf inhaltlicher Ebene?

Es gibt viele pfingstlich-charismatisch geprägte Gemeinden, befreiungstheologisch-liberale, konservative, evangelikale. Meist erfasst keine dieser Etiketten die gelebte Wirklichkeit, die ständig in Bewegung ist, nicht zuletzt durch die vielfältigen Bezüge, wie sie im weltweiten Leib der täuferischen Gemeinschaft gelebt wird. Gemeinsam ist sicher, dass man durch eine Bekenntnistaufe Mitglied wird. Die Kirchen der MWK bekennen sich zu sieben „gemeinsamen Überzeugungen“. Letztlich verbindet uns das Anliegen der frühen Täufer, als Gemeinschaft im konkreten alltäglichen Leben Jesus Christus nachzuleben, im Kommen seines Friedensreiches mitzuwirken.

Was löst der Ukraine-Krieg in der weltweiten Denomination mit pazifistischer Tradition aus?

Die Friedenskommission der MWK hat über die letzten fünf Jahre hinweg eine Erklärung zur Militärdienstverweigerung aus Gewissensgründen erarbeitet, die in dieser Versammlung dem General Council zur Annahme vorgelegt wurde. Über viele Jahre hinweg war die Kommission mit verschiedenen Kirchen im Gespräch, in denen sich diese Fragen in unterschiedlichen Kontexten stellen. Etwa Nigeria oder Ghana im Widerstand gegen Boko Haram, in den USA und in Kanada. Die Erarbeitung des Dokuments war umsichtig, und doch trifft es durch den Ukraine-Krieg auf einen Kontext, der so nicht berücksichtigt war. Passiver Pazifismus, der oft mit Widerstandslosigkeit verwechselt wird, wurde längst abgelöst durch aktiven Widerstand und Konflikttransformation mit Mitteln, die auf letale Gewalt verzichten. Wenn aus den europäischen Mennonitenkonferenzen Stimmen kommen, die nach einer Neubewertung der Friedenstheologie fragen, kommt aus anderen Weltgegenden berechtigterweise die kritische Anfrage, was denn diesen Konflikt so anders macht als das, was sie in ihren Ländern erleben. Zu nennen sei da die Gewalt in der DR Kongo, die Militärdiktatur mit brutalsten Vertreibungen in Myanmar, der Krieg in Äthiopien, der systematische Terror durch Drogenmafia oder Boko Haram, die gewaltsame Unterdrückung von Protesten in Hongkong. In all diesen Konflikten haben sich die täuferischen Kirchen weiterhin zum gewaltfreien Widerstand bekannt und wurden von der weltweiten Kirche darin bestärkt. Sicher stellen sich auf der politischen Ebene andere Fragen, wenn eine Atommacht Krieg führt. Aber nicht nur Atommächte führen Vernichtungskriege und dies hat beim weltweiten Täufertum das Bekenntnis zum gewaltfreien Widerstand nicht infrage gestellt. So lösen die Fragen nach der Bewertung des Pazifismus angesichts der Brutalität des Ukraine-Kriegs sekundär Anfragen aus anderen Kriegen und Konfliktsituationen aus: Zählen diese Kontexte weniger, wie wenn es Europa und Nordamerika trifft? Warum löst die Gewalt im Kongo und in Myanmar keine vergleichbaren Solidaritätswellen aus? – An der Versammlung der MWK stellte sich allerdings weniger die Frage nach den politischen Implikationen des gewaltfreien Widerstandes in Kriegen, sondern vielmehr bei staatlicher Intoleranz.

Mennoniten werden in Medien immer wieder mal reisserisch mit dem rigorosen Lebensstil mancher Gemeinschaften in Nord- und Südamerika dargestellt. Welche Bedeutung haben diese für die weltweite Denomination?

Nur wenige dieser Gemeinschaften gehören der Mennonitischen Weltkonferenz an, etwa die Kolonien in Paraguay und Argentinien. Die oft porträtierten Alt-Kolonier und Amischen gehören sehr wohl zur Täuferbewegung und zur Vielfalt dieser Gemeinschaft. Die MWK lebt aktive und gute Beziehungen zu ihnen, aber sie haben sich bisher der MWK nicht angeschlossen. Manche leben bewusste Abgrenzung, andere wollen sich einfach in ihrer Freiheit nicht binden lassen durch eine übergeordnete Organisation. Und auch unter ihnen gibt es oft weit mehr Vielfalt, als ihr äusseres konservatives Erscheinungsbild vermuten liesse. Ich bin immer wieder überrascht, auf welch unerwartete Haltungen ich treffe. Die Kolonien in Südamerika, Old-order Mennonites, Alt-Kolonier und Amische machen wahrscheinlich etwas mehr als 15 Prozent des weltweiten Täufertums aus. Wenn eine Weltversammlung in Süd- oder Nordamerika stattfindet, nehmen manchmal auch Besucher aus Bewegungen teil, die nicht zur MWK gehören, andernorts aber kaum. So geschieht auf dieser Ebene wenig Interaktion. Auch wenn wir uns klar dazu bekennen, dass sie zu unserer Gemeinschaft gehören, sind die theologischen Debatten und das Gemeinschaftsleben von anderen Strömungen geprägt. Dazu gehören an der Befreiungstheologie orientierte beziehungsweise kontextuell orientierte Gemeinschaften in Nord- und Mittelamerika und Europa, friedenskirchliche Strömungen, evangelikal und charismatisch geprägte Gemeinschaften. Letztere findet man vor allem in den durch Mission entstandenen Gemeinden. Die Akzente verschieben sich ständig, Etiketten treffen die Wirklichkeit selten. Aber die Themen, welche die in Ihrer Frage erwähnten Medienberichte aufgreifen – etwa die Frage, ob ein Mobiltelefon erlaubt sei oder die Einschränkung der Bildung, Technikfeindlichkeit und Weltabgewandtheit –, gehören nicht zu dem, was die Mennonitische Weltkonferenz prägt und umtreibt. Auf Weltebene können zum Beispiel Männer und Frauen alle Ämter ausüben. Die Mitgliedskirchen sind nicht verpflichtet, diese Gleichberechtigung der Geschlechter in ihren Kirchen ebenso zu leben, und sie gehen unterschiedlich mit der Thematik um. Sie müssen aber die Gleichberechtigung in weltweiten Leitungsaufgaben akzeptieren.
(Interview: David Gysel)
 

Mennonitische Weltkonferenz; Jürg Bräker

Von weltweit rund 2,1 Millionen Täufern gehören 1,4 Millionen zu Kirchen, die sich der Mennonitischen Weltkonferenz MWK angeschlossen haben. Alle sechs Jahre treffen sich Vertreter aus allen Kontinenten zu einer Weltversammlung, dieses Jahr vom 5. bis 10. Juli in Indonesien. Die Täuferbewegung hat ihre Wurzeln im 16. Jahrhundert.

Jürg Bräker ist Generalsekretär der Konferenz der Mennoniten der Schweiz. Er nahm an der Weltversammlung teil und gab dort Einblick in die Arbeit der Diakonie-Kommission und ihre Solidaritätsbesuche bei Kirchen in Notsituationen.
mwc-cmm.org
menno.ch

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