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Kein Nordisches Modell

16.06.2022

Marianne Streiff. Foto: zvg
Marianne Streiff. Foto: zvg

(IDEA) - Mit 172 zu 11 Stimmen lehnte der Nationalrat die Motion für ein Sexkaufverbot ab. Nationalrätin Marianne Streiff (EVP) bleibt trotzdem dran.

Sie wollten den Kauf von Sex gesetzlich unter Strafe stellen. Offensichtlich chancenlos. Warum dieses wuchtige NEIN?

Marianne Streiff: Unser Anliegen war und ist es, gegen die sexuelle Ausbeutung von Frauen vorzugehen, die sich unter Zwang prostituieren müssen. Das von mir geforderte Nordische Modell kriminalisiert dazu die Freier und nicht die Prostituierten. Damit soll die Nachfrage nach käuflichem Sex reduziert werden, um dadurch auch das Angebot und den oft damit verbundenen Menschenhandel weniger lukrativ zu machen. Ich forderte auch Ausstiegshilfen für Prostituierte sowie Aufklärungs- und Präventionsarbeit, analog zum Nordischen Modell. In Schweden und Norwegen konnte dadurch ein gesellschaftlicher Bewusstseinswandel erreicht werden. Offenbar ist man in der Schweiz noch nicht bereit, einen solchen Wandel anzustossen. Auch verschliesst man scheinbar bewusst die Augen vor der Tatsache, dass mehr als 80 Prozent der betroffenen Frauen sich aus ökonomischen oder anderen Zwängen verkaufen und sofort aussteigen würden, wenn sie könnten.

War die Forderung zu extrem?

Extrem ist das, was den Frauen körperlich und seelisch Tag für Tag angetan wird. Und die Forderung, dass kein Geschlecht den Körper des anderen für Sex kaufen darf, erscheint mir für eine Gesellschaft, die an allen Ecken und Enden zu Recht nach Gleichstellung schreit, alles andere als extrem.

Wie erklären Sie sich, dass Menschenhandel und Prostitution zwar öffentlich kritisiert wird, aber wenn es darum geht, ein Zeichen zu setzen, ein Rückzieher gemacht wird?

Es geht beim Nordischen Modell eben nicht nur um ein Zeichen. Es geht zum einen um einen grundlegenden Bewusstseinswandel in der Gesellschaft. Und es geht darum, dass eine strafrechtliche Kriminalisierung des Sexkaufs plötzlich eben nicht mehr allein die Prostituierten betreffen würde. Mit einem solchen Gesetz ginge es plötzlich alle an, die bisher trefflich profitiert haben: Freier, Zuhälter, Bordellbesitzer, Menschenhändler, Familienclans, Vermieter.

Die Forderung wurde auch von erklärten Frauenrechtlerinnen abgelehnt. Was sagen Sie dazu?

Ich kann es schlicht nicht begreifen, dass man einerseits für „Nur Ja heisst Ja“ und sexuellen Konsens kämpft und andererseits die Augen davor verschliesst, dass vor unserer Haustür täglich Tausende von Männern eine Frau kaufen, die diesen Sex dann aus purer Not über sich ergehen lassen muss. Prostitution ist ein bezahlter Akt sexueller Gewalt. Punkt. Sie hat in der Regel nichts mit sexuellem Konsens zu tun. Sie ist eine Ohrfeige ins Gesicht einer gleichgestellten Gesellschaft und ein Affront für die gesellschaftliche Stellung der Frau – vom Frauenbild, das dahintersteht, ganz zu schweigen.

Was ist Ihr nächster Schritt?

Wir kämpfen weiter für eine Schweiz ohne Ausbeutung. Es sind Vorstösse für existenzsichernde Ausstiegshilfen für Prostituierte sowie für Aufklärungs-, Präventions- und Bildungsmassnahmen in der Schweiz und in den Herkunftsländern der Betroffenen geplant.
(Interview: Daniel Rehfeld)
evppev.ch

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